Von Peter Christian Baumann Nach dem Klavierkonzert im Salon der Frau von Saint-Euverte sagte die Gräfin, von Monte-, riender: „Wundervoll so was habe ich noch nie erlebt. Aber ein Exaktheitsbedenken – so erläutert Marcel Proust – zwang sie, ihre erste Behauptung zu berichtigen, und so setzte sie einschränkend hinzu: „Noch nie – seit dem Tischrücken ...“ –

Wenn das Tischrücken schon in den ersten, nein: den allerersten Pariser Kreisen solchen Effekt hervorrufen konnte, (und die Reaktion der Gräfin läßt ahnen, wie sensationell damals, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, dies Phänomen gewirkt hat), dann läßt sich ermessen, daß auch die übrige Welt völlig im Bann der neuen Entdeckung gestanden haben muß. Verhältnismäßig neu war die Entdeckung, denn erst rund vierzig. Jahre kannte man damals, als Herr Swann. Proust’s große Romanfigur, die Welt des Fauborg St. Germain durch seinen Geist bezauberte, diese gewissermaßen zivilisiertem wenn auch noch etwas primitive Form des Verkehrs mit der Geisterwelt. Geschaffen wurde sie von Margareth und Kate, den beiden Töchtern des Methodistenpredigers Fox, der im Jahr 1848 von Mr. Weltmann ein Gespensterhaus in Hydesville (bei New York) übernommen hatte. In diesem Hause ging – es lebhaft zu, es klopfte, hämmerte, knarrte, ohne daß ein Anlaß zu erkennen war. Als der Familie Wekmaan auch noch die Bettdecken nachts fortgezogen wurden, entschloß sich der Hausvater, auf die Entlarvung des Geheimnisses zu verzichten und auszuziehen.

Herr Fox, der, wie -Geistliche gelegentlich sein können, in seinem Wesen eine lärmende Heiterkeit zur Schau trug, ließ sich nicht im geringsten von dem bißchen Mehr an Krach in seinem Familienleben stören. Er überwies den Poltergeist seinen Töchtern zum Spielen, die ihn alsbald, in Unkennt-Bis der weitreichenden Folgen ihres Hobby. Mr. Splitfott nannten. Sie vergnügten sich mit ihm am Abend, wenn sie nicht einschlafen konnten, indem sie an die Wand, klopften und dann abwarteten, ob Mr. Splitfott durch die gleiche Anzahl Schläge antworten würde... Er tat’s!

Eines Tages kam die jüngere der Schwestern, die kleine Kate, auf den naheliegenden Gedanken, Mr. Splitfott zu fragen, was er sich eigentlich von dem ständigem Klopfen verspreche. Zu diesem Zweck arbeitete, die ganze Familie Fox in Gemeinschaft eine Art Morse-System aus. und es zeigte sich, daß der Klopfgeist eine schnelle Auffassung hatte. Er begriff, was und wie man es Von ihm wollte, er verstand das Morsen oder vielmehr: das „Foxen“ und antwortete in der gleichen Art, in der er gefragt wurde. Am besten funktionierte die Verständigung zwischen Mr. Splitfott und Klein Kate wenn die Familie um einen Tisch herumsaß und die Hände darauf legte. In dieser Situation wurde Mr. Splitfott lebhaft. So, wie unbeherrschte Menschen mit den Händen reden, redete er mit dem Tisch. Die Tischbeine sprühten Klopfsignale, und wenn er sich beim Sprechen überstürzte, dann ging der Tisch hoch ... Das Tischlücken war erfunden.

Überall, in der ganzen Welt, in den Palästen, in den Bürgerstuben und in den Kellerwohnungen, wird seitdem, sobald sich der Drang nach etwas Höherem einstellt, nach der Methode Fox tischgerückt.

Auch deshalb ist dieses Faktum bemerkenswert, weil durch die Entdeckung der Familie Fox dem Durcheinander, das bis dahin den Äußerungen der Geisterwelt eigentümlich war, ein Ende bereitet wurde. In dem Maße, in dem das geordnete Tischrücken Verbreitung gewann, verringerten sich die früher üblichen etwas plumpen Manifestationen, wie Stöhnen. Gebeinklappern und Schreien. Zu Gewaltakten. Verdrehen des Kopfes in die entgegengesetzte Richtung oder, zu Schlägen auf die Rückenpartie kam es überhaupt nicht mehr. – Es bleibt nachzutragen, daß Kates Gespräche mir Mr. Splitfott erstaunliche Dinge an den Tag förderten. Seine erste Mitteilung war ein Dementi: Er heiße gar nicht Mr. Splitfott. sondern Mr. Ryan, und er bäte darum, künftighin so und nicht anders angesprochen zu werden. Mr. Ryan erklärte dann, daß er keine Ruhe finden könne, weil er ermordet worden und in ungeweihter Erde vergraben sei. Man möge nur im Keller des Hauses, nachsehen. So verfuhr man, und wirklich: die Familie Fox fand an der angegebenen Stelle ein Skelett. Es ist einleuchtend, daß diese Erlebnisse seinerzeit in Amerika größtes Aufsehen erregten, und von dort aus sensationsbeglänzt in die Welt berichtet wurden. Mit ihnen zog das systemgerechte Tischrücken ein, dessen Hundert-Jahr-Jubiläum festlich zu begeben wir uns anschicken wollen.

Den Umständen entsprechend werden-die Feierlichkeiten bei uns in bescheidenem Rahmen stattfinden. Allein der – mit Verlaub – kriegsbedingte Mangel an Tischen und Räumlichkeiten macht in vielen. Haushaltungen die Durchführung von Jubi-Jubiläumsveranstaltungen unmöglich. Als weitere rein äußerlich-technische Schwierigkeit kommt hinzu die offensichtliche Gefahr einer Mißdeutung unheimlicher Laute, die heute regelmäßig in einer schweigsamen Tischrunde hörbar werden. Es liegt auf der Hand, Knurren eines hungrigen Magens und das Klopfen eines lebensbangen Herzens, die Gedanken der hochgestimmten Gesellschaft in die Niederungen des Diesseits ziehen und so gewissermaßen Mißtöne in die überirdische Harmonie zu bringen imstande-sind. Auch die Möglichkeit einer Verkennung der Knurr-, Klopf- und Aufstoßlaute durch die korrespondierende Geisterwelt- muß in Betracht gezogen werden, nämlich das Risiko eines Mißverständnisses Von Seiten des Klopfgeistes, der etwa meint, einer tückischen Mitleidskampagne gegenübergestellt zu sein, die das Erbetteln von Zuschüssen aus: dem Jenseits zum Ziel habe, nachdem offensichtlich die Möglichkeiten des Diesseits erschöpft sind. Kurzum: wir wollen dieses Jubiläum wie manch anderes lediglich im Geiste genießen, eingedenk der Versicherung, daß es zwischen Himmel und Erde viele, viele Dinge gibt, von denen wir bestenfalls nur träumen kennen.