Von Heino Landrock

Als die Menschen anfingen, die Bäume zu fallen, ergriffen sie eines Tages Pan, den Gott der Wälder. Sie erkannten ihm nicht und brachten ihn in einen Tiergarten hinter Gitter.

Die Kraft hatte ihn verlassen. Als sie mit heulenden Motorsägen angerückt wären, seine Bäume umzuwerfen; hatte sich seiner eine große Schwäche bemächtigt. Er hatte sich fesseln lassen. Selbst die Flöte-, die ihn immer begleitet hatte, seine Muße • zu verschönen, hatte er achtlos in dem Gezweig einer alten Eiche liegenlassen. Jetzt saß er schwermutvoll auf dem höchsten Platz in seinem Käfig und ließ die Blicke schweifen.

Die Besucher des Tiergartens fanden wenig Gefallen an ihm. Der dichte Pelz, die buschigen Brauen, unter denen die kleinen Augen unstet umherirrten, erinnerten sie an einen Gorilla; die Bocksbeine aber erweckten alte Vorstellungen vom Teufel. – Die Menschen erfreuten’sich bei seinem Anblick nicht wie sonst ihrer Überlegenheit, irgendwie spukte in ihnen die Empfindung, daß hier etwas nicht geheuer war.

Aber die Tiere, die Büsche und Bäume, die seinem Käfig benachbart wohnten. Wußten sogleich um die Anwesenheit des Gottes. Die Drosseln jubelten, die Finken schlugen, und selbst die Eulen flatterten nach dem Zwinger und heulten ihre nächtliche Litanei. So wußten denn bald die Tiere der abgelegensten Käfige von der Gefangenschaft des großen Pan. Der Löwen bemächtigte sich wieder Groll, die Panther sprangen Willem! gegen die Gitter, und die Elefanten trompeteten, daß die Besucher den Garten flohen. Alle, ob sie selber gekäfigt waren oder frei in den Anlagen lebten, nahmen Anteil an. dem Geschick des Gottes, nur die Menschen wußten nicht um seine Herkunft.

Es brach ein Streit unter den Gelehrten aus; man wollte den Gott der Wälder in ein Institut verfrachten und ihn einer Intelligenzprüfung unterziehen, von der man-, als sicher annahm, daß sie zur genauen Bestimmung des unbekannten Eierwesens führen würde. Aber die Ratten und Mäuse kamen. den Menschen zuvor; sie scharten sich zu nächtlicher Stunde im Käfig des Gottes und .begannen die Eisenstangen zu benagen. Von weither kamen die Rattenvölker gewandert, ein Gewimmel setzte in dem Tierkäfig ein, und das Genage der vielen Zähne und das Rascheln der kleinen Füße klang wie ein stürmischer Regen. Da, als Pan sah. daß die Tiere keine. Anstrengung scheuten, ihn zu befreien, erwachte er aus seiner Schwermut; ließ den zornigen Donner seiner Stimme über den Tiergarten rollen, riß an dem gelockerten Gestänge und sprang in die Freiheit. Mit wilden Sätzen jagte er an den Schlafstätten der Menschen vorbei, voller Sehnsucht dem Duft seinerWälder entgegenatmend.

Aber so tief er auch die Luft einsog, und sosehr er auch die hellhörigen Ohren spitzte er noch nicht den Brodem und hörte nicht das uralte Rauschen der Wälder. Angst befiel den Mächtigen, und als er ich ankam, wo sonst sein Reich begann, traf er auf kahles Land. Die Wälder waren verschwunden, die Winde bliesen ungehemmt über die nackten Fluren. Der Schrecken, saß dem Gott tief im Herzen, und als er nun tappend in die Einöde vorstieß, hörte er das jammervolle Raunen der kleinen Pflanzen, Käfer und fliegen, die ‚sonst im Baumschatten wohnten. Sie erhoben Klage, gegen die Menschen und baten, daß neue Bäume wachsen und ihnen das Leben sichern möchten. Ratlos hielt der Gott Umschau. Als könne sie ihm Hilfe bringen, suchte er nach seiner Flöte und fand sie im Gestrüpp der gefällten Eiche, Er blies darauf und setzte sie sogleich wieder ab; ein schriller, geborstener. Ton quoll daraus hervor. Als Pan dies hörte, ergriff ihn tödlicher, Schrecken; er rannte fort, dorthin, wo im steinigen Geklüft ein, Zugang zur Erde war. Dort verschwand er und ließ in der entgötterten Welt nichts zurück als eine wie Feuer glühende Staubwolke, die – unheilkündend über der Erde stand.