Von Robert Dangers

Die Wilhelm-Busch-Gesellschaft, die nach der Zerstörung des Busch-Museums in Hannover Mach Mechtshausen am Harz übergesiedelt war - wo allerdings im alten Pfarrhaus und Sterbehaus von Busch keine Möglichkeit bestand, das Archivmaterial sowie die Werke und Erinnerungen des Meisters auszustellen - plant, demnächst wieder nach Hannover zurückzukehren, um dort erneut ein Wilhelm-Busch-Museum aufzubauen. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als ich begann, über den Zeichner und Maler Busch zu forschen, befanden sich seine Originalzeichnungen und Ölbilder ausschließlich in privatem Besitz. Gemeint sind jene Werke des Künstlers Busch, die wenig oder nichts mit denen des Humoristen Busch zu tun haben. Es ist ein. rein privates Künstlerwerk, das als Ganzes erst nach dem Tode des Meisters an die Öffentlichkeit kam. Danach aber ist kein Zweifel, daß das weltbekannte Werk des Humoristen Busch nach seinem eigentlichen Wollen und Streben nicht sein erstes, sein eigentliches Anliegen war. Wen dies verwundert, der bedenkt nicht, wie eigenartig inn diesem Leben die Schicksalsfäden gesponnen waren und wie sich die Lebensmaschen verknotet haben.

Busch war von Jugend auf ein guter Rechner; als Schüler glänzte er in der Mathematik mit einer ..Eins“. So war es verständlich, daß die Eltern ihn auf Technische Hochschule nach Hannover schickten. Doch schon im Beginn des technischen Studiums entdeckte Busch seine künstlerische Begabung. Er sattelte um und i zog mit Studienkollegen nach Düsseldorf und nach Antwerpen auf die Kunstakademie. Natürlich war sein Vater nicht davon erbaut; nur die Vermittlung der Mutter hat den Unfrieden geschlichtet. Damals wie heute galt für die Väter der Beruf eines Malers für eine brotlose Kunst. Als Busch seine Studien in München fortsetzte, wo ihm die altmodische akademische Malweise und die große Historienmalerei keineswegs behagte und wo er nur zum Spaß, nur nebenbei begonnen hatte, die Studiengenossen durch Karikaturen und Spottverse für die Künstleralben zu erfreuen, schrieb ihm die Mutter oft genug: Das die letzte Rolle Taler, die ich heimlich für Dich gespart habe.“ Es mußte also etwas geschehen, damit er auf eigene Füße kam. Busch war aber als Künstler und Maler keine kämpferische Natur – so folgte er lieber dem Weg des kleinsten Widerstandes. Denn als der Verleger, der „Fliegenden Blätter“; der auf die Karikaturen Buschs in den Künstleralben aufmerksam gemacht worden war, mit Glück derartige Zeichnungen veröffentlichte, verschaffte er damit dem jungen Künstler das erste selbstverdiente Geld. Dieser „Seitenweg“ des Schicksals wurde nun der Hauptweg des ..Humoristen“. So ging es weiter von Bildergeschichte zu Bildergeschichte. Und mit dem Standardwerk „Max und Moritz“, war schon der große öffentliche Ruhm begründet.

Doch der inne Lebenszwiespalt ist geblieben. Sein Leben lang hat Busch als Maler und Zeichner still für sich an Werken gearbeitet, die den Absichten des Humoristen sehr fernstanden. Und es gibt Zeugnisse und Aussprüche genug von ihm selbst, daß ihm dieses Zeichnen und Malen als eigentlicher Beruf am Herzen lag. Sein großer Fleiß ist auch hier bewundernswert: Das Werk, des bildenden Künstlers Busch besteht aus etwa 2000 bis 3000 Zeichnungen, etwa 25 bis 30 Skizzenbüchern, etwa 1000 – bis 1200 kleinformatigen Ölbildern, etwa 12 Radierungen, etwa 12 bis 15 Plastiken. Nur hat Busch zu seinen Leb-. zeiten derartige Werke jemals weder ausgestellt noch verkauft.

Trotzdem hat dieses Werk Bedeutung in der Kunst des 19. Jahrhundert. Denn Wilhelm Busch ist in seinen besten Leistungen durchaus ein Eigener, ein deutscher Meister des Impressionismus. „Er war nicht mit der Kunst verheiratet; er stand in einem .Liebesverhältnis zu ihr.“ – hat Liebermann von ihm gesagt. Daran ist so viel wahr, daß Busch sich stets an die rein künstlerische Handschrift hielt, an den ersten künstlerischen Wurf – er war halt nicht der Ansicht, alles müsse akademisch ausgetüfftelt sein. Man muß allerdings den künstlerischen Atem spüren – und der ist bei Busch in den meisten seiner Werke durchaus vorhanden. Seine Zeichnungen können wetteifern mit denen Menzels. Seine schönsten hellen Landschaften halten sich sogar gut neben den Werken der französischen Impressionisten. Und es scheint, daß man in Zukunft überhaupt die Wertakzente im Werk von Busch durchaus noch wird verschieben müssen zugunsten des reinen Künstlers, des Zeichners und Malers, es sei denn, man gäbe dem Verfasser der kurzen Autobiographien und den beiden Prosabüchern ..Der Schmetterling“ und ..Eduards Traum“ die höchste Ehre. Denn der weise Humorist und Verseschmied, der ein stiller Zeichner und Maler war, er war zugleich ein genialer Prosaist.