Von Heddy Neumeister

Vor hundert Jahren, an der Wende des Jahres 1847/48, hatten Marx und Engels die systematische Entwicklung ihrer Theorie im wesentlichen abgeschlossen. Sie bezeichneten ihr System als historischen Materialismus, um damit den Gegensatz zum philosophischen Idealismus zu charakterisieren. Im Februar 1848 erschien dann in London das Kommunistische Manifest, dessen Zweck es war, „dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenzustellen“. Das Manifest verfolgt also in erster Linie einen politischen Zweck, und es wäre irreführend, wollte man Einblick in die Grundlagen des Marxismus allein aus dieser Kampfschrift gewinnen. Auch die marxistische Theorie ist nicht isoliert entstanden, sondern in einem natürlichen Zusammenhang mit den

mannigfaltigen geistigen Strömungen des beginnenden 19. Jahrhunderts. Das wird gerade auch dort deutlich, wo diese Theorie in bewußter Antithese zum Idealismus, als neue Gesellschaftslehre und Geschichtsbetrachtung entwickelt worden ist. Manches politische Mißverständnis der heutigen Zeit findet seine Erklärung in Formulierungen, die der damaligen historischen Situation entstammen. So, wenn es im Manifest heißt: „Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.“ Und dann weiter: „Die Kommunisten arbeiten endlich überall an der Verbindung und Verständigung der demokratischen Parteien aller Länder.“’ – Wahrhaft prophetisch in ihrer Sorge, aber bleibt die Frage von Karl Marx, die er als Londoner Vertreter der „New York Tribune“ im Jahr 1853 stellte: „Wird der Byzantinismus den Rußland verkörpert, der westlichen Zivilisation weichen, oder wird er eines Tages die Möglichkeit finden, seinen verhängnisvollen Einfluß in Formen zu erneuern, die schrecklicher und tyrannischer wären als je zuvor?“

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört ...Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung erstärkt. Sie hat die persönliche Würde in dem Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.“ „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revoulutionieren ...Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht und die Menschen sind endlich gezwungen, die Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

„Die Beourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erreichenden Kommunikationen alle, auch die nachbarischen Nationen in die Zivilisation ...Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Beourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, das heißt Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“

Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder Sieg, ist ein Sieg der Bourgeoisie. Diese Sätze, welche die beiden jungen Leute, Karl Marx und Friedrich Engels, damals neunundzwanzig und siebenundzwanzig Jahre alt, im November und Dezember des Jahres 1847 niederhämmerten – sie tragen vor allem den Stempel des an der hohen deutschen Klassik geschulten, feurigen Sprachgefühls von Karl Marx –, diese Sätze erinnern in merkwürdiger Weise an andere Sätze, welche etwa siebzig Jahre früher ein anderer junger Mann in etwa dem männlichen Alter in ähnlich leidenschaftlicher Verfassung niederschrieb: es sind Goethes Sätze über die Natur: „Wir sind von ihr umgeben und umschlungen .... ungebeten und ungewohnt. nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme enfalllen ... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich ... Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt .. Sie hat sich auseinandergesetzt, um sich selbst zu genießen. Immer läßt sie neue Genießer erwachsen, unersättlich, sich mitzuteilen ... Man gehorcht ihren Gesetzen auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will ... Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.’’