Von Hanns Braun

Der Hund ist ein Lebewesen das sich von einem andern Lebewesen, nämlich dem Menschen, mit leichter Mühe dazu bringen läßt, nach einer Wursthaut zu springen. Nach der Wurst – das wäre weiter nicht verwunderlich. Aber nach der bloßen Haut springen – nun, das will schon etwas

besagen. Es besagt zum mindesten, daß beide Wesen, Herr und Hund, Hund und Mensch, phantasiegeladene Geschöpfe sind. Seht ihn doch bloß an, den Köter, wie er mit feucht-treuem Blick, gesteiften Ohren und einen Schwanz. den grenzenlose Bereitwilligkeit rüttelt, nach der hochgehaltenen Gabe fiebert! Geruchswesen, das er ist, erlebt er in diesem Augenblick Sensationen ähnlich den unsern bei der Einfahrt in die Bucht von Neapel.

Es bedarf dann nur eines leisen Zuckens der wursthauthaltenden Hand, nur eines millimatrisch andeutenden Entrückens, so tut der liebe Schweifwedler, was seiner Natur zuwider ist: er stellt sich auf die Hinterbeine, er vollführt mit den Vorderläufen eine Gebärde, die von Kennern für einen rührenden Aufschwung ins Menschliche gehalten wird, ja er duldet die Schmach, die Wursthaut auf die Nase gelegt zu bekommen, ohne danach schnappen zu dürfen – und springt und schnappt wahrhaftig erst, Gier und Freude bezeugend, wenn’s liebe Herrlein ihm das Zeichen gibt. Eine Sekunde später ist er nicht bloß erbötig, das Ganze zu wiederholen, schweif-flehendlich wartet er geradezu darauf, daß man es ihn tun läßt. So: ist der Hund.

Wer nun, aus solchen Veranstaltungen schlösse, der Mensch, seinerseits befriedige darin ein grausam Gelüsten, täte seiner eingebornen hohen Natur bitter unrecht. Was tut er denn Arges? Er erzieht doch lediglich ein bißchen „um“. Aus Güte – so ist der Mensch! – erbarmt er sich des tief unter ihm stehenden vernunftlosen Viehs und führt es Schritt für Schritt um einiges näher an die eigene Lebenszone heran – an eine Zone der bezähmten Gier, der durch Selbstzucht und Gehorsam errungenen Freiheit. Ganz bis zur menschlichen Höhe hinauf freilich wird es nicht gelingen, denn Mensch ist Mensch und Hund bleibt Hund. Und so mag bei der „Disziplinierung. durch Wursthaut“ immer auch die Vorsicht mithalten, den Hund vergessen zu machen, daß er etwas in sich hat, was ihn reizen könnte, nach der Hand zu schnappen. Ein dankbarer Hund tut das nicht. Er ist sich der Güte seines Wursthautgebers bis zu einem solchen Grade bewußt, daß dieser, wenn er je an seinen Beweggründen gezweifelt hätte, solche Zweifel vis-à-vis du chien sofort aufgeben müßte.

Denn auch der Mensch, wir sagten es schon, ist ein phantasiegeladenes Geschöpf. Daß seine Phantasie ausnehmend selten jene Richtung einschlägt, in der sie innewerden könnte, daß die freudenvollen Tänze des Hundes beim Wurstpellenspiel vielleicht einer Verheißung gelten, die in ihm erweckt worden, ist (der Verheißung irgendwie auf die Wurst selber), bleibt freilich Tatsache. Aber wer dürfte das dem Menschen auf seiner Höhe übelnehmen? Laßt uns doch nachdenken und ein wenig in der eignen Brust wählen! Ich wenigstens, als ich ein winzigklein Büblein war, hopheisa bei Regen und Wind, und zum erstenmal einem Spitz oder Dackel die Wursthautgirlande über der schnuppernden Nase in die Lüfte hing, ich war nicht nur davon überzeugt, dem braven Apportierer Gutes zu tun, ich glaubte vielmehr – auch lange nachher noch – fest daran, daß Wursthäute das geziemende, vorzüglich begehrte Festessen der Hunde seien. Einem solchen von der eignen Wurst oder vom Käse anzubieten, ging wider die gewohnte Ordnung, hatte, wo es geschah, etwas Frevelhaftes, Übertriebenes, ließ ehestens auf Menschenhaß schließen. Wer unter zehntausend; möchte sich dessen schuldig machen! (Auch ich war ein völlig normales Menschlein.)

Mir die Wurst, dir die Haut! Mir das Fleisch, dir die Knochen! Mir den Käse, dir die Rinde – das sind menschliche Grundsätze, die sich mit ehrlichen Hundebeglückungsgefühlen ohne Beschwerden vereinen lassen. Wie freut sich der Herr des sich freuenden Hündleins! Und was tut’s, daß der Mensch ein Leben, das er durchaus meht leben möchte, verräterischerweise ein – Hundeleben nennt. Man selber? – nein, da möchte man doch schönstens bitten. Hund, selbstredend, ist immer bloß der andre.