Die diesjährigen Januar-Ausverkäufe des Textileinzelhandels in den Ländern, die überhaupt annähernd normale Umsätze auf diesem Gebietzuverzeichnen haben – also selbstverständlich nicht in Deutschland – hatten einen besonderen Beigeschmack. Sie wurden – zu einer Liquidation der durch den Weltmodeumschwung zu Ladenhütern gestempelten Fertigkleidung. Alles, Was kurz und breitschultrig und ohne Taillenbetonung war, wurde’ zu herabgesetzten Preisen und gegebenenfalls Punktwerten losgeschlagen, und zwar wie man hört.mit gutem Erfolg. Es wurde reiner Tisch gemacht, – oder, vielmehr reine Schränke, für den Einzug der neuen Linie – the new look – die sich seit ihrer sensationellen Einführung in Paris im letzten Spätsommer allenthalben durchzusetzen beginnt. Die Pariser Modellschneiderei ist mit ihrem ersten großen Nachkriegscoup durchgedrungenund hat nicht nur ihre aktuellen Exportchancen im Interesse der französischen Handelsbilanz beträchtlich erweitert, sondern auch auf lange Sicht ihren modeschöpfenden. Welteinfluß, die Grundlage ihrer Existenz erneut hergestellt und demonstriert. Wie die Ausverkäufe zeigen, ist die Kehrseite dieses Vorganges eine Entwertungswelle, die immerhin nicht ganz unerhebliche Warenvorräte erfaßt, auch wenn man sich darüber klar ist, daß das, was man Weltmode nennt nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Erdbevölkerung berührt.

Interessant an dem teilweise recht turbulent verlaufenen Kehraus der jetzt als unweiblich-streng empfundenen Mode von vorgestern ist aber noch etwas anderes. Der souveräne Kaufentschluß des Verbrauchers – hier wohl überwiegend weiblichen Geschlechts – ist jahrelang mißachtet und an die Wand, gedrückt worden. Man hatte ihn in derchronischen Mangel Wirtschaft, wie sie auf dem Textilgebiet auch heute noch in vielen sonst günstig dastehenden Ländern herrscht, schon beinahe totgeglaubt, denn das Mißverhältnis zwischen Geldmenge und Warenmenge führte immer wieder dazu, alles zu kaufen, was greifbar war. Und doch waren die Kleider, Mäntel Kostüme, Wäschestücke usw., die in den Ausverkäufen figurierten, zu den heutzutage als normal geltenden Preisen nicht abzusetzen; es mußte erst das ehrwürdige und ausgesprochen liberalistische Mittel der mit vollem Reklame Orchester auftretenden Preisherabsetzung und daneben das wesentlich modernere Mittel der Punktwertherabsetzung, verwendet werden, um die Ladenhüter zu mobilisieren. Aber diese Mittel wirkten. Ebenso beharrlich, wie sonst zum Beispiel die Engländerinnen sich geweigert hatten, modisch überholte Sachen zu regulären Preisen und Punkten zu kaufen, ebenso beharrlich saßen sie auf Klappstühlchen im Regen vor den Ladentüren, um das nunmehr als fair betrachtete Angebot auszunutzen.

Die Wirtschaftsplanung hat hier eine Lektion bekommen, daß sie nicht rein quantitativ kalkulieren, also etwa Damenoberkleidungschlicht nach laufenden Metern Stoff erfassen darf, wenn sie nicht auf zähen passiven Widerstand stoßen will. Die diffizile Aufgabe, einen gegebenen Rohstoffvorrat auf das breite, vielverzweigte und noch dazu modisch mitbestimmte Sortiment der Bekleidungswirtschaft richtig, das heißt dem Bedarf gemäß zu verteilen, verlangt allerdings auch ein besonders gutes Fingerspitzengefühl und große Fachkenntnis. Wer geneigt ist. solche kleinen Schlappen der gesenkten Wirtschaft mit einem Anflug von Schadenfreude zu registrieren, findet auf diesem Fachgebiet, das vielleicht am stärksten mit dem Individualismus der Käuferschaft zu rechnen hat, leicht Gelegenheit dazu. Der „Economist“ benutzt sie, um dem britischen Handelsamt vorzuwerfen, daß seine Preiskontrolle und Bewirtschaftungsweise Fehllenkungen kostbarer Rohstoffe zur Folge habe, und daß in den bösen alten Zeiten des freien Wettbewerbs eine erhöhte Gewinnchance für die am meisten begehrten Waren ganz von selbst das Sortiment reguliert haben würde. Ilse Brune