Von Harold Rasch

Während lohnpolitische Erörterungen sich im gegenwärtigen Zeitpunkt praktisch zumeist. auf die Möglichkeit der Besserstellung der Belegschaften einzelner Wirtschaftszweige und Betriebe durch Gewährung von zusätzlichen Sachbezügen beschränken, wird es nach der Durchführung einer Geldreform wieder eine wirkliche Lohnpolitik in Deutschland geben. Angesichts der überragenden Bedeutung, die der Arbeitskraft in den nächsten Jahren zukommen wird, muß eine vernünftige Lohnpolitik sogar von entscheidendem Einfluß auf unsere wirtschaftliche Zukunft sein. Wir haben daher allen Anlaß, uns möglichst frühzeitig und eingehend wenigstens mit den grundsätzlichen, Problemen zu beschäftigen, die eines Tages einer Lösung harren.

Über eines zunächst kann kein Zweifel bestehen; der Reallohn in Deutschland wird auf Jahre hinaus relativ niedrig sein, niedrig nämlich im Vergleich zu der Zeit vor dem Kriege einerseits, zu dem Lohn in anderen glücklicheren Ländern andererseits. Wir sagen eine Selbstverständlichkeit, wenn wir das feststellen, verweisen im Grunde auf nichts anderes als die ungeheure Verarmung, die der Krieg und die Nachkriegsjahre, ja auch schon die Zeit vor dem Kriege uns gebracht haben, eine Verarmung die natürlich auch in der Höhe, des zukünftigen Reallohnes ihren Ausdruck finden wird. Aber es ist bisweilen notwendig, auch Selbstverständlichkeiten ausdrücklich hervorzuheben.

Um so mehr muß es unser Bestreben sein, wenigsten? innerhalb des durch unsere Tage gegebenen Spielraums den Lohn so hoch wie möglich zu halten. Die Frage, die uns gestellt ist, geht also dahin, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann.

Wenn wir sie beantworten wollen, so müssen wir uns zunächst darüber klar sein, daß ein-und dieselbe wirtschaftliche Leistung entweder dem Verzehr oder der Kapitalbildung, niemals aber beiden zugleich dienen kann. Wie der einzelne für sich selbst entscheiden muß, ob er sein Einkommen verbrauchen oder sparen (oder welche Teile seines Einkommens er verbrauchen, welche er sparen) will, so kann auch das Sozialprodukt, – das damit der Summe aller Einkommen identisch ist, nicht gleichzeitig dem Verzehr und der Anlage zugeführt werden. Vielmehr fällt offenbar derjenige Teil des Sozialprodukts, der dem laufenden Konsum dient, für die Bildung neuen volkswirtschaftlichen Kapitals aus.

Angesichts der dringenden Notwendigkeit neuer Kapitalbildung nach all der Zerstörung und Fortnahme von Wohnraum und Produktionsanlagen, die wir haben erdulden müssen, könnte daher der Standpunkt vertreten werden, daß die Löhne, da sie ja überwiegend dem laufenden Verbrauch des Arbeiters dienten, bewußt niedrig, und zwar, niedrig auch im Verhältnis zu den an sich vorhandenen Produktionsmöglichkeiten, gehalten werden müßten; die Kapitalbildung fiele in diesem Fall wie früher im wesentlichen dem Unternehmertum zu.

Demgegenüber wird von anderer Seite mit Entschiedenheit für verhältnismäßig hohe Löhne plädiert. Die erforderliche Kapitalbildung soll dabei durch freiwilligen Konsumverzicht des Arbeiters, durch freiwilliges Sparen also, in Verbindung mit gewissen marktordnenden Maßnahmen, insbesondere der Konsumlenkung, erfolgen. Für eine Politik dieser Art hat sich jüngst Professor Siegfried Wendt, Göttingen, in einer sehr lesenswerten Schrift „Gedanken zur künftigen deutschen Lohnpolitik“ (Verlag, für Wirtschaft und Sozialpolitik, Hamburg, 1947) eingesetzt.