Das Wort „Preisverteilung“ spielt im öffentlichen Leben Frankreichs eine große Rolle, und das System der Preisverteilung entspricht einem tiefen Bedürfnis des Franzosen, nicht nur nach objektiver Anerkennung, sondern – auch nach Publizität. Nicht wie Deutschland hat das geistige Leben „unter Ausschluß“, sondern im Lichte der Öffentlichkeit gestanden. Vor allem die Schriftsteller stehen im Vordergrund. Sie suchen und schätzen die öffentliche Meinung. Vielfach bekleiden sie öffentliche Ämter und greifen bei allen möglichen Anlässen der internationalen Politik oder des nationalen Lebens zur Feder, leidenschaftlich Stellung nehmend. Und welch großen Anteil die Öffentlichkeit an dem geistigen Leben nimmt! Gerade darum bedeuten die Literaturpreise nicht nur eine sachliche Anerkennung für die literarische Leistung, sondern auch eine Brücke zwischen der geistigen Welt und der des Alltags. Die Entscheidungen der Preisgerichte geben dem Geschmack des Publikums Richtung und Ziel Und ihr Prestige ist groß – auch wenn ihre Entscheidungen nachträglich von Seiten der Kritik oft angefochten werden ... Manchmal meint sogar die Kritik, es seien der Preise mehr als genug.

Auf der höchsten Stufe des Ansehens steht der Prix goncourt der nicht nur eine literarische Höchstleistung belohnen soll, sondern darüber hinaus die Aufgabe hat, der Öffentlichkeit einen entweder ganz unbekannten oder doch nur wenig bekannten Autor vorzustellen. Seine Jury besteht aus zehn Ständigen Mitgliedern, denen bekannte Schriftstellen (wie Alexandre Arnoux und die Colette angehören. Oft bedeutet die Verleihung des Goncourt-Preises eine Überraschung, so auch, als im vergangenen Dezember Jean-Louis Curtis das Diplom erhielt. Hatte Emile Henriot seinen preisgekrönten Roman „Les Foréts de la Nuit“ nicht sogar wenig schmeichelhaft eine „brav gelöste Schulaufgabe“ genannt, die eher Fleiß als Genie verrate? Die Handlung sei nicht überzeugend, sondern wirke konstruiert, und die Personen glichen Marionetten, die an allzu sichtbaren Fäden aufgehängt seien. Jean-Louis Curtis, selbst der – eben erst dreißigjährig – als Englischlehrer an einem Pariser Gymnasium unterrichtet, sagt von seinem preisgekrönten Buch. daß er ohne heroische Attitüde und persönliche Wertung das Schicksal seiner Generation in der verworrenen Kriegs-und Besetzungszeit habe schildern wollen. Uneigennützigem Patriotismus und edler-Gesinnung stünden daher in diesem Suche Feigheit, Verrat und niedere Profitsucht gegenüber, ohne daß das eine verherrlicht und das andere verurteilt werde.

Auch das Romanwerk Jean Cayrols, das mit dem Théophraste-Renaudot-Preis ausgezeichnet wurde, gehört zu der „Littérature engagée“, der zeitverpflichteten Literatur der Kriegs- und Leidenszeit. Cayrol. der wieCurtis aus dem französischen Südwesten stammt, hat diese Zeit mit ihren ganzen Schrecken am eigenen Leibe erfahren müssen. Als einer der Führer der französischen Widerstandsbewegung lebte er drei Jahre im Konzentrationslager von Mauthausen an der Schwelle des Todes. Seine beiden preisgekrönten Romane ,,On vous parle“ und „Les premiers Jours“ bilden die ersten Bande einer Trilogie, die den Titel „jevivrai l’Amaur Jes Autres“ trägt. Und sein Werk, das aus den eigenen Erfahrungen während der Verschleppung entstanden ist, ist dies bezweifelt kein Kritiker – von wahrem Dichtertum durchdrungen, das in einer zwingenden, lebendigen Sprache zum Ausdruck kommt.

Die Wahl der Jury des Prix Femina die als wenig glücklich angesehen wird, fiel auf das Buch einer Ausländerin, der Kanadierin Gabrielle Roy. „Bonheur d’Occasion“ – so lautet der-Titel des Romans – der in Kanada eine Riesenauflage erlebte und in der englischen Übersetzung als „The tin Flute“ überm Ozean in 750 000 Exemplaren verkauft wurde. Kein Wunder, daß Hollywood sich dafür interessierte. Kurzum, Gabrielle Roy ist reich geworden. Trotz des sensationellen Überseerfolges aber, blieb die französische Kritik zurückhaltend, ja ablehnend. Die Sprache das Buch ist in einem archaisch anmutenden, mit modernen englischen und amerikanischen Brocken vermischten kanadischen Französisch geschrieben – wird zwar als originell und reizvoll gelobt. /Aber der Roman selbst, der in einem Arbeiterviertel von Montreal spielt, findet wenig Lob. Er sei zu primitiv, zu realistisch.

Mit dem vierten großen Literaturpreis, dem Prix Interallié, wurde der amüsante Roman des Journalisten und Weltreisenden Pierre Daninos „Le Corner du bon Dieu“ bedacht. Ein Buch das in wohltuendem Gegensatz zu der zeitverpflichteten, problembeladenen und oft Sehr pessimistisch, gefärbten Ideenliteratur von heute steht, Es gehört in den Bereich der Phantasie, ja der Phantastik. Man denke: Gott Vater entschließt sich zu einem rein persönlichen Amüsement, einem nie dagewesenen Experiment: er läßt einen Menschen als Greis zur Weil kommen und als Säugling sterben. Der Ablauf dieses auf den Kopf gestellten Lebens gibt nun Anlaß zu komischen und absonderlichen Situationen, die ohne jeglichen philosophischen oder ideologischen Hintergedanken dargestellt werden. Ein Buch problemloser, heiterer Unterhaltung, das man vielleicht deshalb besonders zu schätzen wußte, weil diese Art Literatur heute so .selten geworden ist..

Alix Berdolt-Stieger

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Aus Protest gegen die in Frankreich immer mehr überhandnehmende Flut von Literaturpreisen versammelten sich, wie AEP meldet, am 13. des „13. Monats des Jahres 1947“ dreizehn Pariser Journalisten um ihrerseits einen Preis zu vergeben. Sie nennen ihn „Arcadius-Preis“ und zeichnen damit dasjenige Preisrichterkollegium aus, das ihrer Ansicht nach im vergangenen Jahre die größte Fehlleistung vollbracht hat. Wie für das Jahr 1946 sprachen sie auch diesmal wieder der Académie Goncourt die Krone zu. Dem in den meisten Preis-, richterkollegien vertretenen Georges Duhamel übersandten sie ihre brüderlichen Grüße. Dem Verlag Berger-Levrault, der bisher noch keinen Literaturpreis gegründet hat, überwiesen sie 13 Franken, damit er das Vergessene nachholen könne. Sie beschlossen, daß alle Bücher, die im vergangenen Jahre leer ausgegangen sind, ein Streifband mit der Bezeichnung „Arcadius-Preis“ tragen dürften; zum Schluß wählten sie die Filmschauspielern Suzy Carrier zur „Miß Arcadius“ und übertrügen ihr den Vorsitz bei einem Festessen.