Das italienische Parlament hat Ende Januar das Autonomiestatut für Südtirol verabschiedet. Damit ist ein Gesetz in Kraft getreten; das die kulturelle und verwaltungsmäßige Gleichberechtigung der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols mit der italienischen zum Ziele hat. Die Berichte, die aus privaten Quellen dieser Tage aus Südtirol eintreffen, verraten viel guten Willen auf italienischer Seite und viel Hoffnungen, die sich in der Bevölkerung mit diesem guten Willen verbinden. Niemand ist sich darüber im unklaren, daß von der praktischen Verwirklichung der Autonomie sehr viel Entscheidenderes abhängt als von dem Wortlaut des Statuts, wenn dieses auch den juristischen Rahmen des künftigen Zusammenlebens von Tirolern und Italienern in diesem schönen Lande abgibt. – Dieses Zusammenleben verlangt, einen Neubeginn von Grund aus,-und gerade die Befürchtungen, es könnten sich die Erfahrungen der Vergangenheit wiederholen, sind es ja, aus denen heraus die Südtiroler Volkspartei als Vertretern der deutschsprachigen Bevölkerung die Absicht der Regierung in Rom ablehnt, die deutschsprachige – Provinz Bozen mit dem von 400 000 Italienern bewohnten Trient in einer einzigen autonomen Einheit zusammenfassen – eine Absicht, von der der "Manchester Guardian" sagte, "sie würde die deutschsprachige Bevölkerung zu einer hilflosen Minderheit machen".

Auf italienischer Seite findet der Entschluß zum Neubeginn des Verhältnisses zu Südtirol seinen besonderen Ausdruck in der Bereitschaft, nunmehr jenen Südtirolern die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, die seit 1939 infolge des zwischen Hitler und Mussolini geschlossenen Abkommens das Land haben verlassen müssen. Eine große Quelle. menschlichen Schmerzes, und langjähriger Bitterkeit kommt damit zum Versiegen. Es ist das erste Mal, daß in eine Welt der Flüchtlinge, Vertriebenen und Heimatlösen ein Lichtstrahl fällt. Das Recht auf die Heimat, eines der elementarsten, vom Herzen am unmittelbarsten empfundenen Menschenrechte überhaupt, erhält jetzt wenigstens an einem Flecke Europas wieder Geltung. Noch ist dieser Vorgang wie die Stimme des Predigers in der Wüste. Aber selbst diese Stimme hat in Europa bisher gefehlt. Und die Hoffnung verbleibt, daß die italienische. Regierung mit diesem Gesetz der Menschlichkeit, das sie in die internationale Politik wieder einführt, dem Geist des Abendlandes einen Dienst erwiesen hat, der nicht auf Südtirol beschränkt bleibt. Die Abkehr von jenem unmenschlichen Prinzip, das von der eiskalten Mentalität der beiden Diktatoren in Berlin und Rom seinen Ausgang nahm und in den Millionenvertreibungen ostwärts der Oder und Neiße seine apokalyptische Übersteigerung gefunden hat, kann allein auch die Politik der europäischen Nationalstaaten hintereinander entgiften. Der Preis, den Europa für den Geist chauvinistischer Unduldsamkeit hat zahlen müssen, ist wahrhaftig hoch genug. Es ist nicht ungestraft geblieben, daß man im zwanzigsten Jahrhundert den Grundsatz der Ausrottung zum Mittel der-Politik gemacht hat. Sowenig, wie Atavismus Fortschritt ist, konnte dieses; Prinzip das Modell europäischer Neuordnung abgeben, so autoritär seine Durchsetzung auch betrieben werden mochte.

Dies erkannt zu haben, muß die erste Voraussetzung einer Politik sein, die den Anspruch erhebt, das Prädikat "realistisch" zu verdienen. Die italienische Regierung darf mit dem Autonomievertrag für Südtirol für sich geltend machen, hier entschlossen den Ballast der Vergangenheit über Bord geworfen zu haben. Den Europäern-hat sie damit eine Hoffnung aufgerichtet, den Südtirolern einen neuen Lebensimpuls gegeben. Je mehr sich erweist, daß die Verwirklichung der Autonomie sich in der Dauer des Alltags .bewährt, desto störungsfreier wird sich auch das politische Klima in dieser Gegend Europas erweisen. Auch dies wäre ein Schritt hin zur Gesamtbefriedung.

H. A. v. Dz.