Von Alfred Hentzen

Nur wenige haben geahnt, wer Hermann Blumenthal war, solange er lebte, und als er 1942 im Osten fiel, betrauerte ihn nur ein kleiner Kreis der Freunde, die wußten, daß ein großer Künstler aus voller Schaffenskraft herausgerissen worden war. Die wenigen Werke, die nach und nach auf Ausstellungen zu sehen gewesen waren, erschienen allzu spröde und abweisend; als daß ein größerer Kreis schon daran hätte Anteil nehmen können. Ja, selbst der Freundeskreis, der manches bedeutende Werk im Atelier hatte entstehen sehen, stand staunend vor dem Gesamtwerk, das vor kurzem eine Berliner Ausstellung vereinte. Auch hier zwar war keineswegs alles uns Erhaltene zu sehen, aber genug, um dem für plastische Form Empfänglichen zu zeigen, daß hiereine der Bedeutsamsten Kräfte der ganzen Bildhauergeneration. die in den Jahren nach der Jahrhundertwende geboren ist, wirksam war. Freilich, die Schönheit und Größe dieser Kunst erschließen sich nicht leicht. Ihr Ausdruck ist verhalten, fast scheu, und spricht nur zu dem der länger davor verweilt. Es sind besonders die Jünglingsgestalten, die Abbilder der eben zu männlicher Bewußtheit erwachenden Menschen, die Blumenthal geformt hat in ihrer oft fast ungelenken Jugendlichkeit und träumerischen Zartheit, sitzend, stehend, sich reckend, kniend. Und oft kehrt dabei das Motiv der sich greifenden Hände wieder, das fast ein Gefesseltsein auszudrücken scheint.

Manches verdankt Blumenthal, besonders natürlich in den Anfängen, seinem Lehrer Scharff, manches auch seinem Freunde Marcks. Auch die Auseinandersetzung mit der aus ganz anderen Wurzeln erwachsenen Kunst Ludwig Kaspers war fruchtbar. Aber allen ist er schnell entwachsen. Er war eigentlich von Anfang an immer, er selbst, ganz eigen und unverwechselbar. Denn ihm war die Sprache der Plastik angeboren; er brauchte sie im Grunde nicht zu lernen; die Lehrer und Helfer wirkten nur befreiend, kürzten vielleicht den Weg ab halfen ihm, sich selbst zu finden, aber wiesen ihm nicht ihren Weg, sondern den seinen. So gelang ihm, die Verwirklichung seiner Menschenvorstellung in unvergleichlicher Dichtigkeit. Es ist etwas Junges und Frühes um diese Bildwerke, eine zukunftsträchtige Kraft, eine echte Archaik. Das wird dem Betrachter besonders bewußt, wenn er die im Grunde abgeleitete, archaisierende Form etwa im Werke Lpdwig Kaspers daneben stellt. Hier ist immer die Gefahr des Klassizismus nahe, bei Blumenthal nie. Die knappe Einfachheit seiner Formel, die starke. Aussagekraft seiner schlichten Gesten, die ungewöhnlich den Raum beherrschende und durchdringende Bewegung der Körperachsen, die strenge Straffheit des Stils – das alles macht diese Kunst frühen griechischen oder etruskischen Bronzen innerlich verwandt, aber nie und nirgends empfindet man etwas Unfreies Nachahmendes oder auch nur ein Sichanlehnen an alte Formen, Alles ist ganz heutig, und daß eine solche jugendliche gestalterische Kraft in einer Zeit! möglich war, die sich selbst gern als spät empfindet, erscheint fast wie ein Wunder.