Der Komponist Hermann Reutter hat sich seit seinen Anfängen vor etwa zwei Jahrzehnten immer wieder mit besonderer Neigung und aus innerer Berufung dem Musiktheater zugewandt. Wenn er auch nicht zu den ganz wenigen gehört, die stilbildend die musikalische Entwicklung bestimmt haben, so hat er doch stets feinnervig auf die geistigen Strömungen der Zeit reagiert und sie in seinen Werken gespiegelt. Mit dem expressionistischenEinakter „Saul“, der mehr Sprechals Singdrama ist, folgte er den Spuren von Alban Bergs „Wozzek“. Die handfeste und theaterwirksame Spieloper „Dr. Johannes Faust“ mit ihren großen Chor- und Ensemblesätzen kündet von der nach dem ersten Weltkrieg sich vollziehenden Wendung vom Musikdrama zur Musikoper, dieauch in der Verdi-Renaissance der damaligen Zeit ihren Ausdruck fand. Mtder „Kirmes von Delft“ leistete Reutter einen Beitrag zum neuen Tanzspiel. Der „Odysseus“ gab epischen und oratorischen Elementen in der Oper Raum, wie es vorher schon konsequenter von Strawinsky und anderen versucht worden war. In seinem jüngsten Bühnenwerk, der „Ballade der Landstraße“, die jetzt in Göttingen ihre Uraufführung erlebte, hat Reutter wiederum eine stilistische Wendung vollzogen. Er nähert sich der neuen Primitivität Carl Orffs. Auch dessen Klangideal scheint durch im starken Vorherrschen von Schlagzeug und Klavier im kammermusikalisch ausgesparten Orchestersatz. – Die „Ballade der Landstraße“ ist eine Erzählung mit aufblendenden Bildern. Der Moritatenstil der Verse von Sonja Korty wird von Reutter veredelt und ins Seriöse gewendet. Zwei „Heimkehrer“ tragen in einer Art von lyrischem Bänkelsang die Geschichte von der jungen Frau vor, die über die Landstraßen irrt und ihren im Kriege verschollenen Mann sucht. Man sieht die einzelnen Stationen ihres Leidensweges: Rummelplatz, Hafenkneipe, Erntefeld, Kapelle, wo sie vor dem Bilde der Mutter Gottes Trost und Ruhe findet. Gerade über diese entscheidende Wendung geht der Text so oberflächlich hinweg, daß sie kaum verstanden wird. Kein Wunder also, daß sich auch in der Musik Läuterung und innere Erhebung im Anschaun des Ewigen nicht überzeugend ausdrücken. Sie begleitet dafür die Vorgänge mit der Sinnenhaftigkeit undAtmosphäre schaffenden Kraft, die Reutter seit jeher als Bühnenkomponisten legitimiert haben. In den volkstümlich-liedhaften Ausprägungen des Melodischen, besonders in den Gesängen der drei Matrosen, erreicht sie eine Schlagkraft, die dem Werk den Erfolg sichert.

Die „Ballade der Landstraße“ war in Göttingen von mit dem „Lübecker Totentanz“ (ebenfalls uraufgeführt) und dem „Saul“ (der kürzlich schon in Hamburg gezeigt wurde) zu einem Theaterabend vereinigt. Das Thema „Mensch, Gott und Tod“, das uns alle heute tief berührt, klingt auch in diesen beiden älteren Stücken an. (Sie entstanden bereits vor etwa 20 Jahren.) Der „Lübecker Totentanz“, nach Versen von alten Bildtafeln der Lübecker Marienkirche, war ursprünglich für den Rundfunk geschrieben und bedarf in seiner kantatenhaften Anlage im Grunde nicht der szenischen Darstellung. Eine Reihe von mittelalterlichen Figuren – König, Edelfrau, Landsknecht und andere – wird vom Tod aufgerufen und nach kurzer Zwiesprache, in der die Summe des Lebens gezogen wird, ins Jenseits geleitet. (In der schönen Inszenierung von Ludwig Schiedermair traten sie wie aus dem Gehäuse einer mittelalterlichen Domuhr, in dem sie auch wieder verschwanden.) Reutter hat die einzelnenGestalten lebendig charakterisiert und der Partitur, dem Stoff entsprechend bei aller Farbigkeit der Orchestrierung und aller Freizügigkeit der Harmonik etwas holzschnitthaft Geradliniges verliehen. – Die bedeutenden dramatischen Fähigkeiten, des Komponisten kamen allein im „Saul“ zur vollen Geltung. Dank der Bühnenwirksamkeit des Textes von A. Lernet-Holenia, der scharfen Profilierung der Gestalten durch die Regie und der überragenden Darstellung der Titelrolle durch Ernst A. Lorenz wurde er zum stärksten Theatereindruck dessehr erfolgreichen Abends. So alsohat das Göttinger Theater im Anschluß an die Uraufführungenvon Phiots „Mord im Dom“ und Dengers „Bikini“nun asuch auf dem Gebiet der Oper die Auseinandersetzung mit der Gegenwart gewagt. Es hat seine Berechtigung dazu erwiesen Aufführungen, die unter der musikatischen Leitung des Intendanten Fritz Lehmann und der Spielleitung von Ludwig Schiedermairund dank der hohen Einsatzbereitschaftaller Mitwirkenden vollwertige künstlerische Leistungen waren.