Zur Münchner Uraufführung

Von Hanns Braun

Das Wort Studio-Aufführung besagt mit drei Vorsilben, was in der Publizistik mit einer redaktionellen Vorbemerkung ausgedrückt zu werden pflegt: „Wir halten die Ausführungen für so belangvoll, daß wir sie bringen, ohne uns jedoch im einzelnen damit zu identifizieren.“ Infolgedessen erweckt eine Studio-Aufführung, die noch dazu aus dem Abendspielplan herausgelöst und auf den

lieben Sonntagmorgen verlegt ist, bestimmte Erwartungen in einer reizvoll unruhigen Atmosphäre: vom Theaterskandal bis zur Inthronisierung eines neuen Shakespeares sind sozusagen alle Möglichkeiten offen. Es herrscht „kritische“ Luft; die drei Silben haben’s herausgefordert. Es herrscht aber – sich mit der Raubtierwitterung seltsam mischend – ein gewisses gerührtes Wohlwollen, zumal wenn es sich um einen jungen Autor, um junge Schauspieler in einem unter lauter jungen Menschen spielenden in einem selber jungen Stück handelt.

Die Voraussetzungen dieses Wohlwollens konnte Thomas Engels Schauspiel „Treibgut“ bis ins letzte erfüllen; denn unter diesen „herrenlos auf See treibenden Gegenständen eines havarierten Schiffes“ (wie mein Lexikon jenes Titelwort deiniert ( versteht der junge Autor seine eigene Generation, so wie sie in den Mahlstrom des Krieges hineingezogen und von ihm zuletzt ausgespien worden ist: trümmerhaft, zerrüttet an Leib und Seele und fast ohne Hoffnung. Das geht uns nahe an, fast zu nahe noch, und unsere schmerzliche Teilnahme ist solcher Sache gewiß. Allein sie lebt doch nicht bloß davon, daß unsere Nerven anschlagen, wenn über die Bühne her zurückkommt, was uns eben erst realiter Nerven und mehr als das gekostet hat: Bombenangriffe, verstümmelte Menschen, jene Stille, wenn’s an der Wohnungstür läutet und die Angst, es könnte die Polizei sein, alle versteinert, und nicht zuletzt, und noch immer nicht beendet: die Verluderung der Frau. Ehe wir das ja fünf Etappen so auf ein Nichts zu, in dem aber zuletzt doch die Liebe ein Flämmlein der Hoffnung anzündet, abreißen sehen (denn dieser Fünfakter ist mehr Bilderbuch und Ballade als Drama, mehr lebhaft vorgestellter Bericht als Aktion-in-Gegensätzen), ehe wir soweit gekommen sind, ehrlich gepackt und am Ende erschüttert, haben wir – besonders im Anfang – doch auch „kritische“ Zonen zu durchschreiten.

So hat man eine Zeitlang den Eindruck, einem pazifistischen Tendenzstück ausgeliefert zu sein, was auch dem Friedliebensten Kummer macht, weil er sich als Zuschauer aus seiner Zeugen- und Götterloge herausgeholt und zum „Adressaten“ profaniert sieht, was nicht sein sollte. Das Dickaufgetragene (wie die auf Beifall erpichten Kernsprüche) hat aber gerade dieses zeitnahe Schauspiel gar nicht nötig; und nachdem uns der junge Autor ein Weilchen solchen Trubeln und Skrupeln überlassen, findet er in dasSehen-der-zwei-Seiten, in die nichtsverzeichnende schauende Gerechtigkeit hinein, die zum Dramatischen gehört, und macht uns gerade damit frei, auch für das furchtbar Warnende seines Gegenstandes. Der zweite Einwand betrifft ebenfalls die Frage der Objektivierung; diesmal von seiten des Milieus. Das Stück spielt zwischen Studenten, literarisch interessierten und Schauspielschülerinnen –, in einer Umwelt also, die so verdächtig nahe beim Autor und den Darstellern „gepflanzt“ erscheint, daß man ihr weit eher Exzesse ins Private als echte Welthaltigkeit und repräsentative Kraft zutrauen möchte. Aber auch hier gelingt es Thomas Engel, spätestens von der Mitte des zweiten Bildes an genügend Welt von draußen in die Bohemeabseitigkeit hereinzustürzen und das Sichwehren wie das Verpfuschtwerden dieser Jugend in fast heillosen Konflikten zum Gleichnis für alle zu erheben.

Ein Anfängerstück – ja. Aber eines, das von Szene zu Szene mehr Gewicht bekommt, und überdies in der Dialogführung und durch Bühnensicherheit deutlich verrät, daß Erich Engels Sohn „von zuhaus manches mitbekommen“ hat, an Wissen und Gabe. Ohne diese Mitgift wäre es vielleicht nicht einmal Otto Wernicke gelungen, die Studio-Uraufführung im „Theater am Brunnenhof“ zu einem so heftigen Erfolg zu führen, so stark seine verhaltene Intensität dabei auch ins Gewicht fiel. Er hatte lauter junge, spielfreudige und begabte Darsteller eingesetzt und es war ihm mit ihnen gelungen, was in der Altersstufe darüber noch immer nicht wieder glücken will, ein echtes Ensemble vorzustellen. Der Autor hatte seinem Start offenbar nicht beigewohnt; die Spieler freuten sich also – auch noch i. V., und da war wohl kein Zuschauer, der sich nicht auch wieder an ihrem Treuen mitgefreut hätte.