Wer Filme, in erster Linie nach ihrem künstlerischen Wert beurteilt, kommt leicht in Meinugsverschiedenheiten mit den businessmen der Filmproduktion und dem Publikumsgeschmack. Wenn einer ins Theater geht, so argumentiert man, erwartet er aus guten Gründen Kunst, er ist enttäuscht und darf es sein, falls Stück und Aufführung dem nicht entsprechen; es sei denn, er wählte ein Spezialtheater für die sogenannte leichte Muse. Wer sich aber eine Karte fürs Kino kauft, ist gar nicht immer auf Kunst gespannt. Da gibt es die zufälligen Passanten die sich schnell ein wenig zerstreuen wollen; da gibt es andere, die berühmte Gesichter und faszinierende Persönlichkeiten sehen wollen, und da ist die Masse derer, die eine Traumwelt begehren; da der Alltag so kümmerlich ist.

Es ist vielleicht ein gar zu hohes Zeil – und bisher haben auch nur wenige große Meisterwerke der Filmkunst es erreicht – gleichzeitig höchsten künstlerischen Ansprüchen zu genügen, die Masse der Kinobesucher zu packen und die Kassen zu füllen. Der Versuch, diesem Ziel immer, näher zu kommen, wäre zweifellos wertvoller als die gleichfalls denkbare Lösung, auch Filmtheater in solche für die hohe Kunst und für die leichte Muse zu scheiden.

Der deutsche .Nachkriegsfilm hat mutig das Problem angepackt, von der Traumfabrik billiger Illusionen wegzukommen und unsere bittere Gegenwart geistig zu röntgen und zu erhellen. Auch die Produzenten des jetzt in Hamburg in den Harvestehuder Lichtspielen uraufgeführten ersten Bildstreifens der Jungen Film-Union „Menschen in Gottes Hand“ sind mit großem Ernst ans Werk gegangen. (Rolf Meyer als Regisseur, Gustav Kampendonk als Drehbuchautor.) Man glaubt tatsächlich, die Begeisterung und Filmfreudigkeit des Aufnahmestabs und der Schauspieler noch spüren zu können. Wenn trotzdem kein künstlerisches Meisterwerk zustande kam, so liegt dies keineswegs am mangelnden guten Willen, es liegt auch nicht allein an den außerordentlichen materiellen Schwierigkeiten der Herstellung, es liegt vielmehr daran, daß schon im Drehbuch die große Wahrheitsliebe hinter der kleinen Liebe zur niedlichen Verharmlosung zurücktrat. Sollte man unser Nachkriegsschicksal nicht dort anpacken, wo es am problematischsten, am grellsten und damit am dramatischsten ist, anstatt dort, wo es von Zufällen gelenkt, einigermaßen im Gleich und Mittelmaß bleibt und zum harmlosen happyend führt?

Der aus. Ostpreußen vertriebene Bauer (echt und meisterhaft dargestellt von Paul Dahlke) hat immerhin das Glück, in dem Heidebauernhof der Westzone bei seiner sehr sanften und sehr guten Schwiegertochter eine neue Heimat zu finden. Der Sohn ist heil aus dem Kriege zurückgekehrt, wenn auch seelisch durch die Liebe zu einer anderen zwar nicht sanften, aber auch guten Frau aus dem Gleichgewicht gebracht – Der gewaltsam konstruierte Schluß wählte das Klischee der billigen Preislage: Die Rivalin stirbt beizeiten, und auf dem Heidehof sind Vater, Sohn und Enkel und die liebende Frau mit ausgestreckten mütterlichen Armen vereint.

Dennoch darf man die guten Momente nicht übersehen. Die Atmosphäre dieses Films trifft in den Großstadtszenen durchame getreu die irrlichtende Ungewißheit unseres angstvollen Daseins, auch das Milieu der im dämmrigen Schatten liegenden Heidehöfe ist echt und in schönen Bildern eingefangen. Einzelne Typen am Rande – wie Hedwig Wangel als ein huschendes zerstörtes Menschenwrack, ein kriegsversehrter Lehrer und ein alter Professor – sind überzeugend lebenswahr. Alles in allem: ein ernster, ein ernster Versuch, der Hoffnungen nicht begräbt.

Die um den Film verdienten Schauspielerinnen Marietheres Ängerpointner und Gerty Soltau (die Rivalinnen) und der begabte. Nachwuchsschauspleler Rainer Penkert verneigten sich im Premierenbeifall. Erika Müller

In Hamburg ist durch englische Initiative eine Filmgesellschaft (The Hamburg Film Society) gegründet worden, die alliierte und deutsche Mitglieder in der Absicht vereint, Anschauung, Kritik und Anregung die künstlerischen und, kommerziellen Ziele des Films auszugleichen. Man geht dabei von der Hoffnung aus, daß solche Filmgesellschaften für die Entwicklung des noch immer jungen Films Förderung bedeuten können, der als eines der größten internationalen Verständigungsmittel – neben der Musik – ernster genommen zu werden verdient als es bisher geschieht.