Vom State Department wurde kürzlich bekanntgegeben, es werde den Kongreß um eine zusätzliche militärische Dollarhilfe für Griechenland und die Türkei ersuchen. Berichten aus Washington zufolge soll die neue Hilfe 300 Millionen Dollar betragen. Es ist jetzt rund ein Jahr her. seit der amerikanische Präsident die Truman-Doktrin verkündet und damit den Versuch gemacht hat. mittels Dollarhilfe die kommunistische Gefahr für Griechenland und die Bedrohung der Türkei durch die sowjetischen Aspirationen im Osten des Landes und an den Meerengen abzuwenden.

Was ist bisher geschehen? An Griechenland wurde wirtschaftliche Hilfe geleistet und Kriegsmaterial zur Bekämpfung der Rebellen geliefert. Die Regierung wurde außerdem bei ihren Aufgaben von amerikanischen Wirtschafts- und Militärspezialisten unterstützt. Das alles hat aber bis jetzt keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. Es wurde zwar erreicht, daß Griechenland Militärisch und wirtschaftlich nicht zusammenbrach, die Wirtschaftskrise jedoch konnte, nicht gemeistert werden, und die Aufständischen worden gehalten, aber nicht geschlagen. In der Türkei, die über wohlgeordnete innere Verhältnisse verfügt und vom Bürgerkrieg nicht bedroht hat die Unterstützung einen anderenCharakter gehabt, Sie wurde für miliirisch-strategische Zwecke verwandt, wobei der Schwerpunkt auf den Neubau und auf die Verbesserung von Verteidigungsanlagen gelegt wurde. Es wurde der Ausbau von Straßen, Häfen und Flugplätzen sowie die Motorisierung der Armee, die Verstärkung der Kriegsflotte und der Luftstreitkräfte eingeleitet und fortgesetzt.

Trotz des großen Einsatzes der Vereinigten Staaten ist man in Griechenland und der Türkei nicht restlos befriedigt. Es herrscht dort ein Gefühl der Unsicherheit; in Griechenland, weil man praktisch in einem Jahr nicht vorwärtsgekommen ist. um in der Türkei, weil erstens die Kredite nicht groß genug sind und zweitens, weil man sich von der Lage in Griechenland bedroht fühlt. Die Türken beobachten mit großer Sorge die Entwicklung in Griechenland./Sie betrachten dieses Land als eine vorgeschobene Bastion der Türkei und befürchten, daß der Kampf mit den Rebellen und ihren Helfern schließlich doch noch zu einem bewaffneten Konflikt auf dem Balkan führen könnte. In der Türkei glaubt man, der Kriegsgefahr könne im wirksamsten begegnet werden, wenn die Vereinigten Staaten Truppen nach Griechenland entsendeten, die nicht zur Verstärkung der regulären griechischen Armee. dienen, wohl aber gewissermaßen symbolisch die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringen würden, die Unversehrtheit Griechenlands zu verteidigen. Die türkische Presse ist vor allem dadurch beunruhigt, daß, obgleich die USA der Türkei und Griechenland zu helfen wünschen, bisher kein amerikanischer Staatsmann, eindeutig erklärt hat, die Vereinigten Staaten würden, einen Angriff auf Griechenland oder die Türkei als casus belli betrachten.

Die Furcht und die Nervosität, die in den beiden Ländern herrschen, werden verständlich, wenn man auf die Landkarte sieht: wie nah liegt die Sowjet-Union und wie weit entfernt Amerika Die Griechen und besonders die Türken sind Realpolitiker, und sie erwarten nicht mehr und nicht weniger; als daß man sie vor dem russisch-kommunistischen Block schützt. Darauf wagt aber der größte Teil der Bevölkerung kaum zu hoffen. Es graut ihr vor allem vor dem Faktor Zeit, Die Menschen fürchten nämlich, daß die Russen die Amerikaner im Wettrennen um die Zeit schlagen werden. Und es ist bezeichnend für die Stimmung, wenn in Griechenland oftgesagt wird, noch viele Griechen werden sterben müssen, bis die Amerikaner begriffen haben, daß Geld den Kommunisten nicht so imponiert, wie man sich das in den Vereinigten Staaten vorstellt.

In Wirklichkeit mögen alle diese Befürchtungen und Einwände übertrieben sein. Sie bestehen jedoch zu einem Teil mit Recht. Das amerikanische Volk hat sich zwar mit dem Gedanken. Griechenland und die Türkei. durch wirtschaftliche Hilfe gegen den Kommunismus, zu unterstützen, allgemein vertraut gemacht. Es ist bereit, wirtschaftlich zu helfen, gerade um einen Krieg zu vermeiden. Ist das aber in Wirklichkeit unter allen Umständen möglich? Die Sowjetunion ist in der Lage, durch ihre Satellitenstaaten, mit begrenzter Verantwortung für sich, in Griechenland eine bewaffnete Einmischung durchzusetzen. Da aber amerikanischerseits noch nicht erklärt worden ist, daß die Aufrechterhaltung der Souveränität und Integrität von Griechenland und der Türkei ein Bestandteil des amerikanischen Interesses ist, kann man nicht absehen wann und unter welchen Umständen die USA bereit wären, außer wirtschaftlichen Beihilfen auch direkt und militärisch die beiden Staaten zu unterstützen. Daß es im Ernstfall dazu kommen würde, ist kaum, zu bezweifeln. Bis es aber dazu kommt, werden erst schwierige Verhandlungen im amerikanischen Senat und im Repräsentantenhaus durchgefochten werden müssen.

Viel eindeutiger in seiner Haltung ist Großbritannien. Es leistet zwar gegenwärtig keine wirtschaftliche Hilfe an Griechenland, und die Türkei, aber es hat Garantie-Erklärungen für die Integrität Griechenlands und der Türkei bereits am Anfang des zweiten Weltkrieges abgegeben. Und man wird besonders, nach der letzten Rede von Außenminister. Bevin annehmen: dürfen, daß sie noch heute ihre Gültigkeit haben. Betritt hat nämlich angekündigt, daß Großbritannien Bündnis- und Beistandsverträge nicht nur mit den westeuropäischen. Staaten abzuschließen gedenke, sondern auch mit Italien und den Ländem des mittleren Orients, wobei er die Türkei und Griechenland nicht ausdrücklich nannte – ein Zeichen. dafür, daß die alten Bündnisse und Garantien mit diesen Länder auch heute voll in Kraft sind.

Die Politik der Bündnis- und Garantie-Erklärungen hat sich bisher bewährt Durch sie allein war es nämlich für England möglich, in den zweiten Weltkrieg automatisch einzutreten. Die Rückkehr Großbritanniens zu dieser Politik mag als eine. Warnung gedacht sein. Und es ist eine ernste Warnung. Denn damit wird ein Automat geschaffen, der schon zu funktionieren beginnt, sobald der Gewarnte den Groschen in ihn hineingesteckt hat.

A. P. Bobew.