DonJuan, den die Weltliteratur belehrt hatte. daß er ewig sei, erwachte und ward gegenwärtig. Obwohl noch kein Friede war, stand fest,’ daß der größte Krieg, den die Weltgeschichte bisher erlebt hatte, vorüber war. „immerhin...“dachte Don Juan, und in dem erhebenden Bewußtsein, zu einem mit geringen Anteil zur Wiedereinführung friedensmäßiger Gebräuche beitragen zu können, kehrte er in die europäischen Großstädte ein. Gleich nach der Überreichung seines ersten Blumenstraußes in deutschen Gefilden rückte er zu seinem Erstaunen in das Licht ernster Betrachtungen; ganz unversehens verbreitete sich nämlich der Ruf er beherrsche die Kunst der Beschaffung knapper Handelsartikel. Sein Liebesgeflüster, bezaubernd wie je, rief, statt Bereitwilligkeit zu erwecken, ein mitleidiges Verwundern hervor. Denn mit vorsichtiger Freundlichkeit, wie sie nicht ganz Zurechnungsfähigengegenüber angewandt wird, erwiderte die von ihm beehrte junge Dame in Hamburg, sie habe mit Interesse von ihren Vorzügen Kenntnis genommen er möge indessen verzeihen, daß sie sichseit langem auf nichts anderes konzentrieren könne als auf Bohnenkaffee, denn ohne diesen sei sie überhaupt kein Mensch mehr,

Don Juan sorgte für ihre Menschwerdung. Und während er die ersten Nächte außerhalb des Hauses zu verbringen begann, trug Leporello auf seine Art Sorge für die-Grundlage zur Befriedigung aller Herzenswünsche; erkabelte an die früheren Geliebten seines Herrn, von denen er wußte, daß sie in Amerika verheiratet waren,um sie wenigstens wissen zu lassen, daß Don Juan den Krieg überstanden hatte. Der Erfolg seiner Briefe, war eine Belebung der atlantischen Paketschiffahrt, denn der findige Diener war klug genug gewesen, nur an solche Frauen zu schreiben, die schon in einer etwas angebrauchten Ehe lebten und für diePflege von Erinnerungen offene Herzen hatten. So stand Leporello bald einem wohlausgestatteten Lager vor, das er durch Tauschgeschäfte ständig erweiterte. Dennoch mußte er bemerken, daß Don Juan, wenn er am Morgen heimkehrte, nie mehr in einer so spazierstöckchenschwingenden Stimmung war wie in alten Zeiten. Und in dem Gefühl, für alles mitverantwortlich In sein, fragte Leporello, ob er irgend etwas versehen habe, und er verwies dabei auf den üppigen Besitz Schätze; ja, er bot sich an; auch den rarsten Artikel herbeizuschaffen, wenn es seinem Herrn an einer verlockenden Eroberung fehlen sollte.

„Eroberung ...!“, wiederholte Don Juan mit einem zur Bitterkeit verzogenen Mund. Da sei Leporello nun – rief er seinem. Diener klagend zu–ein Weltalter lang Begleiter seines Lebens gewesen und habe nicht gewußt, wie sehr die Legende seinem innersten Wesen unrecht getan habe, als sie ihn als einen satanischen Lüstling darzustellen bemüht war. Ob ihm denn noch niemals aufgefallen sei, daß es keineswegs immer die schönsten Frauen gewesen waren, mit denen er sich verbunden hatte? In seiner Sendung habe es gelegen, Anmut und Schönheit auch dort zu entdecken, wo der platte Geschmack sie nicht vorhanden glaubte. Seine Aufgabe sei es gewesen, Frauen an sich selber glauben zu lassen. Viele, die er geliebt habe, seien erst durch ihn dazu ermutigt worden, Bewerbungen zu glauben, und hätten erst durch das Erlebnis seiner Liebe zu einem Martin und zur Mutterschaft gerunden. Mit dem Lohn aber, den ihm das Schicksal zuschrieb, habe er niemals, eine Eroberung gemacht. Frauenseele sei das Ziel seiner Berufung ... Und aufstehend und mit einer großen Bewegung im Brett des mit Seltenheiten bepackten Regals leerfegend, rief er: „Was soll mir dies alles, mir, der ich erfahren mußte. – daß Frauenherzen in keiner anderen Beziehung mehr leben als in der seelenlosen zum Magen! Diese Zeiten“ – so klagte Don luan – „haben das Neutrum geschaffen und die Frau. vernichtet!“

Leporello, ernstlich besorgt, schlug ihm vor, einer Essay zu schreiben, in dem er den heutigen Frauer die Liebesfähigkeit absprechen sollte. Die Frauen die alsdann Protestbriefe schreiben würden, müßten sich als diese herausstellen, für die er, Don Juan zu leben glaubte.

Don Juan schrieb; aber schon die erste vor denen, die in glühenden Worten protestierten suchte von ihm zu erfahren, ob er Beziehungen habe. Als Don Juan zu allem Überfluß noch der Bericht einer englischen Ärztin zu lesen bekam in dem diese mitteilte, sie habe bei der Befragung englischer Frauen ein geradezu erschreckendes Des Interesse an der erotischen Seite der Ehe festgestellt, wiederholte er sein glückverschüttendes Wort von dem Neutrum; einen Ausspruch, der durch einen wissenschaftlichen Aufsatz in einem amerikanischen Magazin über die Möglichkeiten der Selbst befruchtung grausam bestätigt wurde.

Leporello, zum erstenmal an den Fähigkeitei seines Herrn zweifelnd, befragte auf eigene Faus – wobei er die Mühsal einer Reise durch die euro päischen Hauptstädte nicht scheute – die Frauen für wen sie sich noch elegant kleideten. Die einer sagten,’ sie hätten Freude und ein gewisses Lust gefühl dabei, wenn es ihnen gelänge, sich auch in dieser Zeit ein neues Kleid zu; beschaffen. Aber dimeisten erwiderten, sie seien elegant durch den, der ihnei alles besorgt habe, und für den, der ihnen noch mancherlei zu erwerben verspreche. Leporello, in Gedanken an seiner Herrn schon ganz entmutigt, suchte die allgemeine Stellung der Frau zum Mann zu erkunden. Männer – so würde, ihm von manch einen wohlgeformten Mund gesagt – seien wie Fabriken vor der Demontage, man wisse nie, wie lange sie noch in Betrieb blieben; ihren Zukunftswert schätzten die Frauen entsprechend gering ein und einen Gegenwartswert billigten sie nur den Männern mit Beziehungen zu.

Leporello, den völligen Niedergang Don Juans fürchtend, kam zögernd nach Haus und fand seinen Herrn mit dem Entwurf eines Plakatesbeschäftigt. Zur Irrettung der Frauenseele wollte er einen Vortrag über die Liebe halte. Da schob Leporello ihm, um ihn vor der Enttäuschung eines leeren Saales zu schützen, eine Zeitungsnotiz vor die Augen und Don Juan las den Aufruf zu einer politischen Frauen-Versammlung, ist dem jeder Teilnehmerin die Aushändigung eines Pfundes Gemüse zugesagt wurde. Don Juan sprang Von seinem Stuhle auf und verließ das Hans. Erst nach, einigen Wochen konnte Leporello mitteilen, daß sein Herr. auf der Suche nach der wahren Frau, zunächst nach Rußland gereist sei, um dort zu erfahren, ob mit einem zärtlich geflüsterten Wort mehr Liebe zu erwecken sei als mit einem Paar Nylonstrümpfen. Seither ist Don Juan verschollen. –