Von Walter Henkels

Die jungen Leute, die hier zu Hause sind und von denen viele durch halb Europa marschierten, nennen die Stadt verächtlich "Kaff". Nicht "Nest", sondern "Kaff". – "Ist in diesem Kaff schon was los?" fragen sie spöttisch. Zu ihrem Leidwesen ist nur in einem Lokal sonntags "was los". Sie nennen das, eine alte Terminologie benutzend, "Remmidemmi" Sie tanzen dort Tango und Swing oder das, was sie dafür halten. Nicht alle jungen Leute gehen zum Tanzen. Aber viele. Sie sagen, sie hätten viel nachzuholen. Mit den fremden Soldaten haben sie sich deshalb schon geschlagen. Wegen derMädchen. natürlich. Die fremden Soldaten sind Engländer, die vor ihrer M. P., die solche Händel nicht liebt, einen mächtigen, Horror haben.

Im Städtchen haben sie ein Kino, das sich "Metropol-Lichtspiele" nennt, immer überfüllt ist und uralte Filme zeigt, die, wenn sie abspulen, mit Tränen der Frauen oder 6Pfiffen eben jener jungen – Leute begleitet werden je nachdem.

Ein wichtiges, belebendes, Element im Städtchen ist der Fußballklub. Jedes Mitglied ist eine Art Winkelried des Leders. Jedes Mitglied bahnt dem Leder eine Gasse. Die Lokalzeitungen widmen dem Tormann oder dem Rechtsaußen zehnmal mehr Raum als dem Selbstmörder, für den allenfalls drei Zeilen genügen verständlicherweise. Wenn der Fußballklub Gäste zu Besuch hat, ist das halbe Städtchen auf den Beinen. Als er in die Bezirksklasse aufzusteigen drohte, ergriff alle, selbst die, die’sich nichts aus dem Fußball macben eine Art Fieber. Hie Welf, hie Waiblingen! Und es ist unvergessen, daß Schalke 04 im Juni vorigen Jahres zu Gast war, das den örtlichen. Fußballklub "ziemlich fertig machte". 7 : 1 für Schalke. Vor lauter Aufregung schossen sich die Einheimischen drei Tore selbst.

Die Schalker waren wegen des Obstes gekommen. Denn das Städtchen hat sich das Attribut "Obstkammer" zugelegt. Vor zwanzig Jahren hat der Verkehrsmein dieWerbetrommel gerührt für diese Dinge. Die Geister, die man damals rief, kann man heute noch nicht loswerden.. So strahlt der Name des Städtchens noch jetzt bis in den feinsten Winkel des Ruhrgebietes. Und die mehr als vierzig Gast- und Schankwirte, die heute gelangweilt hinter ihren Theken stehen/haben jene Sonntage Ende der zwanziger Jahre, als die Autobuskarawanen und Reichsbahnsonderzüge die Menschenmassen brachten, noch nicht vergessen. Heute singen wehmütige Lieder die Gast- und Schankwirtes, Keinen Tropfen im Becher mehr.

‚Der Krieg‘, sagten einmal die Militärs, ist der Vater aller Dinge‘. Obwohl der Krieg die Freundlichkeit hatte, das Städtchen völligunzerstört zu lassen, ist er auch der Vater jener Soziologischen Strukturwandlung von der das entfernteste Gebirgsdorf nicht verschont blieb. Daß viele hundert Gemeindesöhne leben, obgleich sie gestorben sind, wie das Gesetz es befahl, kann man im Stadtpark auf dem Denkmal lesen um das jetzt Kohl, Kartoffeln und Gürkchen gepflanzt sind. Die Ostvertriebenen, mehr als 1300 an der Zahl haben in das Stadtbild einen Zug von Unruhe und Armut gebracht. Sie erlebten viel tätige Hilfe, sie erlebten noch mehr Hartherzigkeit und Unverständnis. Dem Grau ihrer Kleidung entspricht das Grau ihrer Seelen.

Es wird endlich notwendig sein, zu sagen, daß dieses Städtchen Leichlingen heißt und im – Bergischen Land liegt, genau im Schnittpunkt dreier großer Trümmerstädte. Seit nahezu hundert Jahren hat es Stadtrechte/aber etwas von Urbanität ist nie hier zu Hause gewesen. Die Streusiedlung, die aufgelockerte Bebauung, ist ein wesentliches Merkmal. Ein paar sogenannte Rittergüter liegen innerhalb der Gemeindegrenzen, seit hundert, Jahren von den gleichen Pächterfamilien, tüchtigen, braven Bauern, bewirtschaftet. "Alljährlich kommen einmal die Rentmeister der Besitzer, der Grafen Westerholt-Gysenberg und Mirbach-Harff von weither zur lnspektion. Jetzt diskutieren sie über die Bodenreform, die keine reine Freude für die Grafen ist. Geographisches Merkmal des Städtchens ist ein Fluß, der, wenn man es genau nimmt, eine Vorstellung von dem Begriff "Kleinstadtromantik" vermitteln müßte. Dieser Fluß – die Wupper – murmelt tatsächlich, und zwar mitten durchs Städtchen. Von einer monströsen Zementbrücke aus sieht man drei Gänse die Ufer beleben, ferner ein paar Trauerweiden, die den Eindruck, wie es beabsichtigt ist, von Trauer und Elegie vermitteln. Aber dieser Fluß ist von hohen Zementmauern "eingedeicht", außerdem stinkt das schwarze, tintenähnliche Wasser nach den Abwässern der Wuppertaler Färbereien und Bleichereien. Dem fremden Besucher nimmt das manche Illusion.