In der für das deutsche Gerichtspersonal und die A freien Zeugen bestimmten Kantine des Nürnberger Militärtribunals kann man allmittäglich einen einsamen alten Mann beobachten. Mit einem einstmals hellgrau gewesenen Schlapphut und einem Ledermantel bekleidet balanciert er sein Cafeterietablett an einen der langen Tische und verzehrt still sein Mahl. Niemand nimmt von ihm Notiz, niemand grüßt ihn. Die ihn von früher kennen, schauen beiseite oder durch ihn hindurch. Er ist der einzige’ Gast, den Schweigen umhüllt in dieser von Lärm erfüllten Speisestätte. Sein Name ist Dr. Friedrich Gauß; bis 1945 war er Unterstaatssekretär und Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt, ein eminenter Völkerrechtler des Kaiserlichen, des Weimaraner, des Hitlerschen Deutschlands, Erfinder des juristischen Begriffs „Protektorat“, und intimer Mitarbeiter des Reichsaußenminister v. Ribbentrop. Kein Schriftstück zeichnete dieser, in das Gauß nicht Einblick genommen, das er nicht abgeändert, neu formuliert, verworfen oder gebilligt hätte. „Ich muß mit Gauß darüber sprechen“ war die ständige Redensart, mit der Ribbentrop, dessen Auffassungsgabe mit dem Tempo der Ereignisse nicht immer Schritt hielt, seine Entscheidungen hinausschob. Gauß war ein treuer Diener seines Herrn. Wenn dieser ihn telefonisch anrief, stand er auf – so wird erzählt – denn sitzenzubleiben wäre respektwidrig gewesen. Seit dem Beginn der Nürnberger Prozesse ist Dr. Gauß ein ebenso treuer Mitarbeiter der Anklage gegen die Behörde, zu deren leitenden Beamten er Jahrzehnte gehört hat. Immer wieder stützt sich die Anklage auf die sogenannten „Affidavits“, auf die eidesstattlichen Erklärungen des einstigen Unterstaatssekretärs. Er hat deren so viele abgegeben, daß er im Nürnberger Gericht den Spottnamen „Affidavits-Automat“ erhalten hat.

Daß die Anklage von diesem Manne Gebrauch macht, wo immer es ihr nützlich erscheint, wird niemand ihr verdenken wollen. Aufgabe des amerikanischen Stattsanwaltes ist es, die Schuld der Angeklagten nachzuweisen – und sonst gar nichts. Nach der amerikanischen Rechtsordnung ist der Staatsanwalt Partei, und ist die objektive. Wahrheitssuche ausschließlich Sache der Richter. Dies muß berücksichtigt werden, wenn man die Aussagen der Belastungszeugen prüft.

Am 27. Januar 1948 legte die Anklage dem Gericht ein Dokument vor, das in manchen Presseorganen kritiklos als eine Sensation gewertet wurde. Es ist am 25. Januar 1948 von Gauß verfaßt worden und trägt neben seiner Unterschrift, die des stellvertretenden Hauptanklägers Prof. R. M. W. Kempner und der als Zeuginnen bei diesem historischen Akt gegenwärtig gewesenen Assistentinnen Jane Lester und Margot Lipton. Dr. Gauß schwört: „Die deutsche politische Führung sah in dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 den ersten Schritt, zur Verwirklichung der Idee, ein Großgermanisches Reich zu. gründen. Denn dieses Reich sollte nicht nur Europa beherrschen, sondern der entscheidende Faktor In der Lenkung des Weltgeschehens überhaupt sein... Mit dem japanischen Angriff im Fernen Osten wollte die deutsche auswärtige Politik sich nunmehr dem noch weitergreifenden Zielen nähern, das Britische Weltreich für immer zu zertrümmern. Gleichzeitig sollten.damit die Vereinigten Staaten eine Stellung zweiten Ranges erhalten, von der Erbschaft des Britischen Weltreiches’ ausgeschlossen und ihr Macht und Einflußbereich auf den nördlichen Teil – des amerikanischen Kontinents beschränkt werden ... Diese Aufteilung war kein bloßer Wunschtraum, sondern der Plan, den die deutsche Diplomatie, mit dem Endsieg unmittelbar in die-Wirklichkeit umsetzen wollte... Die deutsche auswärtige Politik spielte damit die letzte politische Trumpfkarte aus durch den japanischen Vorstoß gegen Singapore und Indien dem Britischen Reich den Todesstoß zu versetzen

Was diese Behauptung von Dr. Gauß bezwecken soll, wird der weitere Verlauf des Prozesses erweisen. Doch fällt es schwer, zu glauben, es sei ihm wirklich entgangen, daß der japanische Angriff auf Pearl Harbour der Führung des Dritten Reiches völlig überraschend kam und daß der Ausbruch des Krieges zwischen Japan und den angelsächsischen Mächten das eigentliche Konzept Hilters. Japan zu einem Angriff gegen die Sowjetunion zu veranlassen, völlig verdorben hat.

Es ist bekannt, daß Hitler, als ihm der Überfall auf Pearl Harbour gemeldet wurde, Diese Nachricht mit der Bemerkung: „Erzählen Sie mir nicht solchen Unsinn“ quittierte, daß weder er noch Ribbentrop von der japanischen Absicht im voraus unterrichtet worden waren und daß selbst General Oshima, der japanische Botschafter in Berlin; überrascht war und sich zunächst anfällig sah. Erklärungen abzugeben. Dies bereits widerlegt die Unterstellung, daß es der Akt von Pearl Harbour war in dem Hitler den ersten Schritt zur Gründung eines Großgermanischen Reiches sah.

Zum anderen aber, und dies ist -entscheidend, ging Hitlers ganzes Trachten dahin, Japan zu einem Angriff gegen die Sowjetunion zu ermuntern. Dies kommt auch im Opening Statement der Anklage, wie in einer Reihe vorgelegter Dokumente der Anklage zum Ausdruck. Die Japaner haben sich dieser Aufforderung immer wieder mit der Begründung entzogen. daß Hitler den Angriff gegen Rußland eröffnet habe, ohne seinen japanischen Alliierten vorher zu konsultieren, worin die Japaner einen Verstoß gegen den Geist des Dreierpaktes erblickten. Sie wandten ein, daß Hitler zugesehen habe, wie Matsuoka auf der Rückreise von Berlin im Frühjahr 1941 in Moskau einen Nichtangriffspakt mit Rußland abschloß. In der Umgebung Hitlers ist erklärt worden, Hitler habe diesen Preis gezahlt, um seine Angriffsabsichten gegen Rußland unter allen Umständen geheim zu halten.

Man wird sich hüten müssen, gegenüber Dr. Gauß vorschnell Vorwürfe zu erheben Es wird berichtet, daß, er in der Einsamkeit seiner Zelle im Zeugenflügel viel geweint hat. So wird man den seelischen Zustand eines Mannes berücksichtigen müssen, der in das Getriebe eines unheimlichen Prozesses, geraten ist und in eine Situation, der er nicht gewachsen ist. Die Problematik seines Verhaltens wird sich klären, wenn, wie zu erwarten sein dürfte, er sich dem Kreuzverhör von Anklage und, Verteidigung des Gerichte stellen und damit seine Affidavits in aller Öffentlichkeit bestätigen muß. HG *

Zu unserem Aufsatz „Nürnberger Recht“ in Nr. 4 vom 22. 1. 1948 teilt uns Herr Dr. Kempner, Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß Nr. 11. mit, daß die von uns zitierten Beschuldigungen, die der bekannte Schweizer Journalist Örl In den „Basler Nachrichten“ erhoben hat, unfundiert seien und auf Berichte einseitig interessierter Kreise zurückgingen. Nach dem Grundsatz, „audiatur er altera pars“ geben wir diese Information unseren Lesern zur Kenntnis. Wir haben Herrn Dr. Kempner eingeladen, zu den problematischen-Fragen der Nürnberger Rechtsfindung in unserer Zeitung selbst Stellung zu nehmen.