Zum Thema „Musikerromane“

Von Walter Abendroth

Es gibt für nachdenkliche und belehrungsfähige Menschen keine bessere und genußreichere Lektüre als Biographien großer Persönlichkeiten. Gute, ernste, sachliche Biographien nämlich Leider aber ist ihr Liebhaberkreis verhältnismäßig klein. Mehr gelesen werden schon die weniger ernsten, die das Sensationelle eines Lebenslaufs in den Vordergrund rücken, das Menschlich-Ailzumesnschliche der Neugier preisgeben, das Wesentliche aber kaum berühren. Das unzählbare Heer der Bildungsspießer und vermeintlichen „Kunstfreunde“ aber stürzt sich auf die sogenannten „biographischen Romane“, die in süffiger Form Extrakte der Liebes-, Leibes- und Lebensnöte des jeweiligen „Helden“ bieten – und obendrein in der Auffassung und Darstellung des Künstlerischen so ganz dem zu entsprechen pflegen, was die schwärmerische Nähmamsell sich unter Kunst und Künstlern vorstellt, nichts ahnend von der „heiligen Nüchternheit“ der schöpferischen Geister. Aus naheliegenden Gründen rankt sich diese Art Literatur vorzugsweise um berühmte Musiker. Unter diesen wiederum ist – weil mit dem theatralischen Pathos seines Seins und Empfindensam meisten solcher einträglichen Verarbeitung entgegenkommend – insbesondere Richard Wagner, das beliebteste Objekt. Seit Anno Hitler vollends haben sich die Wagner-Romane geradezu seuchenhaft über das an Ersatznahrung ohnehin geböhrte,allem Echten und Gesunden entwöhnte deutsche Volk ergossen. Nächst Wagner ist das ergiebigste Ausbeutungsobjekt des Musikerromangeschäfts Beethoven mit seinem tragischen Gehörverlust,

Das schlimmste an dieser Literatur – sie sei im Einzelfall „gut“ oder „schlecht“ gemacht – ist: sie hätschelt die verwerflichste Art, an Dinge der Kunst, zumal der Musik heranzugehen. Sie bestärkt den Durchschnittener in der üblen Neigung, der Kunst durch Beschnüffeln des Privatlebens des Künstlers, dem Geistigen durch das Anekdotische, einer Kulturmacht durch den Tratsch nahekommen zu wollen. Damit übt sie die gefährlichste Gegenwirkung aus gegen alle Anstrengungen der Schaffenden und Lehrenden unserer Zeit, ein von aller trübenden Subjektivität gereinigtes Bild der Kunst wiederaufzurichten und seinerErkenntnis im Publikum den Bodin zu bereiten. –

Vor uns liegt ein Buch: „Carneval der Einsamen, Richard Wagners Tod in Venedig“von Joachim von Kürenberg (Robert Mölich-Verlag, Hamburg). Neben Wagner figurieren darin Verdi, Boito, Liszt, d’Annunzio. die Duse und zahllose andere Berühmtheiten. Zwei- Verzeichnisse verweisen auf die zu Rate gezogenen Bibliotheken und Verlage sowie die hunderte benutzter Quellen. Unter letzteren auch Wagners eigene Schriften und Briefe; aber auch, der schon im Original so peinliche Graf du Moulin-Eckart, der seinerseits aus dem Archiv der großen Mythendichterin Cosima schöpfte. Mit immensem Fleiß ist das alles ausgewertet; Wer die Quellen gut kennt, erhält einen aufschlußreichen Einblick in diese typische Künstlerroman-Technik literarischer Photomontage. Trotz aller emsigen Akribie aber zeigt sich auch hier gelegentlich, auf wie tönernen Füßen die eigentliche Sachkenntnis steht. Ein Beispiel: Moulin-Eckart– berichtet, Wagner habe am Vorabend seines Todes am Flügel aus dem „Rheingold“ gespielt, besonders bei der Stelle „Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe. Falsch und feig ist, was dort oben sich freut“ verweilt und etwas späterr, in Anknüpfung daran mit Beziehung auf die „Rheintöchter“ versonnen geäußert: „Ich bin ihnen gut, diesen untergeordneten Wesen der Tiefe, diesen Sehnsüchtigen.“ Bei Kürenberg wird daraus folgendes? „Das Schicksalsmotiv aus Rheingold folgt: glitzernde Läufe der Rheintöchter und dann die Stelle: Ich bin ihnen gut, diesen Wesen der Tiefe. – Seine Finger gleiten über die Tasten, die er damit zum letzten Male berührt: Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe. Falsch und feig ist, was dort oben sich freut.“ – Also das „Ich bin ihnen gut...“ hält der Autor für eine Stelle aus „Rheingold“, in dem nebenbei keine „glitzernden Läufe“, sondern gebrochene Dreiklänge die Rheintöchtergesänge umspielen und auch kein „Schicksalsmotiv“ vorkommt; aber was wäre ein Musikerroman ohne Schicksalsmotiv!

Bei „Schicksal“ denkt man natürlich sogleich an Beethoven. Da haben wir nun den neuen Roman „Sinfonia eroica“ von Ernst Bücken (Staufen-Verlag, Köln). Hier gibt es freilich keine fachichen Schnitzer. Aber muß es denn sein? Und hat ein Mann wie dieser angesehene Musikwissenschaftler nicht im Nüchternen, – Sachlichen viel mehr zu geben? Irgend etwas und nicht Unwesentliches – bleibt immer schief im Verhältnis zwischen Romanfassung und schlichter Wahrheit, vor allem aber im Verhältnis zwischen Musikressentiment und der reinen, klaren geistigen Angelegenheit. Musik.

Selbst aus den relativ besten Erzeugnissen dieser Literaturgattung steigt ein Geruch von Unsolidität auf. Und wenn man auf das Gefühlspolster klopft, kommt eine dicke Staubwolke heraus. Wir ereifern uns über veraltete Filme, die ein uns ungenaues, überholtes Gemütsleben verewigen wollen. Ist denn aber diese Sorte Romane, ihre Mentalität, ihre Tendenz, ihre Indiskretion und ihr – Kitsch weniger antiquiert? Für den Druck neuer Schöpfungen der Musik ist kein Papier vorhanden. Hier könnte es eingespart werden!