Gepflegte oder gar elegante Umgangsformen hat man bei uns zulande im allgemeinen nie sonderlich geschätzt. Man preist statt dessen die rauhe Schale mit dem guten Kern and tut sich gern etwas zugute auf jene drastische Deutlichkeit des Wortes, die bewußt auf Zwischentöne verzichtet. Wenn man später einmal die tiefen Ursachen der nationalsozialistischen Verirrung unseres Volkes aus der Distanz einer objektiven Betrachtung untersucht. so wird man sicherlich auch einen Mangel an Selbstzucht und eine Lust zur Rabauzigkeit bedenken müssen und jenen Respekt vor keineswegs goldenen“ Rücksichtslosigkeiten, der damals so rasch um sich griff, daß man sich willig von Schreiern betöten ließ.

Man kommt um dieses Aspekt nicht herum, wenn man die Erlanger Rede Dr. Senden betrachtet. Er selbst, und auch die Fraktion! die ihn in sein Amt entsandt hat, wessen darauf bin, daß er sich für seine Formulierungen entschuldigt habe, aber gerade diese Bemerkung verrät eine befremdliche Verkennung des Tatbestandes. Eibe Entschuldigung für eine kleine Formverletzung? Man kann noch immer leichter eine Verirrung aus-Leidenschaft als eine Verletzung des Spiels entschuldigen.

Wir haben das Thema auf eine bestimmte Frage – nämlich die der Formen – begrenzt und sehen daher hier mit Absicht von jener anderen Seite der Erlanger Rede ab: der ihrer sachlichen Stichhaltigkeit. Die Generäle der Militärregierung haben Dr. Semler bekanntlich unwahre Behauptungen in zwei Fällen vorgeworfen, wobei es sich, wie mar. im Freundeskreise des Beschuldigten sagt, in bezug auf eine Äußerung Semlers über die Bezahlung der Lebensmittelimporte um ein Mißverständnis handelte, das durch die bei der Übersetzung nicht berücksichtigte prägnantere Differenzierung der engli-Sprache zwischen einer erst in der Zukunft und einer bereits. in der Gegenwart Vorzunehmenden Handlung entstanden sei, während in der Frage der Kohlenpreise, wie es heißt, verschiedene Auslegungen statistischer Ermittlungen vorlagen. Selbst wenn dieser Einwand zu Recht besteht – wir wollen, ihn also beiseite lassen, die Form ist wichtig!

Allerdings, das Gebot der Form wurde nicht nur von Dr. Semler verletzt. Nicht zu Unrecht hat man der Fraktion, vor deren Vertretern er jene Rede gehalten hat, die Frage gestellt, warum sie nicht in einer so heiklen Situation mit ratsamer Eile eingegriffen hätte. Der Wirtschaftsrat seinerseits ließ den Fall durch den Hauptausschuß untersuchen. Da es nicht leicht war, einen Text der freien Rede zu beschaffen, nahm die Untersuchung einige Zeit in Anspruch. Es kam noch dazu, daß der Hauptausschuß gerade in jenen Tagen mit dringlichen Gesetzesvorlagen auf deren rasche Ausarbeitung auch die Besatzungsmächte Wert legten, beschäftigt war. Zwar hatte in der letzten Vollversammlung der demokratische Abgeordnete Bungartz einen von der SPD unterstützten Antrag auf Behandlung des Falles Semler eingebracht. Doch der Antrag wurde im Hinblick auf die Untersuchung der Angelegenheit durch den Hauptausschuß zurückgestellt. Eins aber bleibt noch, da wir von Fragen der Form sprechen: Hat die betont brüske Art und Weise der Entlassung, schon im Hinblick auf den Wirtschaftsrat, auf die hohe Position eines Verwaltungsdirektors und auch auf gewisse psychologische Rückwirkungen, auf der anderen Seite nicht ebenfalls den Rahmen dessen überschritten, Was man Formgefühl nennt?

Es war wenige Jahre nach der Revolution von 1848. Das politische Leber. Wiens zitterte noch in den Nachwirkungen jener revolutionären Ereignisse. In dieser gespannten Atmosphäre ließ sich Franz Liszt zu einer Herausforderung des österreichischen Kaisers hinreißen, die kaum ihresgleichen hat. Liszt war zu einem Hoffest eingeladen und spielte brillant, wie nur er es konnte, den damals so verpönten Rackoczymarsch, den sich die 48er Rebellen zu ihrem Kampflied erkoren hatten. Die Hofgesellschaft erstarrte. Man bedenke ein dem gesellschaftlichen Rang nach kleiner Musikant hatte den Herr-, scher eines großen Reiches der ihm Gastfreundschaft gewährte, in so provozierender Weise beleidigt. Aber – mit der bezaubernden Geste des Kavaliers wandte sich Kaiser Franz Joseph an Liszt: „Sie haben den schönen Marsch so gut-gespielt. Mächten Sie ihn uns nicht noch einmal spielen?“ Die Beschämung für Liszt war nicht zu überbieten.

Nicht, daß wir mit der Erzählung dieser Episode dafür plädieren möchten, Herr Dr. Semler solle seine Rede noch einmal halten! Wir sprachen von der Form und ihrem Wandel im Laufe der Zeit und auch von dem sonst – es ist noch gar nicht lange her – an scheinbar unumstößlicher. Regeln geschulten Ton im internationalen Gespräch. Und in diesem Zusammenhang glaubten wir jene fast wehmütig stimmende Reminiszenz erwähnen zu sollen.