Wir haben wenig Glück mit Reformen, obwohl wir Reformer im Überfluß besitzen. Seit1945 gilt die Parole, daß in Deutschland alles anders werden müsse. Und nun wird also reformiert: eifernd, eilig, aber nicht gerade segensreich. Da ist die allgemeine Personalreform, die unter dem Namen Entnazifizierung: längst zu einem öffentlichen Übel ersterOrdnung geworden ist. Die evangelische Kirche, die bereits warnte, als das sogenannte "Befreiungsgesetz" beschlossen wurde, hat in den letzten Wochen erfreut mit ernster Sorge zudiesem Thema gesprochen. Ihre berufenen Vertreter – Wurm, Lilje, Niemöller – stimmen darin überein, daß die Entnazifizierung mit ihren bisherigen Methoden Unrecht und Unfrieden bedeutet, daß sie also eine Fehlreform ist. Und neben dieser Personalreform haben wir zahlreiche Sachreformen. Teils sind sie schon durchgeführt, teils wird noch um sie gekämpft, im Staate hat man das Parteimonopol durch das Parteienmonopol ersetzt, ohne das Volk zu befragen. Mit einer schwer begreiflichen Logik wird gerade diese Reform als Errichgtung der Volksherrschaft, der Demokratie, bezeichnet.

Auch der Boden wird reformiert. In Wirklichkeit handelt es sich allerdings nicht um den Boden, sondern um die Eigentumsverhältnisse in der Landwirtschaft. Das gehört in das große Gebiet der Sozialreformen; es sollte wenigstens dorthin gehören. Aber bei uns bleibt fraglich, ob man primär den "Junkern" etwas nehmen oder den Siedlern etwas geben will, ob hier also hauptsächlich politisch oder hauptsächlich sozial reformiert werden soll. Die gleiche Mehrdeutigkeit in der Zielsetzung zeigt sich bei der vielumstrittenen Reform der Industrie. In letzter Zeit ist es zwar um die Sozialisierung etwas stiller geworden. Aber das ist nur so zu erklaren, daßdie Sozialisten den kapitalistischen Dollarsegen aus USA um keinen Preis missen wollen. Wenn die Marshall-Milliarden erst einmal unter Dach sind wird man vermutlich wieder mehr von der Sozialisierung hören. Unsere Doktrinäre, die zwar von Gemeineigentum reden, aber damit nichts anderes als Staatseigentum in Gemeinde, Land und Reich meinen, haben immer noch nicht erfaßt, daß weder das politischenoch das soziale Heil uns dadurch näher rückt,daß wir dem Staat weitere Beute in die Hände spielen. Je mächtiger der Staat ist, um so reifer wird er für totalitäre Machtergreifungen. Die Utopie von der "klassenlosen Gesellschaft" ohne Staat ist gründlich widerlegt: Eigentumsreformen zugunsten von Staatsmonopolen sind weder zeitgemäß noch sozial. Wem es umwahre Sozialisierung das heißt um ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit zu tun ist, der muß dem staatlichen "Monpolkapitalismus" sicherlich nicht weniger als dem privaten mißtrauen. Aber unsere Schlagwortbefangenen Sozialisten bringen nicht einmal die Phantasie zu neuen Schlagworten auf: Sie könnensich sogar den "Besitzbürger" nicht abgewöhnen; sie glauben, mit solchen verstaubten Ladenhütern aus dem klasenkämpferischen Arsenal den Arbeiter immer noch darüber hinwegtäuschen zu können, daß er von einem allmächtigen "Besitzstaat" weder Freiheit noch Gerechtigkeit zu erwarten hat. Man muß sich wirklich fragen, woran diesen Sozialreformern eigentlich gelegen ist: an einer Besserung der Zustände oder am Selbstzweck des Sieges einer Partei.

Der Reformeifer in Deutschland beschränkt sich nicht auf die Entnazifizierung und die Restauration des Staates von Weimar, auf Bodenreform und Sozialisierung. Wir haben da zum Beispiel auch die Schulreform, und leider ist sie ebenfalls das Schulbeispiel einer Reform, wie sie nicht sein sollte. Den Hauptstreitpunkt bildet hier die Frage, ob man die vierjährigeGrundschule beibehalten soll oder ob an deren Stelle die sechsjährige Grundschule zu treten hat, was natürlich bedeuten müßte, daß die höhere Schule entsprechend verkürzt würde. Hier geht es also zunächst um eine Frage der Organisation. Reformieren heißt bei uns immer noch innerster Linie umorganisieren. Man beginnt nicht vom Geiste her, der sich um seiner Ziele willen die Formen als seine Mittel wählt. Man beginnt vielmehr damit, daß man mit den bloßen Formen jongliert, wobeidie geistigen Ziele regelmäßig zu kurz kommen müssen.

Wenn man die Schulbildung so umorganisiert, daß mehr Schuljahre auf die Schule mit den niedrigeren Ansprüchen und weniger Schuljahre auf die Schule mit den höheren Ansprüchen entfallen, so muß falls sonst alles beim alten bleibt, die Bildungsqualität sinken. Undwer unsere Schulverhältnisse kennt, weiß ganz genau, daß es bei einer Änderung von heute auf morgen ganz unmöglich ist, in zwei zusätzlichen Grundschuljahrendas auszugleichen, was durch den Ausfall von zwei Schuljahren auf der höheren Schule verlorengeht. Uns fehlten hierzu alle sachlichen und persönlichen Voraussetzungen, uns fehlen vor allem die Lehrer, die befähigt wären, diesen Ausgleich herzustellen. So ist es denn kein Wunder, daß die wirklich Zuständigen auf dem Kulturgebiet der Schule, die Pädagogen, die Lehrer an Universitäten und höheren Schulen, die Eltern der Kinder, die diese Schulen besuchen, fäst einhellig gegen die sechsjährige Grundschule sind.

Aber, so sagen die Anhänger der Reform, diese Zuständigen sind in Wirklichkeit rückständig. Die Reformer behaupten, die sechsjährige Grundschule sei demokratisch und sozial. Also "Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!" Und wahrhaftig: die Anhänger der Schulreform sind vor allem die politischen, die parteipolitischen Verwaltungsbeamten, Männer, die in erster Linie Politiker und erst in zweiter Linie Erziehungsfachleute sind. Hinter der uns angepriesenen Schulreform steht auf deutscher Seite nicht eine bestimmte pädagogische Richtung, sondern eine politische Partei: die SPD. Und in der Ostzone, wo man sogar die achtjährige Einheitsschule bevorzugt, ist die SED der Rufer im Streit. Außerdem aber sind die Besatzungsmächte entscheidend beteiligt, gleichfalls mit dem Argument, daß die Schulreform der Demokratisierung Deutschlands diene. Ob es auch in das allgemeine Programm einer Demokratisierung gehört; daß in der Ostzone Russisch, in der Bizone Englisch, in der französischen Zone Französisch zur ersten Fremdsprache proklamiert worden ist, muß dagegen als fraglich gelten. Die Ostdemokratie hat natürlich überhaupt ihre eigenen Formen. Es wird dort immer schwerer, ohne proletarischen Ahnenpaß, und immer leichter, mit einem solchen Paß und dem SED-Abzeichen, die zusammen die Vorbildung ersetzen, auf die Universität vorzudringen. Wie wenig es sich hier um eine deutsche Kulturreform handelt, geht aus der Erklärung des Ministerpräsidenten Dr. Steinhoff auf dem ersten pädagogischen Landeskongreß der Mark Brandenburg hervor. Dr. Steinhoff sagte nämlich, das vornehmste Ziel der neuen Schule müsse die Übermittlung der russischen Kultursein. Aber es muß auch bedenklich stimmen, wenn der Landesminister für Volksbildung in Schleswig-Holstein, Kuklinski, auf der Landeserziehungskonferenz in Rendsburg in seinem Reform-Plädoyer behauptete, die Ostzone sei bereit, sich einer gemeinsamen Basis der Westzonen auf diesem Gebiet anzuschließen, so daß mittels der sechsjährigen Grundschule die geistige Einheit Deutschlands noch immer erreicht werden könne. Über welche Zusicherungen der SED verfügt der Minister Kucklinski? Ein solches taktisches Herumspielen auf den deutschen Einheitswünschen errinnert allzusehr an Volkskongreßmethoden.

Was bei uns Schulreform heißt, ist in Wirklichkeit eine politisch-soziale Reform unseres Erziehungswesens. Und so ist es denn bezeichnend, daß sie in den "SPD-Ländern"Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen in ihrer radikalsten Form geplant wird. Mit Anstand folgen Niedersachsen und Hessen. Am weitesten "zurück", sind Nordrhein-Westfalen, Württemberg-Baden und besonders Bayern. In der amerikanischen Zone hat, gerade in Bayern, ein steter aber zäher Kampf zwischen den deutschen Stellen und der Besatzungsmacht stattgefunden. Das bayrische Kultusministerium hat jetzt der Militärregierung den dritten Schulreformplan eingereicht, nach dem die beiden ersten abgelehnt worden sind. Der neue Plan, "fußt auf den Befehlen der Militärregierung". Es ist bedauerlich, daß der bayrische Kultusminister mehr Sesselfestigkeit als demokratische Standfestigkeit bewiesen hat und nicht zurückgetreten ist. Die finanzielle Mehrbelastung durch die befohlenen Maßnahmen wird in Bayern auf 75 Millionen Mark jährlich geschätzt, ohne die einmaligen Kosten für Schulbauten und Einrichtungsgegenstände. Es bleibt abzuwarten, wie das, besonders nach der Geldreform, zu finanzieren ist. Und schließlich ist außer der Genehmigung der Militärregierung noch eine Beschlußfassung durch den Landtag erforderlich. Da die britische Militärregierung weit weniger scharf eingreift als die amerikanische, ist mit sehr erheblichen Abweichungen, sogar innerhalb der Bizone, zu rechnen. Insgesamt wird die deutsche Bildungszersplitterung hinter der Staats- und Rechtszersplitterung kaum zurückbleiben, was sich späterhin in der Freizügigkeit von Universität zu Universität, von Land zu Land und überhaupt. in unserem gesamten Kulturleben sehr bitter auswirken muß.

Selbstverständlich gibt es imErziehungswesen die Frage, der sozialen Gerechtigkeit. Und ebensowenig ist zu bezweifeln, daß verschiedene Erziehungssysteme auch verschiedene politische Vorbedingungen darstellen. Aber zur sozialen Frage ist mit aller Deutlichkeit zu sagen, daß sie durchaus lösbar ist, ohne daß die Bildungsqualität gesenkt wird. Der Aufstieg der Begabten aus unbemittelten Schichten des Volkes ist nach dem vierten Schuljahr möglich, wenn der Staat hier tatkräftig mit Schulgeldfreiheit, Lehrmittelfreiheit, und mehr als je zuvor mit Erziehungsbeihilfen Unterstützung leistet. Und für die Minderheit der erst nach dem vierten Schuljahr erkennbaren Begabungen läßt sich immer noch auf dem Nebengleise, der Aufbauschule oder mittels Förderklassen der Anschluß an die Hochschulen herstellen. Die Schulreform, die die Schüler zwei Jahre länger in der Grundschule festhält, ist eine Bremse und nicht eine Förderung für die Begabten, und man kann nicht sagen, daß verlängerte Schulgemeinschaft aller Kinder in der gleichen Klasse diesen Nachteil aufwiegt. Sie stört die Entwicklung derer, denen es zu leicht gemacht wird, durch Langeweile und derer, die mit Abstand dahinter zurückbleiben, durch Entmutigung. Der bekannte Jugendpsychologe William Stern hat, als nach dem ersten Weltkrieg über eine Schulreform debattiert wurde, für die vierjährige Grundschule Stellung genommen. Von ihm stammt auch das beherzigenswerte Wort: "Was unseren Sorgenkindern recht ist, muß unseren Hoffnungskindern billig sein."