Jean Paul Sartre war in Berlin. Es war kein stillerBesuch. Kommuniqués,wie über den Tageslauf eines großen Staatsmannes, wurden ausgegeben. Mittags war er Gast des Schutz Verbandes, der Autoren, nachmittags beim Berliner Magistrat, abends sprach er ins Mikrophon des Nordwestdeutschen Rundfunks. Durch die Stadt und die Trümmerstraßen fuhr er. und am Sonntagvormittag saß er auf der Bühne des Hebbel-Theaters, auf der am Abend seine "Fliegen" das erste wirkliche geistige Theaterereignis seit dem Zusammenbruch sind.

Dem Besuch gingen viele Gewitter voraus; Zeitungsgewitter, besonders in den kommunistischen und offiziösen russischen. Blättern. Dort wurde Sartre zum bösen Feind des Marxismus erklärt Und nun sollte mit ihm diskutiert werden: dis kutiert in dem diskussionsseligen Berlin. Es würde eine Schauveranstaltung; denn nur die, die auf der Bühne an dem langen Tisch saßen, waren zur Unterhaltung zugelassen. Drunten im Parkett und auf den Rängen aber drängten sich neben vielen alliierten und deutschen "Offiziellen" Vertreter der studierenden Jugend, weißhaarige Intellektuelle, Verleger, Autoren,. Professoren und still notierende, scharf zuhörende Offiziere in allen Uniformen dieser Stadt. Droben aber saß ein kleiner, etwas vollbackiger Herr mit Augen, die hinter den dicken Gläsern nicht zu erkennen waren, dem die Zigarette nicht ausging, Während links, und rechts Von ihm die deutschen Diskutanten über Schreibblöcke gebückt – waren und Argumenteniederschrieben, schrieb Sartre nichts, notierte nichts – und dies die vollen drei Stunden lang, in denen das Feuer der deutschen Gesprächspartner auf ihn niederging. Er wartete nie auf eine Übersetzung, sondern formulierte sogleich seine Antworten in brillant geschliffenen französischen Sätzen, deren Eleganz auch die Übersetzung des französischen KulturattachesLusset nicht wiedergeben konnte. Sicher ist es schwierig gewesen, für Sartre die richtigen deutschen Diskussionspartner zu finden. An Jaspers, Ebbinghaus oder gar Heidegger hätte man denken können. Aber sie waren fern, und schließlich: – dieser Akt fand im Theater Statt. Der Autor der "Fliegen" und nicht in erster Linie der cartesianische Denker! der exakte Philosoph, schien gefragt.

Vor seinem persönlichen Erscheinen wardas Bild Saftres und seiner denkerischen und literarischen Leistung in Berlinziemlich unklar, um so mehr, als gerade hier das politische Wilderertum sehr tief in die Bezirke des geistigen Lebens eingebrochen ist. Sartres Partner der Diskussion? Ein Marxist und ein Christ! Daher. bekam die Diskussion beinahe den Charakter eines politischen Matches, den Günther Weisenborn, der Gesprächsleitet, auch noch ausdrücklich unterstrich. Der Marxist Professor Steiniger richtete sein politisches Kolleg mehr an das elektrisierte Parkett; der Christ Theunissen .schmetterte wohlüberlegte vorbedachteThesen gegen den "romantischen Nihilismus" des Sartre-Dramas. Die Freiheit, so zögernd sie zuerst genannt wurde, war die eigentliche Kernsubstanz des Gesprächs; die Freiheit, die die beider weltanschaulich, fest 1 gebundenen deutschen Gegner einmal von bestimmten gesellschaftlichen und zur anderen von bestimmten moralischen und metaphysischen Zwängen eingeengt sehen wollten.

"Sie erteilen dem ganzen deutschen Volke mit ihrer Heroisierung des orestschen Verbrechens eine gefährliche Generalabsolution", warf der Marxist seinem Gegner. Sartre vor, "Ihr Weg in die Freiheit ist ein Weg in das Nichts", beschuldigte der Christ den Franzosen. In dieser Stadt, in diesen Deutschland, diesem Jahre 1948 hätte man die "Fliegen" nicht aufführen dürfen – so meinten sie beide undeichten so die Freiheit einzuschränker, die Sartre auch und gerade für dieses Deutschland von heute für nützlich hält. Kein Wunder, da? insbesondere die Jugend frenetisch akklamierte, als Sartre darauf kühl und klar plädierte: das für das besetzte Frankreich von 1943 geschriebene Drama der Befreiung des Menschen habe auch, für da Deutschland von 1948 seine geistige und ethisch;Gültigkeit. Es gäbe kein geschichtliches Beispiel dafür, daß die kollektive Reue und das Verharren in ihr dem Menschen und der Menschheit weitergeholfen hätte. Die tätige Überwindung der Reus und der Schuld durch den Weg in die freie Verantwortung sei vielmehr das Gebot der geistigen Situation Deutschlands und der Welt. Erstaunlich bleibt, wie Sartre es verstand, das Gewirrder unterschiedlichen Fragen Und Attacken zu einen Gedankenkreis zu ordnen der seine Philosophiewirklich zu einer faßlichen Wirklichkeit machte. Wenn. Sartre sagte, er, wolle die ganze Freiheit umdie ganze Verantwortung, und diese Freiheit nicht für einen, sondern für alle, so hat er zwischen den beiden weltanschaulichen Eckpunkten, die gegea ihn errichtet worden, sich selber und die geistige und politische Existenz von Millionen dieser Zeit gedeutet. Daß dies in Berlin geschah, erhebt die Diskussion weit über die Bedeutung eines literarischen und philosophischen Ereignisses hinaus, aber als ein Gespräch zwischen der französische und der deutschen Geistigkeit Von heute könnte der Disput keineswegs angesprochen werden.

K. W.