Von Herbert Geiger

Autobiographien haben immer einen großen Reiz der vor allem in der persönlichen Note des Autors und der Darstellung der Zeitumstände beruht, unter denen das geschilderte Leben sich abwickelte. Sie sind daher auch für den Kulturforscher und für den Psychologen von erheblichem Intresse, Für die Entwicklung der Technik und des aufstrebenden Zeitalters der Naturwissenschaften haben die Lebenserinnerungen von Werner von Sienens besondere Redeutung, da sie einen Einblick in das große Einflußgebiet gewähren, das deutscher Erfindergeist und deutsches Können’sich damals, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, sicherten: Daneben aber lassen sie die geniale Naturanlage Werner von Siemens erkennen, die sich nicht auf sein Fachgebiet beschränkte, sondern ihm auch in der Medizin überraschende Einsichten vermittelte. Ob es ein Zufall oder schicksalsmäßig bedngt ist, daß seine 1868 ausgesprochene-Theorie in unserer Zeit ihre Bestätigung „durch die Erfindung des Elektronenmikroskops in den Siemenswerken gefunden hat, bleibe freilich dahingestellt.

ferner von Siemens unternahm im September 1866 eine Geschäftsreise in den Kaukasus. Auf der Rückreise wurde er von einem Fieberanfall (wahr-– scheinlich Malaria) befallen und von dem ihn begleitenden Arzt erfolgreich mit Chinin behandelt. Seir immer reger Geist knüpfte an diese Infektion eigene Gedanken über ihre Entstehung und mögliche Heilung. Siemens war damals schon der Auffassung, daß kleine Lebewesen als Erreger solcher Krankheiten in Frage kämen, lange bevor es Meistern der Medizin wie Koch und anderen gelang, sie dem Auge sichtbar zu machen. Weiter folgerte er, daß im menschlichen Organismus, und zwar im Blut, andere ,,Lebewesen“ vorhanden sein müßten, die ihrerseits wieder von den Infektionserregern „leiten“, und, wie er annahm, wieder upendlich kleiner sein müßten als die Bazillen und Keime selbst. Siemens berichtet: „Es war ein interessantes-Zusammentreffen, daß mich auf dieser dritten Reise nach dem Kaukasus gerade in den Gegenden, wo sich mir vor so vielen Jahren Schon die Theorie aufgedrängt hatte, nach welcher das klimatische Fieber durch kleinstes Leben im Blute hervorgerufen würde, die frohe Botschaft erreichte, durch Kochs neueste Entdeckung sei eine Hauptplage der Menschheit, die Schwindsucht – besiegt.“ Die anschließenden Ausführungen setzen. sich nun ausführlich mit seiner Theorie über Immunität auseinander. Dabei konnte es freilich nicht ausbleiben, daß ihm, dem – weniger geschulten Naturwissenschaftler, gewisse Fehler unterliefen; aber, das tut hier nichts zur Sache. Hören wir aber, was Siemens Weier sagt: „Die Frage nach der Entstehung dieser Keine, welche ein den Bazillen, deinen sie entstammen, feindliches Leben entwickeln, scheint mir ungezwungen nur zu beantworten, wenn man annimmt, daß die die Krankheit erzeugenden Lebewesen selbst – Infektionskrankheiten unterworfen sind, durch welche sie ihrerseits in der Lebens tätigkeit gehindert und schließlich getötet werden. Man müßte dabei annehmen, daß das Leben, und zwar sowohl das animalische wie das Vegetabilische, nicht an – die von uns noch durch Mikroskope erkennbaren Dimensionen geknüpft sei, sondern daß es Lebewesen gehe, die zu den Mikroben und Bakterien ungefähr in demselben Größenverhältnis stehen wie diese zu uns. Es stehen dieser Annahme keine, naturwissenschaftlichen Bedenken entgegen, denn die Größe der Moleküle liegt jedenfalls tief unter der Grenze, welche den Aufbau solcher Lebewesen einer niederen Größenordnung noch gestattet.“

Liest man die medizinischen Gedanken dieses Großen aus dem Reiche der Technik, so muß man bewundern, mit welcher Genialität Werner von Siemens durch deduktive Überlegungen zu einer Theorie gelangte, von der sich in der Folgezeit durch unermüdliche Arbeit großer. Ärzte und Wissenschaftler erweisen sollte, daß sie von einigen irrigen Vorstellungen abgesehen, der Wirklichkeit entspricht. Spätere Erkenntnisse der Fachmedizin (diese Siemensschen Lebenserinnerungen wurden 1891 niedergeschrieben) daß der Organismus in Abwehrkampf gegen eingedrungene Krankheitserreger die sogenannten Makrophagen oder großen Freßzellen (weil sie die bereits geschädigten Bakterienleiber „auffressen“) und Mikrophagen oder Kleine Freßzellen ins Feld führt. Diese sind in der Tat um ein beachtliches Maß kleiner als die Krankheitserreger selbst; wenn auch nicht in dem Verhältnis, das Werner von Siemens annahm. Es gelang allerdings der Wissenschaft bis dahin nicht, diesen Vorgang der Eliminierung der Bakterien durch die Makrophagen anschaulich zu machen. obschon man von ihrer Existenz wußte. Wie bereits gesagt, war es erst die noch spätere Erfindung des Elektronenmikroskops und seine Herstellung durch den Freiherrn von Ardenne und seine Mitarbeiter in den Siemenswerken kurz, vor dem zweiten Weltkriege, die uns Einblicke in die Welt des Mikrokosmos tun ließ, wie wir sie bis dahin für unvorstellbar gehalten, hatten. Hier gelang’es zum ersten Male, die ultravisiblen Vorgänge der Phagocytox durch Mikrophagen und sogenannte Viren sichtbar zu machen. Wahrlich eine Bestätigung seiner genialen Intuition, wie Sie Werner von Siemens kaum zu erhoffen wagen durfte!

Stellen wir uns die Frage, aus welcher Kraft, universal beanlagte Menschen bisweilen außerhalb ihres Fachgebietes zu außerordentlichen Leistungen und sogar, bahnbrechenden Entdeckungen kommen, so müssen wir annehmen, daß ihnen ein gewisses „Begnadetsein“ gegeben ist, ein „Künstlertum“ mit intuitiver Begabung, das sie befähigt, „instinktmäßig“ richtig zu ‚,träumen“. In diesem Sinne sagt Werner von Siemens selbst, indem er sich zu seinen Erfolgen äußert: „Die Eigenschaft, in kritischen Momenten schnell entschlossen zu sein und ohne lange Überlegung das Richtige zu tun, ist mir während meines ganzen Lebens so ziemlich treu geblieben, trotz des etwas träumerischen Gedankenlebens, in das ich vielfach, ich könnte fast sagen gewöhnlich versunken war.“

Es ist die Fähigkeit des Genies, wich, in gleichsam träumerischer Weise mit der Natur in einen rezeptiven Kontakt zu setzen, aus dem es gültige Erkenntnisse gewinnt, deren Wahrheit von Arbeitern des Fachs nur noch bestätigt und im einzelnen befestigt zu werden braucht. Goethe hat dies in wunderbare Worte gekleidet und damit das Geniale unvergleichlich beschrieben: „Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet.“