Der Zusammenbruch im Jahre 1945 erfaßte weitgehend auch das deutsche Recht. Seine Neuordnung wurde rasch und mit Eifer begonnen. Obwohl die Dinge noch durchaus im Fluß sind, lassen sich die bisherigen Umrisse des Aufbaus bereits klar überblicken.

Das auffallende Ergebnis der jüngsten Rechtsentwicklung ist zunächst eine enorme Anhäufung des gesamten Rechtsstoffs. Dafür sind mehrere Gründe maßgeblich; Sofort wirkte sich allgemein die Notwendigkeit aus, alles auf nationalsozialistische Einflüsse zurückzuführendeo der sonst durch die Entwicklung überholte Recht außer Geltung zu bringen. Erst langsamer zeigten sich die Folgen der neuen staatsrechtlichen Entwicklung Einziger Träger einheitlichen Rechts ist der Kontrollrat, Er hat sich bei. seiner Gesetzgebung auf die wichtigsten Materien beschränkt. Seine Maßnahmen sind außerdem weitgehend Rahmengesetze, zu deren Ausführung von den Zonenbefehlshabern weiteres Recht gesetzt wird. Dieser Aufspaltungsprozeß geht auf der Länderebene weiter. Er zeigt hier stärkste Auswirkungen, weil weite Teile der Gesetzgebung bei den Ländern verankert sind.

Aus vielen Quellen fließt das in den drei Westzonen geltende Recht; Das Einheitsrecht wird im „Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland“ gebracht. Das bizonale Recht findet man in den Amtsblättern der zweizonalen Behörden. Das Gesetz- und Verordnungsblatt des Wirtschaftsrats und das Amtsblatt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten rechnen, beispielsweise hierzu. Auf zonaler. Ebene zeigten sich die Amtsblätter der Militärregierungen für das britische und amerikanische Kontrollgebiet. In der französischen Besatzungzone erscheint das Officiel“ als Organ der Militärregierung.

Ein deutsches Zonenrecht begegnet uns in den zentralen Verkündigungsblättern der britischen Zone, zum Beispiel. Verordnungsblatt für die britische Zone, Zentraljustizblatt, Steuer- und Zollblatt. Zonenhaushaltsblatt sowie Veröffentlichungsblatt des Zonenamts für das Versicherungswesen. Die Blätter anderer Zonenbehörden, die nicht Gesetze und Verordnungen, bringen, sind in diesem Rahmen nicht eingespannt. Dennoch sind bereits 16 Verkündungsblätter in der Ebene über den Ländern vorhanden.

Bei den Ländern trifft man – neben Blättern der Besatzungsbehörden wie zum Beispiel dem Regierungsblatt der Militärregierung Württemberg/Baden – zunächst die 11 Gesetzblätter der einzelnen Landesregierungen an. Daneben stehen die besonders in der amerikanischen Zone für die Rechtsfindung. unentbehrlichen Staatsanzeiger zu denen sich dann noch die Mitteilungsblätter vieler Länderfachressorts, vor allem der Justiz Finanz- und Kultusministerien gesellen. Bis hierher wird das deutsche Recht allein, für . – die Westzonen in etwa 40 Blättern verkündet. Auf diesem gewiß breiten Boden wächst nun regelmäßig in monatlichen Lieferungen der neue Rechtsstoff mit automatischem Zwang zu. Nach der Auflagenhöhe 1946/47 weisen zum Beispiel die Gesetzblätter der einzelnen Länder durchschnittlich je 25 Nummern im Jahr auf. Einschließlich des Saarlandes Sind das allein jährlich insgesamt 300 Nummern. Zu ähnlichen Zahlen gelangt man bei den Staatsanzeigern sowie den anderen Verkündungsblättern. Man wird ein etwas unheimliches. Gefühl erhalten, wenn man sich bei solchen Progression die Menge der deutschen Rechtsvorschriften im Laufe der Jahre vorstellt.

Hiermit ist zugleich für die großen Schwierigkeiten der Rechtsfindung in Deutschland Wesentliche gesagt. Wie kommt der Anwalt in der britischen Zone an die länderweise geregelte Abänderungsvorschriften der Zivilprozeßordnung aus der amerikanischen oder gar französischen Zone heran? Für die drei Westzonen sind dabei die Rechtsmittel gegen Urteile der Landgerichte in Zivilsachen in 9 Vorschriften, die Formbestim-. mungen für die gerichtliche Geltendmachung von Ansprüchen aus Ruinenhypotheken sowie aus Aufträgen der öffentlichen Hand in 16 Vorschriften und die Einführung der Verwaltungsgerichtsbarkeit in bisher 27 Vorschriften geregelt. Das Entnazifizierungsrecht in Deutschland ist noch viel mehr zersplittert und daher kaum zu übersehen. Allein in Württemberg/Baden gibt es eine 21. und 22. Durchführungsverordnung zu einzelnen Vorschriften der dortigen Befreiungsgesetzgebung. Unübersehbar ist weiter die Regelung des Flüchtlingswesens. Die Fülle der gerade auf diesem Gebiet erlassenen Vor-Schriftenmacht eine einheitliche Betrachtung der Zusammenhänge fast zur Unmöglichkeit.

Deshalb wird selbst mit einem vollständigen Archiv aller nach dem Zusammenbruch ergangenen Rechtsvorschriften nicht allzuviel für die Praxis gewonnen sein. Eine solche Sammlung ermöglicht gewiß den großen Überblick. Jeder Versuch jedoch, auf einem bestimmten Stoffgebiet einen erschöpfenden Einblick zu gewinnen, führt erfahrungsgemäß zu den erheblichsten und manchmal unlösbaren Schwierigkeiten. Es liegt soviel kasuistisches von Zone zu Zone und oft auch von Land zu Land nicht abgestimmtes Flickwerk am früheren Reichsrecht vor, die Sach- und Zeitregister, die auch immer nur für das zurückliegende Jahr herausgegeben werden, müssen angesichts einer unzureichenden Gesetzgebungstechnik oft so unbrauchbar sein, daß im gesamten Rechtsleben ein unökonomischer Leerlauf vieler Kräfte die Folge ist. Man stellt überall das große Chaos fest, ohne daß es bisher – abgesehen – etwa von einer vorbildlichen Zusammenfassung des deutschen Straßenverkehrsrechts für die französische Besatzungszone im Juli 1947 – zu Kodifizierungen ganzer Materien gekommen ist. Wenn solche Ziele noch nicht erreichbar sein sollten, wäre jedoch zu prüfen, ob besondere die Länder dem Rechtsuchenden nicht mit anderen Mitteln entgegenkommen könnten. Wie wäre es etwa mit der halbjährlichen Herausgabe der Sach- und Zeitregister? Das würde die Sucharbeit im laufenden Jahr dankenswert erleichtern. Könnte ferner bei den meist gänzlich unsystematischen Abänderungen des alten Reichsrechts nicht durch entsprechende Überschriften klargestellt werden, welche Materien von oft unscheinbaren Einzelbestimmungen betroffen sind? Also etwa: Gesetz zur Regelung einiger Punkte des Selbstverwaltungsrechts (Änderung der DeustchenGemeindeordnung). Damit würde sich zugleich der Nutzen des Stichwortverzeichnisses erheblich erhöhen lassen. Eine weitere Hilfe würde sich mit möglichsten Koordinierungen der Ländergesetzgebung zunächst wenigstens innerhalb der Zonen erreichen lassen.