Von Erich Stolt Die schmerzlichen lehren aus der jüngsten deutsehen-Vergangenheit haben bewirkt, daß die – früher zersplitterten Organisationen der Arbeitnehmer zu Einheitsgewerkschaften zusammengefaßt wurden. Sie entstanden aus der Erkenntnis, daß die weltanschauliche Aufgliederung der Gewerkschaftsbewegung, wie sie vor 1933 bestand, überwunden sein muß, wenn es gelingen soll, den gemeinsamen Willen der Arbeitnehmer durchzusetzen: Diese Erkenntnis wuchs in der Kameradschaft der Konzentrationslager und soll sich nun in den Widrigkeiten des normalen Alltagslebens bewähren. Die Vertretung der Interessen der gesamten Arbeitnehmerschaft trotz großer Verschiedenartigkeit der sozialen Stellung und Entlohnung, des Bildungsgrades, der politischen Haltung und des religiösen Bekenntnisses setzt ein hohes Maß von Verantwortungsgefühl und gegenseitiger Achtung voraus. Jede Einheitsorganisation, in der das Gemeinsame nicht ohne weiteres über den – Verschiedenheiten steht. verführt ja dazu, den Willen der Mehrheit oder/der Leitung absolut zu setzen und Einheit als Uniformität mißzuverstehen. Die Fahne der Demokratie ist, wie Erfahrung zeigt: keine Sicher rung dagegen. In unserer politischen Situation ist die Gefahr besonders groß, daß eine politisch einseitige bestimmte Führungsschicht, unterstützt durch die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Gesinnungsfreunde, unbewußt, – oder auch willentlich – dahin wirkt, der Einheitsgewerkschaft ihre politische und weltanschauliche Haltung aufzuprägen und den Willen der Andersdenkenden zu unterdrücken. Diese Gefahr ist latent seit der Wiederbegründung der Gewerkschaften in Deutschland vorhanden, und heute droht an ihr die Einheit zu zerbrechen. Die nach der alten Terminologie sich christlich-national und freiheitlich-national nennenden Gewerkschaftler sind stets in der Minderheit gewesen. Absolut genommen ist die Zahl der nichtmarxistischen Arbeitnehmer zweifellos größer als die der zum Marxismus hinneigenden. Unter ihnen ist aber die Zahl derer, die zu gewerkschaftlichem Zusammenschluß – und aktiver sozialpolitischer Betätigung bereit sind, stets weit geringer als unter den im Marxismus erzogenen. Ihren Zusammenschlüssen fehlte auch in der Vergangenheit eine so zündende und mitreißende Parole wie die des Klassenkampfes. Es ist nun einmal, so, daß -jede – Gemeinschaft, die über allem Trennenden das Verbindende sucht, nicht die Propagandawirkung besitzt wie jene, die rücksichtslosen Kampf predigt.

Heute sind es wieder zuerst die marxistischen Arbeiter, die in die Gewerkschaft eintreten. Die anderen hemmt neben der alten Abneigung gegen jede Organisation mit sozialkämpferischem Charakter die moderne Scheu vor allem politischen Leben. Es kommt hinzu, daß die Führer und ein größer Teil gerade der aktiven Mitglieder der nichtmarxistischen Arbeitnehmerverbände der Vergangenheit zu einem großen Teil Kompromisse mit dem Nationalsozialismus schlossen und darum heute eine führende Tätigkeit nicht ausüben können So fehlt im Gewerkschaftsleben zur Zeit eine Führungsschicht, die mit der aktionsfähig, verbliebenen Gruppe alter Gewerkschafter aus den ehemaligen, "freien" Gewerkschaften einer einseitig klassenkämpferischen Haltung entgegenwirken könnte. Auch das hat wiederum eine geringe Anteilnahme! christlich oder liberal gestimmter Arbeiter und Angestellter am heutigen deutschen Gewerkschaftsleben zur Folge. Sie sind überdies mit den Forderungen zur Sozialisierung oder zur Vereinheit-– lichung der Sozialversicherung nicht einverstanden. Ihnen widerstrebt die oft radikale Einstellung, der, wie sie meinen, von den Gewerkschaften inspirierten oder nicht genügend gezügelten. Betriebsräte, Daneben beobachten sie einen Kampf um Machtpositionen, der sie heute besonders abstößt

Die Gewerkschaftsentwicklung in Deutschland ist noch nicht zu einer klaren Formung ausgereift; Die ehemaligen christlichen Gewerkschafter innerhalb der CDU/CSU haben sich im Dezember in Herne zwar einmütig zur Einheitsgewerkschaft bekannt. Sie forderten aber besorgt. Sicherung der parteipolitischen Neutralität und weltanschauliche Toleranz. Aus Anlaß des vom Bayerischen Gewerkschaftsbund als Protest gegen die Regierung angeordneten Streiks haben sich die Vertreter der christlichen Arbeiter gegen eine solche einseitig parteipolitische Stellungnahme ausgesprochen und erklärt, sie würden vor der Bildung eigener Gewerkschaften nicht zurückschrecken, wenn der Gewerkschaftsbund seine parteipolitische Neutralität nicht mehr einhalte. Offenbar hat daraufhin die Landesversammlung der bayerischen CSU beschlossen, Vorarbeiten zur Bildung einer christlichen Gewerkschaft aufzunehmen.

In diesem Zusammenhang gewinnt der Wunsch belgischer und französischer christlicher Gewerkschafter, in Deutschland christliche Gewerkschaften als Mitglieder einer angestrebten christlichen Gewerkschaftsinternationale zu gewinnen, und eine Schweizer Anregung, eine liberal-demokratische Gewerkschaftsbewegung zu gründen, um eine Internationale dieser Richtung aufzubauen, besonderes Gewicht. Wie unausgegoren. die Entwicklung ist, wird besonders deutlich in der gewerkschaftlichen Erfassung der Angestellten. Sie waren entsprechend ihrer größeren geistigen Schulung und ihrer sozialen. Stellung eine starke motorische Kraft in der Gewerkschaftsbewegung vor. 1933, Nach der letzten Statistik der Reichsarbeitsverwaltung waren 1925 von den 1 353 000 organisierten Angestellten nur 430 000 in freigewerkschaftlichen Verbänden, Die Mehrheit war in der Hauptsache in den christlich-nationalen und freiheitlich-nationalen Verbänden organisiert. Bemerkenswerterweise kämpften auch die freigewerkschaftlich organisierten’ Angestellten für die Erhaltung besonderer Angestellten-, Gewerkschaften.

Nach der deutschen Kapitulation bildete sich zuerst in Hamburg die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft mit jetzt etwa 150 000 Mitgliedern. Sie blieb in der britischen Zone, im wesentlichen auf den nordöstlichen Teil der Zone beschränkt. Im Westen entstanden Industrie-Gewerkschaften, die Arbeiter und Angestellte gemeinsam erfassen. In Süddeutschland sind selbständige Angestellten-Gewerkschaften, so die Gewerkschaft der Angestellten, in Bayern, die Gewerkschaft der Angestellten in Württemberg-Baden, die Gewerkschaft Handel und Verwandte Gewerbe und die Gewerkschaft Banken und Versicherungen in Frankfurt (Main), Ausnahmeerscheinungen neben den auch dort ausschlaggebend den Industrie-Gewerkschaften. Das gilt auch von den in der französischen Zone gebildeten Angestellten-Gewerkschaften. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund der Ostzone enthält neben seinen Industriegewerkschaften eine besondere "Gewerkschaft der Angestellten" (mit 129 000 Mitgliedern im Dezember 1946 unter insgesamt 3,3 Mill. Mit-– gliedern). Die Gesamtzahl der Angestellten in der Bizone kann auf. ungefähr 3 Mill. geschätzt werden. Davon sind nur rund 10 v. H. gewerkschaftlich organisiert gegenüber 33 v. H. im Jahr 1925 und jetzt schätzungsweise 25 v. H. der Arbeiterschaft, Es ist sehr bemerkenswert, in welch geringem Umfang die Angestellten bisher zum Anschluß an eine – Gewerkschaft bewegt werden konnten.

Ihnerhalb des deutschen Gewerkschaftsbundes ist nach neueren Informationen der vordem sehr heftig geführte Streit um die Berechtigung einer besonderen Angestellten-Organisation zur Ruhe gekommen. Er ist damit sicherlich nicht endgültig abgeschlossen, denn es fehlt gerade bei den sozialdemokratischen Arbeitern das Verständnis dafür, daß die Angestellten eine besondere soziologische Gruppe darstellen und aus den verschiedensten-Gründen eines besonderen Zusammenschlusses bedürfen. Auch hier wirkt sich die Einheitsparole gefahrvoll aus. Der Wille nach Einheit drängt auch heute wieder trotz aller bösen Erfahrungen, die noch gar nicht weit zurückliegen, zur platten Uniformierung. Die deutsche Einheitsgewerkschaft wird aber nur, dann lebensfähig bleiben, wenn sie jede Uniformität ängstlich vermeidet. Sie wird nur bestehen, wenn sie die verschiedenartige politische und weltanschauliche Haltung ihrer Mitglieder achtet und auch der beruflichen Gliederung der Arbeitnehmerschaft Rechnung trägt,

Das wird dann leicht sein können, wenn sie sich auf gewerkschaftliche Aufgaben beschränkt. Sobald sie sich auf politisches Gebiet begibt – und dazu besteht heute offenbar ausgesprochene Neigung –, gerät sie unabwendbar in die Gefahr, die mühsam errungene und mit Recht gefeierte Einheit selbst zu zerstören. Die Einheit der Gewerkschaftsbewegung ist eine der wenigen glücklichen Errungenschaften dieser chaotischen Zeit. Die Bildung weltanschaulich nach den alten Gruppierungen der Zeit vor 1933 ausgerichteter Gewerkschaften würde nicht Beharrung, sondern Rückschritt bedeuten. Darum muß die Einheit mit aller Sorgfalt und Liebe gewahrt werden. Der Führung der Gewerkschaftsbünde ist eine ruhige Hand und bedachtsames taktisches Verhalten zu wünschen, damit die Einheit, die so lange Sehnsucht geblieben war und nun endlich Erfüllung! fand, sticht wieder verlorengeht.