Es war am 27. März 1945, just nach dem Fall Frankfurts, als das am Grüneburgplatz gelegene Verwaltungsgebäude der I. G. von amerikanischen Truppen in Besitz genommen wurde. Drei Tage später wurde der Ostflügel des riesigen Komplexes als Notunterkunftfür DPs zur Verfügung. gestellt. Nicht weniger als 10 000 Menden erhielten dort Quartier. Der Zerstörung von Akten, Büromaterialien und Mobiliar war seitdem kaum noch Einhalt zu gebieten. Am 15. April kam ein Befehl, daß alle noch erfaßbaren Archive und Geschäftspapiere – im Westflügel zusammengefaßt werden sollten. Anfang Mai mußte auch dieser Flügel geräumt werden und die Akten wurden nunmehr in das der I. G. gehörende Gebäude, in der Taunusanlage Nr. 6 übergeführt. Etwa 3000 zur Zentralverwaltung gehörende Beamte und Angestellte waren in der Folge damit beschäftigt, das durch die Einquartierungen und Umlagerungen entstandende Chaos zu ordnen. Inzwischen aber war auch der „Bernstein-Ausschuß“ auf der Bildfläche erschienen, der im Auftrage des USA-Oberkommandierenden zu Ermittlungen über die I. G. eingesetzt worden war. Eine Anzahl leitender Angestellter – Direktoren und Vorstandsmitglieder – wurde von diesem Stabe seit dem Mai 1945 zu „Auskunftserteilungen“ herangezogen. Am 5. Juli 1945 verfügte seitens der Militärregierung der Oberst Pillburry, der später die I. G. – Control Office leitete, die Beschlagnahme sämtlicher I. G.-Betriebe in der USA-Zone, und wenige Tage darauf wurde der größte Teil der zur „Auskunftserteilung“ herangezogenen I.G.-Prokaristen und Direktoren verhaftet und in das Militärgefängnis nach Preungesheim verbracht.

Nun trat eine sehr eigenartige Situation ein. In Preungesheim waren die I.G.-Leute zugleich mit amerikanischen Militärgefangenen untergebracht, unter deren Aufsicht sie ähnlich wie Strafgefangene behandelt und mit Arbeiten beschäftigt wurden, die gewöhnlich für solche reserviert bleiben. Doch geschah es tagsüber auch, daß man sie unter Bewachung in das Bürogebäude in der Taunusanlage brachte, wo sie entweder Verhören über die I.G. unterzogen oder mit der Herstellung von Memoranden befaßt wurden. So fertigten die Häftlinge Beschreibungen an über die Organisation der gewerblichen Wirtschaft, des ZAV-Systems, der I.G.-Exportsituation in Mittel- und Südamerika, über die I.G.-Preispolitik, über dasPreisniveau bestimmter Produktionsgruppen, über den Wert der I.G.-Anlagen in der US-Zone, über vertragliche Beziehungen, über die Frage der Zweckmäßigkeit zentraler oder dezentralisierter Führung eines Industrietrusts. Für die Beurteilung dieser Tätigkeit sind drei Umstände entscheidend: 1. Die Inhaftierten wurden über den Zweck und das Ziel der von ihnen verlangten Ausarbeitungen und der mit ihnen angestellten Vernehmungen im Dunkeln gelassen. Und keinem von ihnen wurde mitgeteilt, daß es sich um die Voruntersuchung für ein später einzuleitendes Gerichtsverfahren handelte. 2. Keiner der Häftlinge wurde auf das Recht der Verweigerung der Aussage aufmerksam gemacht sie wurden im Gegenteil unter Berufung auf die entsprechende ordinance des Kontrollratgesetzes darauf hingewiesen, daß infolge der „bedingungslosen Kapitulation“ jeder Deutsche, bei Androhung von 20 Jahren Gefängnis im Verweigerungsfall, angehalten, sei, alle von ihm gewünschten Aussagen zu erteilen. 3. Keiner der Inhaftierten war sich über die Prozedur eines amerikanischen Gerichtsverfahrens, über die Modalitäten des anglo-amerikanischen Rechtes und über die rules of evidence, die Regeln der Beweiserhebung nach diesem Recht, im klaren. Ein großer Teil der Vernehmungen fand dazu inenglischer Sprache statt, deren die Verhörten nur mangelhaft mächtig waren, und in vielen Fällen war es nur gestattet, die vorgelegten Fragen mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. Dokumente, auf die sich diese Fragen bezogen, wurden nicht vorgewiesen, obwohl die darin behandelten Vorgänge oft jahrelang zurücklagen.

Die Anklage umfaßt fünf Hauptpunkte: Planung und Vorbereitung von Angriffskriegen, Plünderung und Raub, Versklavung und Massenmord, Mitgliedschaft in der SS, gemeinsamer Plan oder Verschwörung. Die Eröffnungsverhandlung fand Mitte August im größten Saaldes Nürnberger Gerichtshofes statt, dem gleichen, wo der IMT-Prozeß gegen Göring und Genossen abgerollt war. Anklageschrift, Eröffnungsplädoyer (Opening Statemens), der sich auf 91 Dokumentenbände stützende Beweisvortrag der Anklageund der zusammenfassende sogenannte Trial-Brief sind zweifellos eine Fleißarbeit ersten Ranges, die wohl an Übersichtlichkeit der Anordnung und Fülle des Materials alles übertreffen, was in dieser Beziehung je in Nürnberg geleistet worden ist.

Die Stellung der Verteidigung in dem sich nun entfaltenden Monsterprozeßwar von Anfang an aus mehreren Gründen noch schwieriger als in den übrigen Nürnberger Verfahren. Zu einem großen Teil stützt sich die Anklage auf affidavits (beeidete schriftliche Aussagen) des angeklagten J.G.-Vorstandsmitgliedes Georg: v. Schnitzler und des nicht angeklagten Leiters des Technischen Ausschusses, Dr. Strüß. Dabei kann der Fall Schnitzler als ein typisches Beispiel von Haftpsychose betrachtet werden:er ist die cause celèbre in Nürnberg. Denn Herr v. Schnitzler hat später einen Teil seiner Ausführungen widerrufen, nach einiger Zeit aber auch einen Widerruf des Widerrufs folgen lassen. Viele seiner affidavits tragen nachträgliche Berichtigungen, die den Eindruck eines aus den Fugen geratenen Erinnerungsvermögens noch verstärken. Und unter den übrigen Angeklagten haben die Schnitzlerschen und Strußschen affidavits Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten ausgelöst von denen auch die Verteidigung schließlich nicht unbeeinflußt blieb. Eine einheitliche Führung der Verteidigung wenigstens, wie sie sich etwa im Flick- und im Krupp-Prozeß unter Dr. Kranzbühler herausgebildethat, ist bei der I. G. bisher schwer erkennbar. Wohl zählen Anwälte wie Dr. Bötticher (für Krauch), Dr. Dix (für Schmitz) und Dr. Siemers (für Schnitzler) zu den ersten Verteidigern nicht nur Nürnbergs, sondern Deutschlands. Aber auch sie sind nicht immer in der Lage die bei anderen I.G.-Verteidigern vorherrschende, freilich durch die Haltung der Angeklagten bedingte Tendenz auszuschalten, die Interessen der einzelnen Mandanten ohne Rücksicht auf den Gesamtkomplex durchzusetzen. Andere Schwierigkeiten sind durch den von einer bayrischen Spruchkammer neuerdings gegen Dr. Achenbach, denVerteidiger Gajewskis, erlassenen Haftbefehl entstanden, den zu verhindern oder aufzuheben sich das amerikanische Militärgericht interessanterweise nicht in der Lage gesehen hat, obwohl Dr. Achenbach seinen Wohnsitz nicht in Bayern, sondern in Essen hat. Endlich haben der Verteidigung für die Bearbeitung des ungeheuren Materials, das selbst die führenden Angeklagten nur in Teilen beherrschen, kaum so viele Monate zur Verfügung gestanden wie der Anklage Jahre, da nun einmal die Beendigung aller Nürnberger Prozesse bis Mitte des Jahres gewünscht wurde und damit auch im I. G.-Verfahren die Fristen erheblich eingeschränkt werden mußten.

Aus der Fülle des von der Anklage zu den einzelnen Punkten vorgebrachten Materials schälten sich allmählich drei Hauptkomplexe heraus, mit denen die Verteidigung sich auseinanderzusetzen hat. Der erste Komplex betrifft die bald nach Hitlers Machtergreifung einsetzende enge Zusammenarbeit zwischen I. G. und Wehrmacht. Und der Angeklagte v. Schnitzler hat darüber erklärt:

„Im Jahre1934 gewann die Wehrmacht Bedeutung und mit dem zunehmenden Tempo nach 1936 wurde die Wehrmacht der überragende Faktor bei der ganzen Sache. Seit 1934 wurde eine starke Tendenz mehr und mehr fühlbar, in unseren Betrieben Investitionen für Produktionsgüter von entscheidender militärischer Bedeutung vorzunehmen, wobei das Hauptziel war, das Kriegspotential Deutschlands zu erhöhen ... Zugleich wurden damit die Beziehungen zwischen der I.G. und der Wehrmacht immer intimer und daraus ergab sich eine ständige Vereinigung zwischen den leitenden Beamten der I.G. einerseits und den Vertretern der Wehrmacht anderseits.“

Rückblickend ist dies zweifellos richtig gesehen. Aber war dies auch damals erkennbar? Schnitzler erklärt dazu: „Es ist deshalb jetzt nach 12 Jahren schwierig festzustellen, ob die Wiederaufrüstungsbewegung von Anfang an als eine rein militärische Maßnahme begann oder ob sie in der ersten Phase bis Ende 1936 nicht in der Hauptsache insoweit wirtschaftlicher Natur war, als die Erzeugung von synthetischem Benzin, synthetischem Gummi, Kunstseide, und Kunstfasern usw. nicht nur gefördert wurde, um Materialien zur Kriegführung zu gewinnen, sondern auch um Deutschland in diesen Erzeugnissen unabhängig zu machen und die zu ihrer Einfuhr nötigen Devisen zu sparen. Die Autarkie und Wiederaufrüstungspolitik waren so eng miteinander verknüpft, daß eine Unterscheidung, welches Element dabei überwog, unübersteigbare Schwierigkeiten bietet.“