„Johanna Balk“ von Wagner-Régeny

Die Aufführung der Oper „Johanna Balk“ von Rudolf Wagner-Régeny im Rostocker Theater war die erste Inszenierung einer neuen deutschen Oper von Belang in der Ostzone. Den Stoff fand der aus Siebenbürgen starnmende Komponist in einer alten ungarischen Chronik. Da ist die Tyrannenfigur des Fürsten Báthory aus Hermannstadt, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts herrschte. Revolution! Dennoch hat die Handlung der Oper in der textlichen Bearbeitung durch Caspar Neher keineswegs vonrevolutionärem Pathos erfüllt. Wenn der Fürst Báthory am Schluß zu Fall gebracht wird, so wird der Effekt durch die Handlungsführung und Handlungsbewegung nicht unmittelbar spürbar. Das hegt an Neners schwach konturierter Zeichnung, der Hauptpersonen. Sie sind wie Halbskulpturen, die sich mit dem Rücken nicht von der Wand lösen, nicht frei in den dramatischen Raum treten können. Nicht nur Johanna Balk ist eine „passive Heldin“, auch Graf Bethlen, der abtrünnige und flüchtige Minister Búthorys, und selbst Michael Weiß, der Stadtrichteraus Kronstadt der schließlich den Fürsten verhaften läßt – sie alle bleiben ohne die echte Kraft. Für diesen Mangel kann die peinlich effektbetonte Zuspitzung der Handlung am Schluß – der Fürst sucht Johanna durch die in Aussicht gestellte Freilassung ihres Mannes gefügig zu machen – nicht entschädigen, um so weniger, als gerade durch diese Szene auch ein Bruch in die formale Anlage des Textbuches hineinkommt: die episch dramatische Mischform des ausgezeichneten ersten Akts dadurch in handfeste veristische Oper um.

Die Musik des unstreitig begabten Rudolf Wagner-Régeny, von dem außer der 1941 in Wien uraufgeführten- „Johanna Balk“ vor allem „Der Günstling“ und „Die Bürger von Calais“ bekanntgeworden sind, ist stark beeinflußt von der Oper „Die Bürgschaft“ Kurt Weills, die 1932 an der Städtischen Oper in Berlin Eindruck hinterließ. Auch Wagner-Régenys Musik kommt melodisch vom Song; sie ist einprägsamund formal klar bis zur bewußten Primitivität. Das Orchester ist nicht psychologisierend, sondern typisierend bis zur Gleichförmigkeit, Diese songhafte Melodik aber erlaubt Wagner-Régeny, den an der Nummernoper gegebenen Gegensatz von Rezitativ und Arie nahezu aufzuheben und den gesamten Text in die geschlossenenMusiknummern hineinzunehmen. Die entscheidende Schwäche der Partitur jedoch liegt in der Vorherrschaft der Arie. zu der Nehers Text den Komponisten zwingt. Bei einem Stoff wie diesem, in dem der Untertan gegen seinen Unter-, drücker aufsteht, hätte dem Chor und dem Ensemble die entscheidende Aufgabe übertragen werden müssen. Händel, das große Vorbild des „epischen Musiktheaters“, Händel; der Oratorien-, nicht der Opernkomponist, ist hier nicht erreicht. -Trotzdem, bleibt Wagner-Régeny eine unserer Opernhoffnungen. Es ist ein Verdienst des Rostocker Intendanten Johannes Semper, die Oper aufgeführt zu haben, wenn es ihm auch als Regieseur nicht gelang, ihr die nötige Bühnenintensität zu geben. Musikalisch war die Oper von Gerhard Pflüger sorgfältig einstudiert. Kurt Westphal