Von Karl N. Nicolaus

Der Kriminalistik ist um einen neuen Apparat bereichert worden, denn die Erfindungsgabe der Ganoven rastet nicht; sie paßt sich den Gegebenheiten an. So ist also zu der sagenumwobenen "Maulstange" des Papacosta, die Egon Erwin Kirsch schon besungen hat und zu der raffinierten "Storchschnabelzangf", mit der einst der König der Einbrecher, Manolescu, mühelos die Schlösser sogar dann Öffnen konnte, wenn der Schlüssel von innen steckte, etwas Neues getreten: der ,,Birnenpflücker". Man wird sagen, daß der "Birnenpfiücker" altbekannt und ein probables Requisit für den Garten ist. Dieser aber nicht! Denn dieser ist ein "Glühbirnenpflücker", der dazu dient, das elektrische Obst ohne viel Aufsehen zu haschen. Eine "sinnvolle Apparatur", wie unser Physikprofessor zu sagen pflegte, ist an einem längeren Stock angebracht: ein System sanfter Stahlfedern legt sich um die Glühbirne hoch oben an der Decke: man schraubt sie von unten dann mühelos heraus. Dieses Verfahren. ist interessierten Gangstern durchaus zu empfehlen; es ermöglicht rasche, rationelle Aberntung der vorhandenen Bestände.

Es gibt natürlich auch Glühlampenmarder, die ohne Apparat arbeiten. So schlendern in der Stadt, in der ich lebe, zwei "Artisten" über die Treppen fremder Häuser. In einem geeigneten Moment just unter der Treppenbeleuchtung – springt der eine auf die Schultern des andern. Und buchstäblich im: Handumdrehen schraubt der ‚,Obermann" die Birne aus. In dem. Haus, in dem ich wohne, geschah es so am hellen Vormittag. – Die leeren Glashüllen fanden wir Hausbewohner säuberlich auf den Sims gestellt. Da, sicherem Vernehmen nach, auf dem "Schwarzen Markt" das Watt mit einer Mark gehandeltwird, so geht man nicht fehl mit der Rechnung, daß diese "Artisten" durch ihre "Auftritte" in den Treppenhäusern ganzer Straßenzüge eine "Gage" erzielen, die sich neben der eines Con-Colleano, der den doppelten Salto auf. dein Drahtseil machte, durchaus sehen lassen kann. Statt des Beifalls der Menge jagen allerdings die Flüche der Hausbewohner diesen "Künstlern" nach, deren Kunst, anstatt nach Brot, nach Birnen geht. Doch mit Flüchen ist es wie mit manchen Hunden: sie bellen, aber beißen nicht...

"Bürger, schützt eure Birnen!" – Das wäre ein aktueller Ruf. Und richtige Neulich war ich Zeuge, wie der Chef einer großen Firma sein Büro. verließ; er breitete eine Zeitung auf dem Schreibtisch aus, stieg auf "einen Stuhl, von da auf den Tisch, schraubte die Glühbirne aus, die in der Lampe von der Decke herabhing, wickelte sie. in Seidenpapier und verstaute sie in seiner Diplomaten-Aktenmappe. Die Mappe jonglierte er nun heimwärts, vorsichtig, als handle es sich um einen Transport von Windeiern. Dies, so sagte er, sei das einzige Mittel, die letzte Glühbirne, zu retten.

Kürzlich auch wohnte ich im alten, wohlerhaltenen Rathaus einer angesehenen Großstadt einer amtlichen Tagung bei. Da gab es Oberdelegierte, – die sich in ein Separatzimmer zurückgezogen hatten und stundenlang darin blieben, weil sie sich über den zu wählenden Vorsitzenden nicht einigen konnten. Währenddessen vertrieben sich die Delegierten im Vorraum des Sitzungssaals durch Nichtstun die Zeit. Die Sonne stand im Zenit und schon entschlossen, sich westwärts, zu neigen. Die Zeit verging, und schließlich kroch die Dämmerung durch das Land, an der Fassade des ehrwürdigen Rathauses empor und sickerte durch die Fenster. Drinnen dreht jemand am Lichtschalter Nichts, kein Licht, nichts! Delegierte im Halbdunkel, hätte Rembrandt sie gemalt. Ehe – aber die Dunkelheit vollends – überhandnahm, erschien ein Amtsdiener würdevoll und hatte eine Stehleiter unterm Arm. Er bestieg sie mit umständlicher Feierlichkeit, denn er trug Uniform, griff majestätisch in die Hosentasche und holte eine armselige Glühbirne hervor, die er in einen alten, ehrwürdigen, schmiedeeisernen Kronleuchter hineinschraubte. Und siehe: es wurde Licht, und der Amtsdiener fand, daß es gut sei. Ja. das Licht war aufgeflammt, soweit eine dürftige halb ausgebrannte Birne in einem größeren Raum "flammen" kann. Und der Amtsdiener stieg die Leiter abwärts und stellte sie beiseite. – Verließ er nun aber nach getaner Pflicht den Raum? Mitnichten! Er blieb. Er hielt sich betont in der Nähe de. Glühbirne auf, stets so, daß er sie im Auge behalten konnte, obwohl niemandem der Anwesenden ein "Birnenpflücker". aus der Tasche ragte. War es Mißtrauen gegen die demokratisch gewählten Delegierten? Oh, sicherlich war sein Verhalten übertrieben. Aber sicherlich auch war der Mann durch Erfahrungen gewitzigt. "Bürger, schützt eure Birnen!"

Wer wacht, braucht nicht auf den Schwarzen Markt zu gehen, Wo der Bestohlene doch nur seine eigene Birne wiederkauft oder eine, die anderswo gestohlen wurde. Das ist ein endloser Kreislauf, den die Glühbirne, zerbrechlich, wie sie ist, auf die Dauer kaum überstehen dürfte; stets auf den Schwarzen. Markt und wieder zurück: da wird die festeste Birne weich. Als Prometheus das Feuer zu den Menschen brachte, wußte er noch nicht, wie sich alles entwickeln, würde. Der moderne Prometheus, auf; den wir, was das Licht betrifft, warten, der müßte massenweise auftreten, sonst konnte es geschehen, daß wir bei Überwindung der letzten Stromsperre unsere letzten Glühbirnen eingebüßt haben, so‘ daß wir dann wieder im Dunkeln sitzen. Emsig sehe ich die zerbrechlichen Birnen hin und her wandern. Von den rechtmäßigen Besitzern zum Schwarzen Markt, von dort zu unrechtmäßigrechtmäßigen" Besitzern, von dort wieder dank der "Birnenpflücker" und ,,Artisten" zum Schwarzen Markt, kürz, es herrscht Handel. und Wandel! Eine Bienen-, eine Birnenemsigkeit...

Allerdings gibt es in der Stadt, in der ich lebe, neuerdings Straßenlaternen, die mit Stacheldraht gegen den Zugriff von Passanten geschützt sind. Ist dies nicht wie ein Symbol –: das Licht, eingesponnen in Stacheldraht...?