Nach rund zweijähriger Grenzsperre hat sich am 10. Februar der Schlagbaum an den Grenzübergängen zwischen Frankreich und Spanien wieder gehoben. Ein Experiment ist beendet, oder, sagen wir genauer, ein Versuch wurde aufgegeben. Die ihn aufgaben, die Franzosen nämlich, taten dies mit den gleichen gemischten Gefühlen, mit denen sie ihn begonnen hatten. Zwischen der sozialistischen Tugend und dem nationalen Geschäft waren die Herzen geteilt. Das Geschäft neigte, wie in aller Welt, zu der nüchternen Auffassung, ideologische Grundsatztreue könne sich nur der leisten, der auch den Geldbeutel dazu habe, und heute beziffert die Geschäftswelt Frankreichs den Verlust, der ihrem Lande durch den Ausfall des spanischen Marktes infolge der Grenzsperre entstanden ist, auf rund vier Milliarden Francs. Das wäre wenig zu nennen, wenn es den Preis für den politischen Umschwung im Nachbarlande bedeutet hätte, aber es ist viel, wenn es die Kosten eines gescheiterten Versuches darstellt, der die Franzosen nun vor die bittere Notwendigkeit stellt, zerrissene Fäden neu knüpfen zu müssen. Das andere Frankreich, nämlich das Frankreich der sozialistischen Politik, das vor zwei Jahren diesen Versuch mit so viel Elan unternahm, tat dies im Geiste der UNO-Entschließung gegen Franco und in der Hoffnung, durch hermetische Abriegelung nach Norden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Diktatur in Spanien genügend zu verschärfen, um sie zum Erliegen zu bringen. Dies fand zwar den Beifall der Welt, nicht aber ihre Hilfe. Kein Schritt paralleler Art erfolgte, der die gelassene Zuversicht Francos hätte erschüttern können, die Zeit werde schließlich doch für ihn arbeiten. So blieb das Ziel der Franzosen ein Traum, wie früher schon einmal der Zusammenbruch des autoritären Regimes in Italien, den man als Folge der Sanktionen während des Abessinien-Feldzuges erwartet hatte, ein Traum geblieben war.

Mit Recht kann Frankreich heute geltend machen, es sei im Stich gelassen worden. "Anstatt unseren Alliierten den ersten Schritt zu überlassen", so stellt heute die Zeitung "I’Epoque" fest, "sind wir fröhlich vorangegangen und haben unsere Vorteile der gemeinsamen Sache zum Opfer gebracht. Die Engländer und Amerikaner haben vor unserem Verzicht achtungsvoll den Hut gezogen und haben sich beeilt, die wirtschaftlichen Stellungen zu besetzen, die wir geräumt haben. Jetzt behauptet die äußerste Linke, unsere neue Spanienpolitik bedeute einen Sieg des amerikanischen Kapitalismus, obwohl die britischen und amerikanischen Geschäftsleute offensichtlich mehr Interesse an unserem Fortbleiben aus Spanien als an unserer Anwesenheit haben." Unter diesem Gesichtspunkt und angesichts ihrer Erfahrungen mag für die Franzosen auch die neuerliche Erklärung McNeils, England wolle Spanien zu keinen Erörterungen über westeuropäische Probleme oder dem Marshall-Plan zulassen, solange ein totalitäres Regime in Spanien an der Macht sei, nicht viel mehr Wert besitzen als die Geste des achtungsvoll gezogenen Hutes. Frankreich hat sich dafür entschieden, den weniger platonischen Vorteilen des wieder geöffneten Schlagbaumes den Vorzug zu geben. H. A. v. Dz.