Gnädige Frau", sagte der Rechtsanwalt Racuir, "Herr Aubevoie hat Sie zu seiner Universal-’ erbin eingesetzt". Der Rechtsanwalt sprach diese Worte mit absichtlicher Ergriffenheit. Sein winziges, braunes Gesicht stak in einer Flut silberner Bart- und Haupthaare. wie eine Nußschale in der Brandung sozusagen... Er fuhr fort: "Trotz der Differenzen, zu denen es zwischen Ihnen gekommen war, hat Herr Aubevoie Sie nie vergessen. ich mochte sogar sagen, er trieb mit der Erinnerung an Sie einen rührenden Kult. Nicht ein einziges Mal habe ich ihn gesehen, wo er nichtvor, Ihnen gesprochen hätte. Und damit sein Testament unanfechtbar sei, schrieb er es vorsichtshalber zu verschiedenen Zeiten seines Lebens, Wie Sie wissen, gnädige Frau, ist sein Vermögen nicht unbeträchtlich ..."

Frau Landaul erhob sich und stieg die Treppe hinab. Auf der Straße, die auf den Boulevard Haußmann mündete, war es laut und heiß. Von der fiebernden, lärmenden Menschenmenge wurde sie hin und her gestoßen. Sie rief ein Taxi heran und fuhr nach Hause – In die Wagenecke gedrückt, sann sie über das Geschehene nach, ohne es zu-begreifen. Das Leben schien ihr dunkel und wunderlich. Herr Jérôme Aubevoie, ihr erster Mann, hatte ihr also sein gesamtes Vermögen hinterlassen; Wieso? Warum? Sie war fünfzig Jahre alt; mit dreißig hatte sie ihn verlassen und sich mit Léonce Landaul vermählt, der sie mit seiner Beredsamkeit gewonnen hatte, weil er schöne Worte machen konnte und in dem Ruf stand; ein reicher Mann zu sein. Durch welches Wunder hatte Jérome, ihr erster Mann, ihr den Verrat verziehen? Sie suchte sich zu vergegenwärtigen, wie er in ihrer Ehe gewesen und sah einen schmalen, blassen Mann mit schwermütigem Blick vor sich. Stille linkisch und ungeschickt erwies er ihr stets gleichbleibendes, langweiliges Entgegenkommen! Er sprach wenig und ziemlich undeutlich, Was sie bis zum äußersten reizte. Wie hatte sie es nur so 1ange ertragen Können? Eines Tages kreuzte Léonce Landaul ihren Weg. Da hatte sie Herrn Aubevoie verlassen...

Auch bei Tisch, angesichts ihres Gatten, der stillschweigend’sein Essen hinunterschlang, blieb Frau Landau! nachdenklich gestimmt. Was war aus dem trefflichen Plauderer, dem beredten und galanten Mann von damals geworden! Heute war Herr Landaul so stumm wie einst Herr Aubevoie, aber sein mürrisches und feindseliges Schweigen hatte nichts mit der Schweigsamkeit seines Vorgängers gemein, die vielleicht der Schüchternheit entsprang und voll Ehrerbietung war. Frau Landau! dachte, daß sie. noch einmal vor die Entscheidung gestellt, den dummen Streich nicht wiederholen würde ...

Kurze Zeit darauf konnte Frau Landau! das kleine Haus betreten, das ihr erster Mann ihr hinterlassen hatte und das sie noch gar nicht kannte (denn Herr Aubevoie war erst nach der Scheidung, und zwar durch eine Erbschaft, vermögend geworden). Es war eine reizende Wohnung, an die ein schmaler, aber überaus dicht bewachsener Garten grenzte. Frau Landaul ging, von Zimmer, zu Zimmer, ihr voran ein alter Diener, der stets erst die Fenster öffnete. dem großen Salon, blieb sie überrascht stehen. Ein berühmter Maler hatte ohne ihr Wissen ein großes Bild von ihr gemalt, das, gegen die Wand im Hintergrund gestellt, die Besucher gleichsam empfing. Erstaunt und traurig zugleich ging Odette Landaul durch das ganze Haus. Überall fand sie Zeugnis von Jérômes beständigem Kult: hier Photographien. dort nach ihnen gefertigte Zeichnungen, dann allerhand Zeug, das ihr gehört hatte, profane Reliquien: in einem Becher einen zusammengerollten Handschuh, in einem Kästchen etwelche vertrocknete Blumen, deren Duft sie einst geatmet hatte, in der Ecke einer Vitrine einen Ballschuh. Es lockte sie, einen Schrank zu öffnen; mehrere Kleider von ihr waren noch darinnen, Kleider, an denen sie sovenig gehangen hatte wie an Jerôme selber. Schließlich kam ins Schlafzimmer, wo ihr ein Sekretär aus. Rosenholz auffiel, an dem ein kleiner goldener Schlüssel hing. Ihre Neugier war recht heftig entfacht, und sie öffnete. Briefe, Stöße von Briefen in jedem Fach, zum größten Teil vergilbt, alle datiert, alle an ihre Adresse, Briefe, die nie abgeschickt waren ... Aufs Geratewohl zog sie einen heraus-und las: "Nun sind es zehn Jahre, daß Du mich verlassen hast, Odette, zehn Jahre, daß ich jeden Abend, ehe ich zur Ruhe gehe, Dir schreibe, an Dich schreibe wie an eine Tote (denn für mich bist Du ja gestorben), zehn Jahre, daß ich Dich nicht vergeben kann ..."

Sie nahm einen anderen Packen und stieß auf die Zeilen: "Warum habe ich nie zu Dir sprechen können, Odette? Warum hat mich immer Schüchternheit oder törichte Scham zurückgehalten, wenn ich bei Dir war? Und doch liebte ich Dich nit einer starken Liebe, verzehrend, heftig. Die allzu stürmische Flut der Worte vermochte. ich nicht zu meistern; sie brannten mir im Herzen, sie lähmten mich. Ich hätte mich demütig zu Deinen Füßen legen mögen, weinend den Saum Deines Kleides küssend, sterben vor Glück beim Berühren Deiner Lippen; Aber kein menschliches Wort hätte die Ekstase und meine Sehnsucht ausdrücken können. Und ich vermochte nie, zu Dir zu sprechen, Dich "zurückzuhalten, ich, habe nichts tun. können, als alles schweigend zu dulden. denn ich liebte Dich ... Schließlich las sie einen Brief, der erst vor wenigen Wochen geschrieben war: Ich sah Dich oft. Du gingst am Arm dessen, der Dich mitnahm, weil er gewandter war: Ach, Odette, wie schön Du bist, unvergänglich schön! Es ist etwas. Unzerstörbares, etwas Leuchtendes an Dir ..."

Frau Landau! schloß den Sekretär. So hatte es, einen Mann gegeben, der sie liebte, wie sie geliebt sein wollte, einen Mann, für den sie nicht gealtert war – und ihn hatte sie verlassen ...

Als sie nach Hause kam, wartete Herr Landaul bereits mit dem Essen. Es dauerte nicht lange, und er begann vor sich hin zu brummen: "Dieser Bordeaux schmeckt nach Pfropfen. Das "Fleisch hat zu lange gebraten ..:" Seit Jahren schon hörte Odette kaum etwas anderes. Da fiel ihr alles das ein, was – sie verloren hatte. Tränen traten ihr in die Augen. Im gleichen Augenblick sah Herr Landau! auf.