In Eutin, wo einst Carl Maria von Weber geboren wurde, spricht man heutzutage mehr davon, daß dies der Kreis mit der höchsten Flüchtlingszahl ist. Dem Weber wurde ein Denkmal errichtet, und man kann gelegentlich Menschen sehen, die – kaum, daß sie die Inschrift gelesen – schon eine fröhliche ,,Freischütz"-Melodie vor sich hinpfeifen. Aber den Flüchtlingen, die derzeit die Eutiner Sensation ausmachen, ist nichts errichtet worden. Sie sagen freilich, daß auch ihnen "etwas gepfiffen" wird. Die Flüchtlinge klagen, und die Einheimischen klagen auch: Auf ins Rathaus!

Im Rathaus sitzt als Oberkreisdirektor ein Mann von friesischem Bauernblut. Er überlegt gründlich, ehe er etwas sagt und entscheidet. "Gebt mir einen Plan der Wohnung her", sagt er beispielsweise, wenn ein Einheimischer oder ein Bauer der Kreisumgebung kommt, um sich zu beschweren, daß er – mit Flüchtlingen zuammengepfercht – gar zu wenig Platz im eigenen Hause habe. "Und seht: jetzt zeichnen wir ein, in welchem Maße der Raum verteilt ist – rot für die Flüchtlinge und blau für die Einheimischen..." Kurz, es kommt dabei heraus, daß die Vergleichszahlen eins zu drei lauten. Ergo: im Kreis Eutin bewohnen die Eingesessenen zwei Drittel des Raums, die Flüchtlinge ein Drittel. Alteinwohner gibt es übrigens 50 500 im Kreis Eutin, Flüchtlinge aber 65000. Allerdings gibt der Oberkreisdirektor zu, daß Bauern mehr Raum brauchen als Flüchtlinge. "Wer will im Bauernhaus entscheiden, was Wohn- und was Wirtschaftsraum ist? Man muß in einem Bauernhaus aufgewachsen sein, wenn man verstehen will, was der Bauer braucht. Aktennotizen sagen da wenig."

Das ist wohl recht, und ich bin auch nicht gekommen, nach dem Wohnraum zu fragen. "Diesmal", sage ich, "soll es nicht darum gehen, was für die Flüchtlinge nicht getan wurde, sondern darum, was getan wurde. Auch möchte ich fragen, ob sie, wenn etwas getan wurde, dankbar sind ..."

Dies – so scheint es – stellt für alle, die ich frage, eine Überraschung dar. Ja, es ist schon so: die Dankbarkeit ist bei uns zulande heutzutage nicht sehr gefragt, weder bei den Einheinischen noch bei den Flüchtlingen. "Die Not ist zu groß", sagt der Oberkreisdirektor. "Im vorigen Jahr waren 6000 Flüchtlinge des Kreises Eutin noch in Lagern untergebracht; jetzt sind es nur 3500. Aber die Not ist immer noch zu groß." Und der Oberkreisdirektor sieht Herrn Pascalides an, der bescheiden abseitsin einem Sessel sitzt.

Herr Pascalides ist – wie einige im Kreis Eutin sagen – ein seltsamer Mann. Er ist Grieche und weitgereist. Und wenn man hört, daß er als Captain in amerikanischen Diensten während des ersten Weltkrieges unterm Zeichen des Roten Kreuzes überall dort Hilfe gebracht hat, wo die Not am größten war – vor allem in Rußland während und nach der Revolution –, so könnte man ihn wohl einen Abenteurer der Hilfsbereitschaft nennen. Er hat kein Amt, das ihn zum Wohltun verpflichtet. Aber wer anders als er brachte es fertig, 16000 Betten, 30 000 Stück Geschirr und Tausende von Stühlen und Bänken für Flüchtlinge zu beschaffen; neue Sachen, angefertigt sozusagen aus dem Nichts. "Die Menschen, denen so geholfen wurde", sagt Pascalides, "waren dankbar, gewiß, aber der Dank ist nicht laut geworden." Wohl, er läßt durchblicken, daß er durchaus nicht mit allem einverstanden ist, wie Deutschland heute regiert wird, o nein, durchaus nicht, man könnte schon sagen: ganz und gar nicht. Aber er will sich nicht dareinmischen; es ist seine Sache nicht. Seine Sache ist es jedoch, ganz als Privatmann zu sagen, daß man Privatleute braucht, damit geholfen wird. Anders gesagt, im Deutsch der heutigen, begrifflich verknöcherten Sprache: die Privatinitiative, die Leute abseits der Bürokratie, die Ehrenamtlichen! Auch müsse – so sagte Herr Pascalides – dort, wo Grund vorhanden sei, der Dankbarkeit Ausdruck verliehen werden. "Nicht nur der Mensch in seiner Notdurft – auch jener Mensch, der schenkt und hilft und sich nach Kräften müht, die Not der anderen zu lindern, kann ein gutes Wort verlangen!"

Sind wir Deutschen, wir, dieses Volk ohne Freiheit und Sicherheit, nun auch ein Volk ohne Dankbarkeit geworden? Im Kreis Eutin sind – aus vornehmlich ausländischen Spenden – 4000 Frauenkleider, 8000 Männerbekleidung, 4000 Kinderbekleidung und 12000 Stück Babywäsche zusammengebracht worden. Der Oberkreisdirektor sagte: "Nun ja, die Leute waren so gut wie halb nackigt." Im gleichen Kreis Eutin, dem Kreis, mit der höchsten Flüchtlingszahl, wurden 4000 Tafeln Schokolade verteilt Und 10 000 Kinder im Kreis Eutin, in dem neun Zehntel der Bodenfläche Bauernland sind, essen täglich jene Mahlzeit die von den Schweden begonnen und von den Amerikanern fortgeführt wurde. Ist das nichts? Selbst dann, wenn es immer noch Hungrige im Kreis Eutin gibt – und viele hungern dort, genau wie anderswo –, auch dann dürfte es nicht allein menschlich sein. sich zu beklagen, sondern auch dankbar zu sein, wenn unversehens Gutes aus dem Ausland kommt. Auch für den Tropfen auf den heißen Stein? Auch für den Tropfen auf den heißen Stein!

Eine Stichprobe: Inmitten eines Gesprächs, dessen Rede und Gegenrede geradezu von Zorn darüber rauchten, daß für die kommende Woche ein lächerliches Brot, ein lächerliches halbes Pfund Nährmittel, aber kein Gramm Fett auf Normalverbraucherkarten zu erhalten seien, wurde festgestellt: der eine trug ein Paar Schuhe, die aus Amerika, der andere einen Pullover, der aus der Schweiz, der dritte ein Paar Socken, die aus Schweden, und der vierte eine Krawatte, die aus Dänemark stammten. Und was sagt dieser Herr Pascalides?: "Die Deutschen – bei aller scharfen Entgegnung dort, wo man Unrecht tut – sollten die Souveränität wiederfinden: dort auch das Gute anzuerkennen, wo es in kleinen Teilen und aus dem Mitgefühl der Privatleute geschieht."