Der interzonalen Zusammenkunft der deutschen Studenten in Berlin, die Ende Januar stattfand, hat man vorher ein ärgerliches Horoskop gestellt. Man erwartete offenbar, daß-sie von der politisch heute besonders „gehotteten“ Atmosphäre der Stadt beeinflußt und zu einem Parlament der ost-westlichen Auseinandersetzungen werden würde. Doch diese Tagung hat, wie wenige andere, neuerdings bewiesen, daß die heranwachsende Intelligenz nicht mehr wie stets zuvor das Forum der härtesten und unbedingtesten geistigen und “politischen Gefechte in Deutschland stellt. Gemessen an anderen Zusammenkünften, die über die Zonen hinwegreichten. ist diese Studententagung in ausgesprochen milden Formen verlaufen. Ihre Vertreter, die aus dem westlichen nicht Weniger als aus dem östlichen deutschen Bereich, bedienten sich einer beinahe diplomatischen Sprache, als wünschten sie irgendwelche – Institutionen oder Machtgruppen, die sie entsandt hatten oder doch beobachteten, nicht zu verletzen. So wurde das Berliner Gespräch, das nüchtern im britischen Sektor an der Technischen Universität begann und sich dann mit zusätzlich gespendeten Mittagessen und Empfängen in das Zentralverwaltungsgebäude des russischen Sektors verlagerte, ein Gespräch um die kulturelle Einheit Deutschlands, um die Möglichkeit, die Erziehungs- und Bildungsreformen in den verschiedenen Teilen Deutschlands zu koordinieren, um die Regelmäßigkeit einer gegenseitigen wissenschaftlichen undpädagogischen Information und um geistig-technische Spezialfragen, – zu denen von jedem politischen und weltanschaulichen Standpunkt her ein Zugang blieb.

Als in den Diskussionen freilich, keine Einigung darüber erzielt werden konnte. ob die nationale Einheit eine Vorbedingung für die kulturelle Einheit sei oder nicht, verließ man schnell den drohend heißen Boden der größeren Gegensätze undfand sich im Einverständnis über die Notwendigkeit eines allgemeinen Philosophikums für alte Disziplinen, über die „Aufwertung des Lehrerstandes“ und man fand sich sogar in der Feststellung, daß die kulturelle Entwicklung in Deutschland eine Angelegenheit der Deutschen sein müsse, so sehr die Einflüsse der Besatzungsmächte anerkannt wurden. Daß die Erörterung über die Einheit trotz mancher Versuche einiger Ostzonenvertreter der Hochschulen nicht zu einem papierenen Manifest nach „Volkskongreß-Manier“ wurde, sondern daß sie wie selbstverständlich bei allen Themen anklang, fand seine Deutung in dieser oder jener realistischen. Feststellung, daß diese „politische Einheit“ ebenso sehr eine selbstverständliche Voraussetzung wie eine außerhalb der studentischen Einflußsphäre liegende Angelegenheit sei.

Erst gegen Schluß der Tagung erhob sich aus der Mitte der Studenten so etwas wie eine eigene jugendlich-geistige Verantwortung. Eine Schlußresolution stand zur Debatte, und diese Resolution. die schließlich in einen Aufruf an die ganze deutsche Jugend mündete, war, so vage und konziliant sie immer in der Diktion blieb, ein erstes gemeinsames Bekenntnis der jungen Generation gegen die Art der Politik, die heute in Deutschland getrieben wird. Zweieinhalb Jahre habe diestudentische Jugend abgewartet und geschwiegen, und dabei konstatiert, daß in dieser Zeit alle Politiker dort versucht hätten anzufangen, wo sie 1933 hätten versagen und aufhören müssen – dies war zunächst einmal eine negative Gemeinsamkeit der Einsicht, die, auf dem Berliner Pflaster ausgesprochen, wohl ihr besonderes Gewicht erhält. Es ist beinahe nicht mehr eine überparteiliche, sondern eine die Parteien selber ins Gericht nehmende Feststellung. Und sie ist wichtig, weil sie von fast allen Delegierten, auch denen mit Parteimarschroute, angenommen worden ist. Substantiell ist diese Einsicht nicht viel und nicht neu, – aber angesichs der Tatsache, daß eben die akademische Generation als die Soldatengeneration Hitlers am tiefsten unter der Bürde von Schuld und Verantwortung gehalten wurde, gewinnt diese erste Erkenntnis. Was die jungen Akademiker freilich an konstruktiven Vorschlägen dagegen zu Stellen hatten, war noch sehr unbestimmt und ungeformt.

So Verstanden sich die Studenten aller vier deutschen Zonen in Berlin dazu, die eigene jugendliche Passivität als abnorm und nunmehr als nahezu verantwortungslos, zu kennzeichnen. Sicher wäre es verfrüht, aus solcher Feststellung das Ende jener skeptisch abwartenden Haltung zu entnehmen, die eben das Kennzeichen der jungen Generation nach dem Zusammenbruch gewesen ist. Das Bildvon Berlin hat die Runen der Jungen – Anzeichen frühen Gealtertseins – deutlicher als alle anderen Debatten und Kongresse um geistige und politische Gemeinsamkeiten aufgezeigt. In Berlin diskutierten nicht feurige. Erneuerer, und am Rednerpult standen keine Revolutionäre. Keine Fahnen wurden geschwungen. kein Feuer glühte in den Augen der jungen Männer, die doch die repräsentativsten Vertreter ihrer 100 000 Kommilitonen aus dem Vierzonendeutschland waren. Es lag nicht nur daran, daß viele von ihnen die bösen Spuren des Krieges an sich trugen und älter schienen als je ein akademisches Parlament, das zusammengetreten war – eslag an dem unausgesprochenen Gesetz des, Geistes, das heute hinter den vielfach zerschlissen Mauern unserer hohen Schulen regiert: arbeiten, fertig werden, nachholen, etwas sein...Auf diese Weise geschah es, daß alle die politischen Probleme die gleichermaßen lebendiges Anlegen der studentischen Generation sein sollten, nur mit Behutsamkeit gestreift und dankbar wieder verlassen wurden, sowie sich eine erste Möglichkeit dazu bot. Ein Parlament, von seltsam ernsten, seltsam überreifen, seltsam toleranten Charakteren, das vornehmlich und behutsam darauf bedacht war, die Würde des Geistes und der Wissenschaft sorglich in Ton und Thema, zu wahren: Von hier aus zielten die Einwände gegen geistige Bevormundung durch äußere Einflüsse; gegen die separaten Erziehungsreformen der deutschen Länder, gegen die Eingriffe des Staates in die Autonomieder Universitäten: und gegen die Bürokratie und die doktrinären Fordegegen auf allen Gebieten die geistigen und akademischen Lebens. Es traf sich mit dieser Stimmung von Milde und Toleranz, sich alle laut werdenden Forderungen stets mit der Selbstkritik der eigenen Passivität begannen.

Ein erstaunliches Phänomen bleibt dieser Kongreß jedoch in hohem Maße. Er hat tatsächlich die akademischen Vertreter aus allen Zonen Deutschlands gerade in dem Augenblick ein paar Tage in Berlin zusammengeführt, als über der Stadt das Fieber einer neuen sehr akuten weltpolitischen Spannung lag – und er ist nicht geplatzt. Niemand, hat ihn gesprengt, und die heillose Zweiteilung der Welten und Deutschlands ist über ihn nicht Herr geworden. Dazu hat er eine erste, wenn auch zaghafte kritische Analyse unseres politisch-geistigen Standards nach zweieinhalb Jahren gebracht. Und er hat deutlich erwiesen, daß die studentische Jugend nicht mit jungen Generationen früherer Jahre zu vergleichen ist. Sie ist wirklich eine skeptische Generation – und in solchem. Sinne nicht jung. Der Ton aber, der in Berlin hörbar wurde, war anders, ganz anders als der der alle politischen und geistigen Gespräche sonst bestimmt; Ob allerdings die Toleranz und die-Behutsamkeit der Ausdrucksform nur Vorsicht und keineswegs ein Anfang zu einer neuen Sprache ist– das wird sich erst morgen erweisen müssen.

K. W.