Wenn eine Regierung die Geheimabkommeneines anderen Landes veröffentlicht, so wird. damit zumeist ein Zweck verfolgt, dem nicht zugrunde liegt. Das State Departement hielt es dieser Tage für notwendig, die Welt von dem Inhalt gewisser Geheimdokumente über die zwischen Rußland und Deutschland in den Jahren 1939 bis 1941 getroffenen Vereinbarungen in Kenntnis zu setzen: es sind Enthüllungen, die die Sowjetunion schon im ersten Nürnberger Prozeß zu verhindern gesucht hat. Natürlich, es wäre peinlich gewesen, wenn damals, irgend jemand Stalin zitiert hätte/der am 22. August 1939 zu seinem Gast Rippentrop gesagt, hatte „Wenn England die Welt beherrscht, so ist daran die Dummheit anderer Staaten schuld, die sich stets bluffen lassen.“ Heute aber hat General Marshall, der Mann, dessen Ziel es ist, Europa gegen den Kommunismus wieder aufzubauen. selbst ihre Veröffentlichung und größtmöglichste Verbreitung befohlen, Und so erscheinen jetzt Zeitungen in Millionenauflage mit der Überschrift „Stalin-Hitler-Verschwörung“, in denen vonendlosen Güterzügen berichtet wird, die durch die Steppen Sir, biriens rollten, um das Deutschland Hitlers gegen jede Wirtschaftsblockade immun zu machen, oder in denen geschildert wird, wie man seinen Strich von der Nordgrenze Litauens bis an den Bosporus gezogen hätte, um Europa in „eine nationalsozialistische und eine sowjetische Einflußsphäre“ zu trennen.

Es stand damals noch nicht fest; ob das „Interesse beider, Mächte“ die Aufrechterbaltung eines Pufferstaates Polen „wünschenswert“ erscheinen lasse, diese Frage sollte erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung, in jedem Fall aber freundschaftlich entschieden werden. Traute man sich gegenseitig, auch nicht ganz, so war man doch von einer zuvorkommenden Höflichkeit. Sowohl bei der Einnahme Warschaus wie bei dem Überfall auf Norwegen und dem Einmarsch, in Frankreich beeilte sich die Sowjetregierung, jeweils „umfassenden Erfolg“ oder „die besten Glückwünsche“ zu übermitteln. Und auch der Absender dieser herzlichenBotschaften blieb immer der gleiche: Wjatschislaw Molotow, Außenminister der UdSSR; eben der gleiche Molotow, an dessen eiskaltem „njet“ sieben Jahre später im Kreise der Sieger alle Konferenzen scheitert! sollten, von denen sich – die Welt den Frieden erhoffte.

Die Dokumente erzählen weiter: von der Abweisung, Cripps in Moskau, von den Forderungen des Kremls auf militärische Stützpunkte am Bosporus und endlich von den ersten Zwischenfällen auf dem Balkan und in Finnland. „Aber zwischen all diesen Zeilen steht noch etwas anderes, Ungeschriebenes:Wie wenig jeder Deutsche von diesen Dingen wußte; mit welcher skruppellosen Borniertheit militärische und politische Entscheidungen getroffen würden. Es scheint, als hätten nur zwei Männer in der deutschen Regierung unermüdlich vor einem Konflikt mit der Sowjetunion gewarnt: Der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, und der Staatssekretär von Weizsäcker. Den einen hängte Hitler, der andere sitzt heute auf der-Nürnberger Anklagebank.

Die Dokumentensammlung, begonnen mit der Forderung des sowjetischen Geschäftsträgers in Berlin, die deutsch-sowjetischen Beziehungen müßteil „besser und besser“ werden, fand ihr Ende mit der Kriegserklärung vom 22, Juni 1941 – das Ende eines Paktes zwischen zwei Regierungen, die einander zwar mißtrauten, sich aber wie die New York Times es nennt – an „Zynismus und Gewissenlosigkeit wie auch in ihrer Unvoreingenommenheit gegen jedes internationale Recht nichts nachgaben. Man muß sich fragen, ob die Ausschaltung nur eines Partner“ genügt, um der Welt in Zukunft das Gegenteil, den Frieden, zu garantieren. C. I.