Von Henry Hemmer

Man bedenke einmal: wieviel Freude, wievielKraft, wieviel Lebensmut geht uns verloren, nicht zwangsläufig durch äußere Umstände, sondern in sinnloser und unnötiger Weise durch die Launen unserer Mitmenschen. Dies ist nicht nur im Hinblick auf die Weltpolitik gesagt, sondern sogar im Hinblick auf uns selber! Die Erde wäre ein Paradies, wenn davon, abließen, einander das Leben zu verleiden und die schlechten Launen anzuhängen. Es ist ja die Freude der Freudlosen, anderen die Freude zu vergällen! Plötzlich fühlt man: Ich habe mich angesteckt. Ein Bazillus hat den Weg in unser Herz gefunden – und das Herz sinkt uns in die Schuhe Freilich, wir alle wissen, was gemarterte Nerven sind und was bitteres Leid bedeutet. Etwas anderes aber ist Verdrossenheit, Mißmut, dumpfer. Groll mit einem Wort: erbärmliche Laune. Die leitet sich nicht sosehr aus Verlusten, Gebresten, Nöten, Besorgnissen ab. als aus einem gewissen neidischen Unbehagen, aus innerer Unzufriedenheit mit uns selbst. Niemand wird in diesem Augenblick Allotria-Stimmung erwarten, und ob das so viel empfohlene ewige Lächeln, die krampfhaft aufgesetzte gute Laune immer am Platze ist, ist auch noch die Frage. Aber die Grundstimmung im Menschen sollte sich nicht ändern lassen! Es gibt ernste und heitere Naturen, es gibt Bärbeißer mit Nachtigallenherzen, leider gibt auch pomphaft auftretende Wichte, denen es eine Genugtuung bereitet, die Welt mit würdevoller Humorlosigkeit zu verpesten. Gewiß, man ist nicht immer Herr über seine Launen, nein, aber man kann ihrer Herr werden. Der Schnupfen der Seele läßt sich ebenso bändigen wie der Schnupfen der Nase, und es ist ebenso töricht wie rücksichtslos, nicht etwas dagegen zu tun. Alkohol, das Pyramiden der Seele, nützt leider nur vorübergehend. Man muß sich halt umsehen, was es auf Gottes Erdboden noch für andere Kompensationen gibt für das, was man nun mal nicht haben kann. Vielleicht macht man einmal die Augen auf, guckt sich die Welt an, in der man lebt – sie ist noch immer voll möglicher Freuden, von denen die schönsten absolut nichts kosten.

Wie? Auf Besserung von außen sollten wir warten? Kein Mensch w^iß, wann die Welt wieder ins Gleis kommt – und wie lange sie drin bleibt. Wenn die äußeren Umstände ein Gradmesser für innere Stimmung bildeten – wie würden Könige, Millionäre, Bonzen, Schieber immer von einem Bein aufs andere .hüpfen, daß sie sind, was sie sind! Aber der Mensch ist, je höher gestellt, desto unzufriedener, und gerade Leute, denen es schlecht geht, lachende Bajazzi, sind .diejenigen, welche die Mißgestimmten, denen es an nichts, gebricht, bei Laune erhalten. Früher waren Hofnarren dazu engagiert; heute, wo man oben keinen Spaß mehr versteht, gibt es desto mehr Weihrauchstreuer, und so wird jene unmenschliche Haltung allgemein, die man mit Recht als „tierisch ernst“ bezeichnet. Nichts fällt dem Menschen so leicht wie: tierisch zu sein... Sich selber – sein Schlange stehendes, auf Aufrufe harrendes, in Gemeins chaftswohnungen gequetschtes Selbst – so im Zaum zu haben, daß man nie aus dem Gleichgewicht gerät, ist zumindest so schwer wie das Seiltanzen. Aber wir Deutsche haben unsere Disziplinierungssucht in andere Bahnen gelenkt. Als eine indirekte Folge dessenkam daher jetzt die große Lehrmeistern Not zu um, Arm in Arm mit dem strengen Erzieher Zwang. Und man hat uns ein Training angedeihen lassen, das weiß Gott nicht von Pappe ist. Wir sind Enthaltsamkeit künstler geworden, Virtuosen in der traurigen Kunst des Vorliebnehmens. Ja, wir Nachkriegsdeutsche sind unbestritten selbstbeherrscht, wir sind nur noch nicht selbstbewußt. Wir legen keinen Stolz auf unsere erlernte Enthaltsamkeit. Wir bemitleiden uns, schieben unseren schwer errungenen Gleichmut, sobald die Rede davon ist, beiseite und meinen in wehmütigem Tone: Wir sind bescheiden geworden... – und die bitter erworbene Schulung ist entwertet. Hier ist eine Umschaltung nötig.

Man stelle.sich einen Fakir vor. der nach Beendigung seines schwierigen Lehrganges statt auf seine Künste stolz zu sein und mit seinen Fähigkeiten zu renommieren, darüber klagen würde; daß er so wenig ißt und so hart schläft. Wäre nicht des Zuschauers mit einer Art Grauen und Scham gemischter Respekt vor dem Fakirtum mir einem Schlage dahin? Ebenso sind unsere von einem ganzen Volk als solche niemals erreichten Leistungen herabgewertet, indem wir uns selbst bemitleiden. Wir können stolz unser Haupt erleben und mit lächelnder Überlegenheit um uns blicken. Laßt uns dies tun – und man wird uns bewundern!