Die Konferenz, der Sonderbeauftragten der Vier für, die ehemaligen italienischen Kolonien zeigt eine eigentümliche Parallele zu der Londoner Konferenz der Außenminister vom Dezember, vorigen Jahres. Beide Konferenzen haben sich vertagt, ohne einen Termin für eine neue Zusammenkunft festzusetzen. Die Sonderbeauftragten faßten diesen Beschluß am 3. Februar und begnügten sich damit, das Sekretariat anzuweisen, die bisher eingegangenen Berichte "interessierter Länder" zu prüfen. In beiden Fällen ist es weniger die Problematik der Sache selbst, die die sachliche Arbeit zum Scheitern brachte, als vielmehr der Interessengegensatz der mit ihrer Lösung betrauten vier Großmächte. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die europäische Politik sich unter der Last dieses Interessengegensatzes nicht zu rühren vermag, so wäre er wieder einmal geliefert worden. Noch die Debatte des Vortages erhielt einen dramatischen Charakter durch die leidenschaftliche Auseinandersetzung über den sowjetischen Antrag, die britische Forderung auf Grenzberichtigung zwischen Britisch- und dem ehemaligen Italienisch-Somaliland nicht zu behandeln, ehe eine Stellungnahme der italienischen Regierung zu diesem Thema vorliege. Einmütig erklärten England, die USA und Frankreich, daß die italienische Regierung infolge ihres im Friedensvertrage ausgesprochenen Verzichtes auf die früheren Kolonien für die ganze Frage: überhaupt nicht mehr zuständig sei.

Aber auch zwischen den großen Drei des Westens erschöpft sich die Einmütigkeit des Standpunktes in der-italienischen Kolonialfrage durchaus, in diesem besonderen Fall formaler Art. Im Grundsätzlichen zerbricht sie. Da ist Frankreich mit seiner intensiven Abneigung gegen jede Entwicklung, die den Unabhängigkeitsbestrebungen in Marokko neuen Auftrieb geben würde. Die Selbständigkeitsbestrebungen der Senoussi in der Cyrenaika und der. Somali in Italienisch-Somaliland lassen den Franzosen eine Rückkehr der früheren italienischen Kolonien unter die italienische Verwaltung als Treuhänder der UNO als das kleinere Übel erscheinen, so daß Paris bisher die römischen Wünsche unterstützte Die Franzosen begegnen sich hier, wenn auch aus durchaus verschiedenen Gründen, mit den Sowjets, die ihrerseits in der italienischen Verwaltung ein erwünschtes Gegengewicht gegen die britische Expansion in Nordafrika erblicken.

So ist es denn tatsächlich England, das in dieser Frage den schärfsten Widersacher Roms bildet, als hätten sich die britisch-italienischen Fronten des Krieges über den Friedensschluß hinaus ins Diplomatische verlängert. Berichte aus Nordafrika betätigen übereinstimmend die Schwierigkeiten, die den Italienern auf Schritt und Tritt in Nordafrika von der britischen Militärverwaltung gemacht werden. Die Vermutung, England wolle sich auf dieser Seite des Mittelmeeres einen militärischen, Ausgleich für das verlorene Terrain in Palästina und Ägypten schaffen, ist nicht auf Rom und Moskau beschränkt geblieben.

Demgegenüber haben die Italiener ohne Zweifel das Aktivum ihrer kolonialen und kulturellen Leistung in Nordafrika ins Treffen zu führen. Die Anerkennung, die diese Leistungheute auch in Kreisen der Eingeborenen als der unmittelbar Betroffenen findet, hat zu einer interessanten Auflockerung in der Option der Bevölkerung geführt. Schon hat Agos Sereke für einen Teil der Mohamniederer Eritreas erklärt, daß man eine italienische Treuhänderschaft der Selbständigkeit unter englischer Oberaufsicht vorziehen würde. Schon mehren sich sogar in Libyen die eingeborenen Stimmen, die weniger von Emanzipationswünschen, als von dem Verlangen nach Wiederkehr einer weniger umstrittenen Existenz zeugen. Vor allem wünscht man die Befreiung von der italienischen Oberherrschaft nicht mit einer neuen zu bezahlen, und die Erklärung, mit der sich kürzlich Sayed Mohammed Idriss in die Senoussis wandte, lehnte auch die von Kairo betriebene, Angliederung an Ägypten ab. – Vielleicht würde die von den USA bevorzugte UNO-Treuhänderschaft die mittlere Linie bilden, auf der sich die Parteien zu einigen vermöchten, wenn nicht dieser Gedanke, wie die Haltung Englands beweist, sogleich zum Kampf um des Treuhänder führte. Damit aber zeigt sich die Frage der ehemaligen Kolonien Italiens von der Lösung ebensoweit entfernt, wie Jedes andere Problem in den Händen der Großen Vier. -tz.