Die Deutschen dieser Zeit, müde, ernüchtert. vielfältig betrogen und getäuscht, Sind von einer tiefen Abneigung gegen alle Illusionen erruflt; sie horchen amehesten noch auf Stimmen, denen ein Ton von skeptischer Weltkenntnis beigemischt ist und die ohne allzu große Betonung dogmatischer Ideale die ganze Schwere der Aufgabe empfinden lassen, mit den Illusionen nicht auch noch die letzte Glaubensmöglichkeit abzubauen. Wir haben die furchtbaren Folgen der reinen Machtanbetung und brutalen Gewaltanwendung erlebt, aber wir haben nicht den Eindruck, daß nun ein Zeitalter höherer Rechtsverwirklichung angebrochen sei: Angesichts der unübersehbaren Wirrnisse werden, wir von dem Gedanken bedrängt, einer bitteren Zwangsläufigkeit unterworfen, zu sein, die nun einmal der menschlichen Natur eigne, und wir möchten jenseits alles verdächtigen Moralisierens. erfahren, wie es denn nun immer in der menschlichen Geschichte zugegangen sei und welche Rolle tatsächlich seit je die Matht gespielt habe. Darauf gibt das Werk des Freiburger Historikers Gerhard Ritter „Die Dämonie der Macht“ (Stuttgart 1947) eine tapfere und kundige Antwort; Die Griechen hatten noch ein naives Verhältnis zur Macht, sie war ihnen eine Gunst der Götter, eine Folge der Kraft und Tüchtigkeit, konnte von ihnen aber auch nicht losgelöst vom Nomos, von einer sinnerfüllten Gemeinschaft und einer Verwirklichung höherer Gesetze gesehen werden. Das Christentum schuf ein anderes Verhältnis zur staatlichen Macht. Zunächst gilt zwar die strenge Gehorsamspredigt des Paulus gegenüber dem irdischen Staat. Je mehr aber, die Christengemeinschaft die ganze römische Welt durchdringt; desto mehr nimmt sie „die Züge einer sichtbaren, mit irdischen Machtmitteln verfestigten Rechtsgemeinschaft an“. Es entwickelt sich die christlich-germanische Monarchie des Mittelalters. Der rohen Gewalt werden durch die christlichen Ideale Grenzen gesetzt, anderseits jedoch sind gerade aus dem Verhältnis von Kirche und Staat furchtbare Kämpfe entstanden, und „in der politischen Wirklichkeit hat es bekanntlich an. wilden, maßlos blutigen Machtkämpfen so wenig gefehlt wie zu anderen Zeiten“. In der Neuzeit sind die Stimmen gegen Gewalt und Willkür immer dringlicher, aber die Mittel, das Gewissen zu betäuben und die Gewalt zu rechtfertigen, zugleich immer feiner geworden. – „Aus dem mahnenden Bußprediger, der den Machthabern ihre Sünden vorhält, wird nur allzu oft ein liebedienerisch verlogener Höfling, der jede politische Gewalttat zu rechtfertigen weiß.“ In den Renaissance-Staaten Italiens wurden die Methoden der Machtgewinnung besonders entwickelt, und in den Schriften von – Machiavelli. wurde ein neuer Sinn für das Wesen der Politik geweckt.

Man kann sich auch heute noch der weitgehend den Richtigkeit der Beobachtungen Machiavellis nicht verschließen, die erkennen lassen, daß ohne die Stütze durch reale Interessen sich kein Ideal ‚auf die Dauer im Bereich der großen Politik als lebensfähig erweist Machiavelli weiß aber auch, daß ohne moralische Autorität wiederum politische Macht nicht haltbar ist. Er ist der Wirklichkeit furchtlos nachgegangen, ohne jedes Ausweichen in Illusionen: Eben dies ist es, was der Amerikaner James feurnham in seinem Werk „Die Machiavellisten“ aufzeigt: die wirklichen, bewegenden Kräfte hinter allen Schlagworten erkennen und eine realistische Politik mit der Achtung vor der Freiheit verbinden. So will uns heute scheinen, als ob weltmännische Kenntnisse und Erfahrungen eine bessere Voraussetzung für die Politik seien als „Ideale“ - der Wiener Kongreß als das Werk der großen Kavaliere und politischen Lebenskünstler Metternich und Talleyrand hat einen längeren Frieden geschenkt als es die Dogmatiker von Versailles vermochten, (Man lese nur im Faust, wie Mephisto über das Streben seines Schülers nach einem Ideal frohlockt, weil er ihn dann nur um so besser verführen kann! (Auch Walter Lippmann stellt in seinem Buch: „Außenpolitik der USA fest, daß in bedeutenden politischen Zielsetzungen selbstsüchtige und ideale Beweggründe untrennbar miteinander verbunden seien, worüber in der „Zeit“ (23. Oktober) ausführlich berichtet wurde.

In Deutschland gewann im 19. Jahrhundert das bewußte Machtstreben eine steigende Anerkennung. Ranke verkündet das „Primat der Außenpolitik“ (das neuerdings Lippmann wieder unterstreicht), aber selbst Treitschke fordert, noch, „daß die erworbene Macht sich rechtfertigen, muß, indem sie verwendet wird für die höchsten sittlichen Güter der Menschheit“. Hegel und Fichte haben die kämpferische Staatsidee Machiavellis dann neu entdeckt, aber die bewußte Machtanwendung nur für die äußeren Kämpfe des Nationalstaats, nicht für dasinnerpolitische Ringen zugelassen. Auch gingen sie immer von dem, höheren Auftrag des Staatsindividuums aus. Niemals gab es in Deutschland eine solche vollkommene Gewissenlosigkeit wie die, welche Hitler zeigte. Bei ihm wurde „aus der Dämonie der Macht eine Satanie“, eine politische – Amokläuferei. Die Aufgabe unserer Zeit aber ist es die kalte Machtpolitik ebenso zu überwinden wie jede Form der Illusion und pharisäischen Heuchelei. Nur eine mit Wirklichkeitssinn angepackte Friedenssicherung hat Aussicht auf Bestand;

In diesem Zusammenhang verdient eine Deutung erwähnt zu werden, die Frank Thieß in einem viel-. beachteten Vortrag „Geist und Geschichte“ (jetzt in dem Sammelbändchen „Zeitwende“ bei Krüger, Hamburg, erschienen) dem Machtproblem gegeben hat. Der Mensch müsse sich immer wieder zu kollektiven Verbänden, zusammenschließen. und diese stünden wie die organischen Schöpfungen der Natur stets unter dem Selbsterhaltungstrieb und dem Ausdehnungswillen.. Das gelte für die geistigen Kollektivgebilde nicht weniger als für die Staaten. „Ganz gleich, ob es sich um einen pazi- oder um die Kirche handelt: die Menschen in ihnen, welche sich vorbehaltlos in ihren Dienst stellen, werden zu Zellen dieses Organismus. Sie sehen die Welt nur noch unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit, für die sie streiten, und wollen in den meisten Fällen alle andern bekehren.“ – Es ist gewiß eine Tragik, daß auch eine geistige Idee durch ihre Anhänger einenKollektivcharakter annimmt. Es ist etwas tief Bedenkliches am Kollektivgeist. etwas Ungeistiges, Herabziehendes, Bedrohliches: aber er ist auch eine Quelle der Kraft, der Opfer- und Todesbereitschaft, des Mutes und der Liebe. Ein Blick auf die Geschichte ist nicht hier ohne Licht und Trost: wir erkennen, welch wunderbare Kraft der Geist in der Wirklichkeit zu entfalten vermag, wenn er mit den organischen Kräften sich verbündet. Bei den christlichen Märtyrern „gingen Geist und Kollektiv denselben Weg, und so stieg aus ihrem Blut gewaltiger Same ins Licht; der Geschichte.“ Wir überwinden die Dämonen nicht, indem wir sie leugnen, sondern indem wir sie dienend einfügen in das höhere Werk.

Hans Dahmen