Die ziellos herumwandernde Jugend bildet, eins der brennendsten Probleme, die das Nachkriegs-Deutschland des Zweiten Weltkrieges erschüttern. Von den zahllosen Jugendlichen, die ab Mai 1945 aus den Gefangenenlagern zurückströmten, stammen Tausende aus den Ostgebieten; sie konnten in ihre von Russen oder Polen besetzte Heimat nicht zurückkehren. Sie zogen heimatlos, existenzlos, ziellos durch das Land und suchten ihre Angehörigen. Diese Jugendlichen sind zunächst keineswegs gefährdet, höchstens aus. ihrer Existenzlosigkeit heraus. Um welche Zahl es sich dabei handelt, ergibt sich daraus, daß noch 1947 27 000 Jugendliche unter 18 Jahren den Bahnhofsbunker Hamburg durchliefen; die Zahl derer, bei denen die Jugendbehörde fürsorgerisch eingriff, betrug immerhin noch monatlich 700. In den Jahren 1945/46 betrug die Zahl der Jugendlichen unter 18 Jahren, mit denen die Hamburger Jugendbehörde sich fürsorgerisch beschäftigen mußte, etwa 20 000. Aus dem wochenlangen Herumliegen auf den Landstraßen, der ungebundenen Freiheit und Beschäftigungslosigkeit, entwickelt sich bald eine echte Vagabondage. Die Suche nach den-, Angehörigen wird bei vielen nur noch ein Vorwand. Die Erlangung von Lebensmittelkarten wird erleichtert, wenn die -ursprünglich vorhandenen Ausweise abgenommen sind; es gelingt nämlich leicht, Notausweise von Behörden zu erhalten, mit denen man dann die Möglichkeit des Erwerbs von Lebensmittelkarten gewinnt.

Schon im Oktober 1945 einigten sich auf Hamburgs -Vorschlag die Landesjugendämter der britischen Zone auf die sogenannten "Nenndorfer Richtlinien". Nach dieser Vereinbarung über die Fürsorge für heimatlose Jugendliche waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die keinen gewöhnlichen Aufenthaltsort besaßen oder ihn infolge der Kriegsereignisse verloren hatten, ab 15. November 1945 von den Jugendämtern festzuhalten; die Verhältnisse waren zu prüfen, und ferner sollte, soweit eine Wiedervereinigung mit den Eltern unmöglich war, die Unterbringung in Heimen, Lehre, Arbeit oder Beruf in die Wege, geleitet oder Fürsorge für Gefährdete und Verwahrloste geleistet werden. Aber viele lehnten energisch die angebotene Hilfe ab oder rückten nach wenigen Tagen wieder aus, oft unter Mitnahme von Besitz der Mitbewohner oder des Heimes. Stärkere Verwahrloste wurden in Fürsorgeerziehung genommen, aber auch diese erwies sich nach ihrer ganzen Struktur für die "Halberwachsenen" als ungeeignet. Sie wirkten als Sprengkörper in der Heimgemeinschaft

Solche Erscheinungen beschränken sich jedoch nicht auf die unter 18jährigen; die 18- bis 80jährigen stellen das noch stärkere und aktivere Kontingent, ja, gerade von ihnen geht als dem generationsnächsten Vorbild eine ständige Infektion für die Jüngeren aus; Es handelt, sich hier um die Generation der HJ-Jahrgänge und jungen Kriegsteilnehmer, die den Zusammenbruch ihres Jugendideals erlebt haben, auf das ihre Welt und ihr Leben aufgebaut waren. Nachdem das Ideal, für das sie zu Glauben, Hingabe und restlosem Einsatz erzogen wurden, zerschlagen ist, fehlt vielen die Fähigkeit zur Gestaltung des Lebens aus eigener ‚Kraft. Eines nämlich: hat sie der Nationalsozialist mus grundsätzlich reicht. gelehrt: die (Entwicklung von Kritik und Initiative, Eigenerziehung; ausser Weckung und Formung der Inneren Kräfte heraus, die Gestaltung der menschlichen Persönlichkeit aus den lebendigen Formkräften des Geistes und der Seele. So entwickelt sich ein neues Freibeutertum und hier erhebt sich die Frage: Steht die Freiheit von allen Verpflichtungen und Bindungen, wie sich diese hingen Menschen das persönliche Recht auf Freiheit des Individuums auslegen, hoher als das Lebensnotrecht des Volkes? Kann die Allgemeinheit es noch länger verantworten/wie junge, kräftige, leistungsfähige Menschen ihr Leben vertun, ihre Arbeitskraft vergeuden, ihre Gesundheit untergraben? Soll der Normalverbraucher es noch langer mit ansehen, wie; durch Diebstähle, Kartenstelleneinbrüche, Überfälle auf Eisenbahnwagen und fahrende LKW’s er um seine kümmerlichen Rationen noch weiter betrogen wird? Gibt es ein "Recht auf Arbeitsscheu?"

Die Hamburger Jugendbehörde hat mit den änderen Landesjugendämtern der britischen Zone einen Gesetzentwurf vorbereitet, der die Möglichkeit einer Arbeitserziehung bringt Von sechs Monaten bis zu zwei Jahren kann diese Arbeitserziehung dauern und wird in von Landesjugendämtern und Landesfürsörgeverbänden eingerichteten und gut geleiteten Heimen durchgeführt. Damit das Recht der Persönlichkeit gewahrt bleibe, ist sichergestellt, daß die Anordnung der Arbeitserziehung in jedem einzelnen Fall ebenso wie die Länge ihrer Dauer vom Vormundschaftsrichter bestimmt wird. Es handelt sich also um ein regelrechtes gerichtlich es Verfahren, der freiwilligen Gerichtsbarkeit, ähnlich wie bei der Anordnung der Fürsorgeerziehung. Es ist nach den obigen Ausführungen klar-, daß das Verfahren nicht bei dem 18. Lebensjahr haltmachen kann. So soll das Gesetz, das als zeitbedingtes Notgesetz auf fünf Jahre befristet ist, Personen bis zu 25 Jahren erfassen. Vorübergehend können auch für die nächsten drei Jahre noch Einweisungen bis zum 30. Lebensjahr erfolgen.

Das Antragsrecht – wird ausschließlich Jugendämtern und Bezirksfürsorgeverbänden übertragen, um damit die Gewähr zu bieten, daß sich nur solche Behörden mit der Vorprüfung der Voraussetzungen für die Arbeitserziehung befassen, die über reiche fürsorgerische Facherfahrung und über die erforderlichen Rechtskenntnisse bei ihren Mitarbeitern verfügen. In das Gesetz sind mehrfach Bewährungsmöglichkeiten eingebaut; So kann bei Bewährung das Vormundschaftsgericht auch vor Ablauf der festgesetzten Zeitdauer eine jederzeit widerrufliche Entlassung anordnen, während der eine Schutzaufsicht bestellt wird. Außer dem Erziehungsberechtigten kann auch der Untergebrachte nach einem Jahr die-Entlassung beantragen, der entsprochen werden wird, wenn er sich bewährt hat. Endlich kann bei Jugendlichen im Verfahren noch eine weitere Bewährung dadurch gegeben werden, daß die Entscheidung bis zu einem Jahr ausgesetzt wird, falls sich der Betreffende an einer vom Jugendamt eingerichteten und beaufsichtigten freien Arbeitsgruppe beteiligt. Das Gesetz ist ferner mit allen Beschwerdemöglichkeiten wie sie sich aus dem Gesetz über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit ergeben, ausgestattet. So handelt es sich nicht um ein Zwangsgesetz gegen die Jugend, sondern gegen die vier oder fünf v. H. unverbesserlicher Parasiten die alle bisherigen freiwilligen fürsorgerischen Hilfsmöglichkeiten konsequent ablehnten. Und auch für diese handelt es sich um kein Zwangsgesetz; es soll ein Versuch gemacht werden; um diesen jungen Gliedern unseres Volkes den Weg zu sich selbst; zur Wiedergewinnung ihrer eigenen sittlichen Kraft und den Weg zur Rückgliederung in die Volksgemeinschaft zu ebnen.

Hermine Albers