Von Jan Molitor

Es war Web Miller, berühmter amerikanischer Reporter und Verfasser des schönen Buches „I found no peace“, der mir zuerst Unvergeßliches über Gandhi erzählte – derselbe Web Miller, der in seinem Kreide dafür bekannt war, daß er überall, von einer Friedenskonferenz zur anderen und von einem Kriegsschauplatz zum anderen, zwei Bank mit sich herumschleppte: die „Bekenntnisse“ des Augustinus und den „Walden“ von Thoreau. Was die Coufessiones Augustini bedeuten, braucht hier nicht gesagt zu werden; Thoreau, der den „Walden“ schrieb, war ein Amerikaner in der Nachfolge Emersons der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gegen die Sklavenhaltern aufstand, aus der Zivilisation sich zurückzog, sich einem einfachen Leben verschrieb und über eine Gefängnisstrafe, die er auf sich nehmen mußte, den wunderbaren Satz formulierte: „Die Ratlosen wußten nicht, was sie mit mir anfangen sollten ... Da sie mein Selbst nicht erreichen konnten, straften sie meinen Körper; wie Knaben einen Hund quälen, dessen Herrn sie nicht beikommen können.“ Dieser Thoreau bekannte, daß er die indischen Schriften gelesen habe. Und als Gandhi – der sehr freimütig zu Pressemännern war, weil er ja auch selber schließlich sein Lebtag als Journalist gearbeitet hat – mit Web Miller in London sprach, bekannte er, daß er früh den „Walden“ von Thoreau und das Neue Testament gelesen habe. So schloß sich der Kreis der Ideen.

„Wenn ich das Alte Testament las“, so erzählte Gandhi, „so schlief ich jedesmal unfehlbar ein. Aber das Neue Testament! Und besonders de Stelle: Ich aber sage euch, so dir. jemand einen Streich auf deine rechte Backe gibt, dann biete auch die andere dar. Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel’ – diese Bibelstelle sprach unmittelbar zu meinem Herzen und hat mein Leben mit bestimmt.“

Web Miller, der ein kluger, in seinem Verhalten einfacher, manchmal schüchtern wirkender Main war, hatte, wie er sagte, „fast alles im Leben gesehen, was es zu sehen gab, nie aber einen Mann wie Gandhi“. Er sagte, während er in dem Berliner Lokal mit der Geste einer gewissen Verlegenheit am Stiel seines Weinglases spielte: „Ist Ihnen jemals klar geworden, warum man Christus eigentlich umgebracht hat? Wegen seiner Politik? Weil er so sanft war? Ein Heiliger? Wenn Gandhi gewaltsam sterben sollte – sei es, daß er verhungert, sei es ein plötzlicher Tod –, so werden wir uns vielleicht ein Bild auch über den Tod des Mannes von Nazareth machen können ...“

Das war ein werkwürdiger Dialog unter Reportern. Und es ist nicht verwunderlich, daß dieses Gespräch wieder in der Erinnerung auftauchte, jetzt, als die Nachricht vom Tode Gandhis kam. Die Hungerwochen, durch die er Indien und Pakistan die: im Bruderkrieg grauenhaft sich zerfleischende! Hindus und Sikhs und Moslims zu einer ersten Einsicht zwingen wollte und auch zwang, hat er überstanden. Sein gewaltsamer Tod ist plötzlich gekommen. Durch drei Schüsse ... Ein junger Hindu drängte „ich“ in seine Nähe, grüßte den Heiligen seiner Nation und schoß ... Judas-Verrat und Kreuzigung zugleich. Vorher, Wochen vorher, waren auch die Rufe „Kreuziget ihn“ vernommen worden. Als er nämlich fastete und fast auf den Tod darniederlag, rührte er zwar die Herzen vor Millionen; aber es ist wahr, daß ein paar Hundert von seinen Landsleuten an seinem Hause vorüberzogen und riefen: „Laßt ihn sterben ...“ Drinnen lag Gandhi und betete für sie. Und heute ist sich der größte Teil Indiens mit dem größten Teil der Welt darin einig, daß Gandhis Tod ein entsetzliches Unglück für die Völker seines Landes ist.

Der „Mahatma“, die „Große Seele“, hatte gewünscht, daß seine Leiche am Ufer des heiligen Jumna-Flusses auf einem Scheiterhaufen eingeäschert werden sollte, Wie es dem orthodoxen Hindu-Ritus entspricht. Dies ist geschehen. Vorher war das indische Totenritual Sanaskar“ zelebriert worden. der tote Mahatma war in Tücher gehüllt, die nur sein Haupt sichtbar ließen; unablässig drängten sich die Menschen um das Totenhaus, und die Meldungen aus Neu-Delhi, der Hauptstadt Indiens, schildem, daß die Stadt, dunkel und beängstigend still dalag, die Straßen erfüllt von weinenden Menschen, denen Pandit Nehru die Worte zugerufen hatte: „Das Licht unseres Lebens hat uns verlassen und Finsternis ist zurückgeblieben. Der Vater unserer Nation ist nicht mehr.“ Die Großen der Welt – auch diejenigen, die so und so oft den indischen Polizisten befohlen hatten, Gandhi zu fangen und seine Anhänger zu prügeln – sprachen Worte der Trauer und Erschütterung. Die Staatsmänner feierten sein Andenken, und der Papst neigte sich vor Gandhis selbstlos reinem Wollen und Wirken. Aber weiß jemand, zu welchem Gott der Mahatma eigentlich gebetet hat?

Die Männer, die mit ihm zusammentrafen – und das waren unendlich viele, aus allen Teilen der Welt – sind sich darüber einig, daß er der Mythos seines Landes war. Er war auch ein Heiliger. Aber mehr ein Mann mit Religion als ein Mann der Religion. Daß er in seinem weißen Lendentuch oder weißen Umhang und seinem Stab in der Hand wie ein seltsamer Vogel aussah, täuschte nicht darüber hinweg, daß er eine durch und durch moderne Erscheinung war. Er war ein moderner Mystiker der Politik, nein, mehr als ein, Politiker: er war ein Mensch, er war der homo bonae voluntatis. Und scheint es auch manchmal, als ob in der heutigen Weltsituation gewaltsam und teuflisch das Böse über das Gute zu siegen im Begriffe sei, so hat Gandhi doch in letzter Stunde ein Beispiel aufgerichtet. Der Mahatma war 78 Jahre alt als er-starb, und kurz zuvor hatte er einer amerikanischen Zeitung erklärt, daß er eine „volle Lebensspanne leben möchte“, das heißt: ein Alter von mindestens 12? Jahren erreichen wollte. Aber ach, das war nicht Lebenslust, was ihn diesen Wunsch aussprechen ließ: es war Sorge. Die „Sonne der Freiheit“, für die er gebetet, geredet, gehungert und für die er in Gefängnissen geduldet hatte, sie wollte endlich aufgehen über seinem gequälten Lande. Aber die Sonne der Freiheit ging blutig auf. Sie versengt noch heute mit mörderischen Strahlen die Millionen von Flüchtlingen, die in Indien einherirren, und leuchtet höhnisch über einem Berg von Leichen, der sich täglich höher türmt. Gandhi, der Freiheits- und Friedensapostel, der nie dem einen Ziel seines Lebens – nämlich der Befreiung des Landes von englischer Herrschaft – so nahe und zugleich dem anderen Ziel – nämlich dem Frieden – so fern war, verlor zuletzt sein weises, gütiges Lächeln das ihn doch durch alle Nöte seines Daseins begleitet, hatte; er betete mehr als zuvor: bis er – im Begriff, seine Gebetsversammlung abzuhalten – auch sein Leben verlor.