Von Aldous Huxley

Der Glaube an den alles überwindenden Fortschritt beruht auf dem Wunsch, für nichts etwas erhalten zu wollen. Er ist so stark, daß er zwei‘ Weltkriege überdauert hat und noch steht, trotz Sklaverei und Bombenteppichen. Auch auf das politische Leben hat er eingewirkt.

Die Erlösung der Menschheit soll nicht im Jetzt liegen, sondern in einer nicht zu weit entfernten Zukunft. Um das Glück und den Frieden ihrer Ur-Ur-Urenkel zu sichern, brauchen die Menschen nur stillzuhalten, und ihre Herren fühlen keine besonderen Gewissensbisse, ihnen in der Gegenwart jegliches Maß von Krieg, Sklaverei, von Leides und moralischer Not aufzuerlegen. Es ist sehr bezeichnend, daß alle unsere Diktatoren, ob von rechts oder links, andauernd von dieser goldenen Zukunft sprechen: und alle ihre höchst anrüchigen Taten als Mittel eines glorreichen Zweckes rechtfertigen. Aber die einzige Tatsache, die wir von der Zukunft wissen, ist unsere Unkenntnis über sie. Was sich wirklich ereignet, sieht, oft. ganz anders aus aus das Erwartete. Der Glaube an eine bessere Zukunft ist der größte Feind einer gegenwärtigen Freiher.

Der Fortschritt wissenschaftlicher Forschung liegt in der Vereinfachung. Der Wissenschaftler muß sein Problem willkürlich vereinfachen, um es übersichtlicher zu gestalten. Eine gesunde und zu rechtfertigende Methode! Leider aber hat sich diese Erkenntnis in einem gewissen Umfang auf die Theorien und die Praxis gegenwärtiger Politiker übertragen. Wo eine politische Autorität es unternimmt, Pläne für ganze Gesellschaftsschichten zu machen ist sie bei der verwirrenden Vielfalt der gegebenen Probleme gezwungen, dem .. Beispiel des Wissenschaftlers zu folgen. Angewandt auf Problem? der menschlichen Gesellschaft jedoch ist eine solche Vereinfachung ein Prozeß, der unabwendbar Verstümmelung der Freiheit und Verzicht auf die individuellen Rechte mit sich bringt.

Der erste Schritt zu dieser Vereinfachung der Realität ist die Absonderung. Das Bild der Welt, das die reine Wissenschaft uns gibt, ist unvollständig, weil sie sich nicht anmaßt, ihre Erfahrungen als das Ganze befrachtet zur wissen; es bleiben nur Einblicke in gewisse Zusammenhänge. Aber, unglücklicherweise neigen manche Wissenschaftler und Techniker dazu, das Weltbild in ihren Theorien als vollendete und vollkommene Wirklichkeit anzunehmen; sie erkennen nicht, daß ihre Einsichten nur ausschnitthafte Einblicke sind, daß die Wissenschaft sich für die Erarbeitung der Pror bleme notwendigerweise solche Ausschnitte aus der Mannigfaltigkeit willkürlich wählen muß. So werden die Menschen für sie nichts als Körper, Tiere oder Maschinen, die einzigen wirklichen Dinge Energie und Materie.

Die politischen Konsequenzen dieser Philosophie sind, klar erkennbar im unterschiedlichen Wer: des menschlichen Lebens. Wir waren Zeugen vom Wiederaufleben der Sklaverei in ihren unmenschlichsten Formen Während des Krieges mehrten sich die Metzeleien – die Verbrechen sind während des zweiten Weltkrieges ständig angewachsen bis heute nicht-eine Ration den Versuch gemacht die traditionelle Trennung – zwischen Zivilist und Kämpfendem, Unschuldigem und Schuldigem einzuhalten. Unser Grundübel ist, daß sich jeder trotz allem, was geschehen ist, im Recht glaubt.

In der Vergangenheit gaben die Herrschenden ihre Verbrechen zu. Sie waren als Christen, Hindus, Moslems und Buddhisten aufgewachsen. In der Tiefe ihres Herzens wußten sie von ihrem Unrecht, weil das Vollbrachte im Gegensatz zu den Lehren ihrer Religion stand. Heute wird der politische Führer in unserer erleuchteteren wissenschaftlichen Sphäre erzogen. Infolgedessen ist er fähig, seine schmählichen Taten mit vollkommen reinem Gewissen zu begehen, überzeugt, daß er für die höchsten Güter der Menschheit handelt – denn bereitet er nicht die kommende herrliche Zukunft vor?

(Berechtigte Übertragung aus "Science, Liberty and Peace", erschienen 1947 Chatto & Windus, London.)