Der "zulässige" Lebensstandard ‚

Als sich nach Einberufung Moskauer Konferenz die Notwendigkeit erwies, sachlich einwandfreie Unterlagen für eine deutsche Stellungnahme zur Reparationsfrage parat zu haben, wurde von Bürgermeister Kaisen-Bremen auf einem der Ministerpräsidententreffen für die Westzonen angeregt, eine solche Arbeit in Angriff zu nehmen. Der Auftrag fiel an Bremen, wo Senator Harmssen, unterstützt durch eine kleine Gruppe von Sachverständigen unter maßgebender Beteiligung Dr. A. Jacobs, ans Werk ging. Das Ergebnis, in sorgfältigster wissenschaftlicher. Arbeit zustandegekommen, liegt, um nun in Gestalt einer umfangreichen Denkschrift,betitelt: "Separationen Sozialprodukt, Lebensstandard – Versuch einer Wirtschaftsbilanz". Man mag bedauern, daß die damit gegebenen, in jederEinzelheit auf statistische Datei gestützten Überlegungen und Argumentationen nun freilich zu spät zur Londoner Konferenz kommen: jedenfalls aber aber sie rechtzeitig zur Hand, um für künftige Besprechungen und Verhandlungen über die Einschaltung Deutschlands In die Apparatur des Marshall-Plans als wichtiges Hilfsinstrument zu dienen. Wem auch die Reparationsfrage. das eigentliche Thema der Studie abgibt, so ist doch der Rahmen der Untersuchungen von vornherein mit genug gespannt, im eine umfassende Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschaft von heute zu ermöglichen und zugleich eine volkswirtschaftliche Gesamtbilanz für die Zukunft zu geben. Ausgehend von dem Produktionsvolumen von 1936, das mit rund 66 Milliarden RM ermittelt worden ist, wird festgestellt, daß, um für nunmehr 70 Millionen Menschen einen Lebensstandard von etwa So v. H. des Vorkriegsstandes zu erreichen, das Volkseinkommen künftig 60 Milliarden RM betragen müßte (auf der Basis der Vorkriegspreise berechnet), was also 90 v.H. des Standes von 1930 entspricht. Dazu müßte, gleichfalls in Vorkriegspreisen berechnet, Ausfuhr 7,5 Milliarden, die Wareneinfuhr 6Milliarden RM betragen. Als Antwort auf die vom Auslande immer wieder gestellte Frage, ob denn die Deutschen das Arbeiten verlernt hätten, da sie ja ohne fremde Hilfe offenbar nicht bestehen könnten, mag die Angabe dienen, daß Deutschland 40 v. H. seines für 1939 mit 500 Milliarden RM geschätzten Volksvermögens eingebüßt hat, wovon 178 Milliarden RM allein durch die Hergabe von Vermögenswerten und Leistungen tut die Alliierten. Noch stärker aber, machen sich die Verminderungen an wirtschaftlicher Leitungskraft geltend, die in der Zeitspanne von 1938 bis 1946 insgesamt 60 v. H. betragen mögen. An dieser Zahl sind die Kriegssschäden nur mit 9 v. H. beteiligt; der Verlust der abgetretenen Gebiete wird mit ); v. H. beziffert, der Fortfall der Außenwirtschaft mit 3 v. H., die Auswirkung der Demontagen aber mit 12 v. H. Die Verringerung der menschlichen Arbeitskraft um ein gutes Drittel –; sehr vorsichtig eingesetzt/ – steht sogar mit 24 v.H. zu Buche .. So also erklärt es sich, daß der Wirtschaftsertrag heute auf 40 v. H des Vorkriegsstandes abgesunken ist, Da aber erhebliche Teile der Unter diesem Begriff zusammengefaßten Güter und Leistungen ohne entsprechenden Gegenwert oder Nutzen abgezweigt werden müssen Ist du Lebenshaltung, soweit soweit der laufenden Versorgung gespeist wird, noch stärker rückläufig: nämlich auf rund ein Drittel vermindert Nur darum, weil immer noch laufendein gewisser Substanzverzehr erfolgt – "unsichtbar", da bei der Funktionsunfähigkeit des Geldes diese Verluste nicht kalkulatorisch zu erfassen sind – liegt, der effektive Lebensstandard bislang etwas über diesem Stande, so daß sich die Armut immer tiefer in den Wirtschaftskörper hineinfrißt... Sehr eindringlich zeigen diese Zahlen und Überlegungen, wie gründlich Verfehlt die hin und wieder von Auslandsseite geäußerte Auffassung ist. daß ein weiterer Abbau industrieller Anlagen deshalb jaunbedenklich sei, weil die vorhandenen Kapazitäten bei der so stark abgesunkenen deutschen Leistungsfähigkeit ja doch nicht genutzt genutzt könnten Die Denkschrift sagt hierzu, daß ein großer Teil der Schäden, die sich jetzt als Leistungsminderung in unserer Wirtschaft auswirken, nur durch Wiederingangsetzung der gründlich zerstörten arbeitsteiligenVorgänge sowie durch erhöhte Mechanisidrung zu überwinden’seien, daß man also, um die Heilung nicht noch Immer mehr zu erschweren, Meine weiteren Anlagen demontieren solle: "Gegen die Entnahme wirklich überflüssiger Kapazitäten wird niemand etwas einwenden; gegenwärtig aber Ist die Wirtschaftslagè dergestalt, daß jede für die Friedensindustrie verwendbare Anlage in absehbarer Zeit auch ausgenutzt werden kann, wenn die Freiheit der Arbeit für dasdeutsche Volk wiederhergestellt wird."

Im Anfang war der Mythos – derMythos nämlichvon der geradezu übernatürlichen Leistung wucht und dem fast unerschöpflichen Potential der im Dienste des sogenannten totalen Krieges wirkenden deutschen Industrie Wirtschaft. Unter dem Eindruck der Anstrengungen, die auf alliierter Seite notwendig waren, um ein der deutschen Kraft überlegenes Kriegspotential zu schaffen, ist die Auflagenes entstanden, daß man, den künftigen Frieden nur durch eine Vernichtung der überdimensioniertenindustriellen Anlagen Deutschlands sichern könne. Diese Auffassung hat Pate gestanden, als der Morgenthau-Plan entwickelt wurde, und ebenso bei seinem weniger bekannten britischen Analogon das unter dem Decknamen "Ekliptik lief. Und die gleiche Auffassung, vermischt mit dem Gedanken, daß dem deutschen Volke gegenüber "Vergeltung" geübt, daß es "bestraft" werden müsse, wirkt heute noch vielfältig in der alliierten Politik und in der Verwaltungspraxis der Besatzungsbehörden nach, obwohl die These von der deutschen Solidarschuld verstummt ist, und trotz der Abkehr von den Ideen Morgenthaus die sich gegen Jahresende 1946 vollzogen hat: mit größter gedanklicher Klarheit in Washington, weniger deutlichakzentuiert inLondon.

Es ist nun das, große Verdienst der Harmssen-Denkschrift, daß sie, gestützt auf alle nur verfügbaren Unterlagen, die Auffassung der Alliierten zu dem Doppelproblem "Reparationen" und "Kontrolle der deutschen Wirtschaft" klarstellt, und die tatsächlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten damitkonfrontiert. In Jalta wie in Potsdam ist vereinbart worden, das industrielle Kriegspotential Deutschlands "zu beseitigen oder zu überwachen". Die Möglichkeit den Überschuß industrieller Kapazitäten speziell aus der Rüstungsproduktionzu demontieren, also ins geschädigte Ausland zur "Wiedergutmachung:" zu verpflanzen, ist gewisser-, maßen ein Nebenprodukt der eigentlichen Aufgabe, das Kriegspotential zu-zerschlagen oder doch mindestens stark herabzusetzen; insofern also ist die Lage anders als nach 1918, als man von der Heilung der kriegeschaden als der zentralen Aufgabe ausausgegangen Wichtig nun vor allem die Klausel des Potsdamer Protokolls; wonach die Leistung der Reparationen dem deutschen Volke "genügend . Mittel belassen soll, um ohne Hilfe von außen zu existieren". In diesem Zusammenhang wird auch schon die Formulierung gebraucht, die dann in dem 8 veröffentlichten (ersten) Industrieplan wiederkehrt: die Kontrolle der deutschen Wirtschaft solle sich in den notwendigen Grenzen halten um eine Erzeugung zu sichern, die "wesentlich für die Erhaltung eines den mittleren europäischen Durchschnitt, nicht übersteigenden Lebensstandards" sei.

Höchstgrenze oder Schutzklauseln

Handelt es sich bei dieser Fixierung auf den "mittleren europäischen Lebensstandard" nun um eine Höchstgrenze, die nicht überschritten wenden solloder, im Gegenteil, – um eine Schutzklausel zugunstender deutschen Bevölkerung? Die Denk- – schrift geht dieser Frage in einer sauber durchdachten Ideenführung nach, und sie kommt zu dem Ergebnis, daß man sinnvollerweise den "mittleren, europäischen Standard" nur als Untergrenze auffassen darf. Gewiß sei soheißt es. auf. alliierter Seite ursprünglich von der Idee ausgegangen wordenu,. daßderdeutsche Lebensstandard nicht über den europäischen Durchschnitt steigen solle. Aber die an General Clay im Juli 1947 gegebenen "Richtlinien" zeigten ebenso wie der revidierte ("zweite") Industrieplan für die Westzonen, daß sich"die Auffassung allmählich gewandelt habe, in dem Sinne eben, die Bestimmungen über den mittleren Lebensstandard im Sinne einer Schutzklausel zu werten.

Eine eingehende und mit größter wissenschaft-HA"; Akribie vorgenommene Analyse der beiden Industriepläne kommt zu dem Ergebnis, daß die Bemühungen von alliierter Seite, "die Erfordernisse der wirtschaftlichen Abrüstung mit den deutschen Lebensbedürfnissen in Einklang zu bringen" (so Aufgabe von der Wirtschaftsabteilung der USA-Militärregierung formuliert), bisher zu keiner Lösung im Sinne eines, realistischen Kompromisses haben führen können. Die Überschätzung, des bei Kriegsende im Vierzonengebiet noch vorhandenen (und seitdem weiterhin drastisch verminderten) wirtschaftlichen Gesamtpotentials die Unterschätzung der Folgen, die ein schematisches Abstreichen einzelner Kapazitäten in einem quasi organisch gewachsenen, auf höchst differenzierter Arbeitsteilung beruhenden Wirtschaftskörper nach sich ziehen muß: das sind, hierbei die entscheidenden Momente. Offensichtlich sind die mit der Ausarbeitung der beiden Pläne befeßten Männer auch nicht bis zu der Erkenntnis vorgestoßen, die Herbert Hoover (in seinem Bericht an Präsident Truman) in klassischer Schärfe formuliert hat, – nämlich, daß der Begriff "Kriegspotential" in sich eine Illusion darstellt, und – daß keine Industrie (außer der unmittelbaren Waffen- und Munitionserzeugung) "ein Kriegspotential darstellt, wenn der Kräfteeinsatz eines Volkes auf friedliche Zwecke beschränkt bleibt (Es wäre eine schöne Aufgabe für die angelsächsische Wirtschaftswissenschaft, diese Erkenntnis zu Verbreiten – und zu vertiefen, damit zugleich die Traditionen fortsetzend, die J. M.Keynes nach 1918 geschaffen hat.) Weil hier keine volle Klarheit bestand, hat der (erste) Industrieplan, nach dem Eingeständnis seiner Verfasser, tiefe Einschnitte in Industriezweige vorgenommen, die auch für die Er Friedensproduktion notwendig sind, aus der Idee heraus, daß selbst hier, gemessen am Friedensbedarf, eine Überdimensionierung vorliege. Das Ergebnis dieser; "Einschnitte", die Unsystematisch (wenn vielleicht auch nicht system!os...) vorgenommen worden sind, und die schwerste Disproportionalitäten("Engpässe") im Wirtschaftsablauf schaffen, ist eben, daß trotz einer theoretisch zugelassenen Planziffer von 66 H. der Nettoproduktionswerte von 1936 praktisch bei Anwendung des Planes doch nur eine Erzeugung von 44 v. H. erzielt werden könnte.Der revidierte Industrieplan hat gewiß erhebliche Verbesserungen gebracht, indem er grundsätzlich die volle Kapazität von 1936 zum Ausgangspunkt nimmt. Er verkennt freilich, daß diese inzwischen gar nicht mehr voll vorhanden ist, sondern, für alle vier Zonen gesehen, ab folge der Kriegsenden and Demontagen, auf zwei Drittel abgesunken So ist es denn auch uomöglich. auf dieser Basis den Lebensstandard von 1936 zu erreichen, da ja mindestens, noch zwei ungünstige Faktoren in Rechnung geteilt werden müssen; die höhere Bevölkerungsziffer nämlich, und der Zwang, durch gesteigerte industrielle Exporte einen Ausgleich für die Lebensmittelerzeugung der abgetrennten Ostgebiete zu schaffen Ein weiterer Mangel auch revidierten Planes ist, daß er offensichtlich bei: der Ermittlung der Kapazitäten vom technischen bestand ausgeht, während nach, deutscher Auffassung die wirtschaftliche Leistungskapazität maßgebend sein sollte, die ganz allgemein um 10 bis 20 v. H. darunterliegt.