Die Theoretiker und Philosophen des Krieges, haben ganze Bibliotheken mit ihren Werken gefüllt, aber eine Strategie des Friedens sucht man vergebens. Freilich, Kant hat eine berühmte Schrift über den Frieden verfaßt, die man nach verlorenen Kriegen ebenso betroffen, zu lesen pflegt, wie man sich hoffnungsvoll in die Traktate jener Friedensapostel vertieft, die sichseit in und je mehr an den guten Willen als an den skeptisch gewordenen Verstand wenden. Aber sonst? – Es scheint, daß Ernst Friedlaender. ein sehr, bedeutsamer Versuch gelungen ist, als er sein Buch „Das Wesen des Friedens“ schrieb. Während sich Europa im Kriege zerfleischte, dachte er – als Emigrant in ein neutrales Land Verschlagen – über den Frieden nach. Und nach Deutschland zurückgekehrt, fand er Gelegenheit genug, in einem friedlosen Lande weiterhin nach Fundamenten für den Frieden zu suchen. – Man weiß aus Friedlaenders Leitartikeln der „Zeit“, daß er gerade auch in erregten und erregenden politischen Situationen oft eine betont ruhige Diktion der Sprache anwendet. In-seinem Buch (bei Hoffmann & Campe, Hamburg, erschienen) Entschuldigt er sich geradezu bei den Lesern, weil er Abstraktionen den Sensationen vorzog. Aber die Gedanken, die uns. alle um Krieg und Frieden bewegen, sind erregend genug, daß die Kühle der Diktion desto willkommener scheint. Friedlaender ist denkbar weit sowohl von jeder Propaganda als jeder Utopie entfernt. Er baut seine Ethik (denn natürlich muß eine Philosophie des Friedens ethisch fundiert sein) auf Minimalforderungen auf. Sowenig friedlich uns heute die Welt erscheint – die Gedanken! die hier ausgesprochen werden, kreisen um keinem erträumten, sondern um einen Frieden, der durchaus im Bereiche des Möglichen liegt.

Friedlaender handelt die Möglichkeiten des Friedens in den entscheidenden Lebenssphären ab: in der des Einzelnen, der Familie, des Volkes, der Nationalitäten und Staaten Und er kommt zu dem Ergebnis, „daß die Macht, nicht nur als Nationalsozialismus, sondern in jeder Form-und in jedem Gewand, die drohendste Gefahr des Friedens ist“, und fordert sogleich: „Der echte Friedensfreund muß ein Unerbittlicher Machtfeind sein, ohne Rücksicht auf Sympathien für dieses Volk oder jenen Staat.“ Natürlich ist damit nicht gesagt, daß es fortan kein „Oben“ und „Unten“ geben dürfe. Wie das Familienoberhaupt, so hat die Regierung nicht bloßer „Machtfaktor“, sondern Repräsentanz zu-sein. Er gibt Gerechtigkeit,und garantiert dem Einzelnen jene Rechte, die ihm nach einem menschlichen Kodex zustehen, den Friedlaender „Individualgesetz“ nennt; dafür gibt der Einzelne Loyalitat zurück.

Es ist Friedlaenders Verdienst, die Grenzen des Lebensraumes, in denen der Friede zu verwirklichen ist, sehr real abgesteckt zu haben. Wenn er dem Einzelnen zuruft, daß der Frieden uns im alltäglichen Leben auf Schritt und Tritt begegnet und daß jene Menschen, die nur Freunde, oder Feinde kennen, für den Frieden verloren sind, so ist damit schon ein Friedensauftrag gegeben, den jeder Mensch an seinem Platz verwirklichen, kann. Und wenn er für das Ziel eines Friedens unter den Völkern fordert, daß die Gerechtigkeit übernational, nicht etwa international, sein müsse, dann hat er die „Grenze; nach oben“ zwar für eine Betrachtungsweise der Zukunft, nicht aber als Wunschtraum einer Utopie, erreicht. Friedlaender glaubt – und weist es nach – daß es Kulturkreise unter Völkern gibt (den des Abendlandes beispielsweise): sie sind die höchste und denkbar „normale“ Instanz für die Verwirklichung des Friedens, nach dem sich die Völker wie die Einzelnen sehnen.. Der „Kulturkreis“ soll es sein, dem als höchste Instanz auch die politische und die militärische Verteidigung des Friedens obliegt: „Sobald die letzte militärische und außenpolitische Souveränität an. die Gemeinschaftsinstanzen übertragen wird, wird die ganze Welt nachbarlicher Macht, Gier und Intoleranz stillgelegt.“ Und schließlich: „Nur die Staatengemeinschaft des Kulturpreises kann zu einem echten Sozialrecht der Völker gelangen, zu einem Völkerrecht, das diesen Namen verdient. Sie kann das ‚Erbe der Vergangenheit‘ befrieden.“ – Kein Zweifel, daß hier in der Kühle der Theorie praktische – Ideen formuliert sind, die das Kernproblem unseres gefährdeten-Daseins anrühren und die jeden betreffen, den „Mann des Alltags“ nicht minder wie den Politiker, der nichts so notwendig wie eine Strategie des Friedens braucht, soll uns der nächste Weltbrand nicht verschlingen. Josef Marein