Du von M. Schönwandt und seinem Freundeskreis vertretene "radikale" Auffassung den Fragen der Geldreform hat bisher kaum Eingang in die deutsche Wirtschaftspublizistik gefunden. Offenbar gelten diese Ideen (ebenso wie ihre Verfechter) als "unbeqtem", Trotzdem wird man sich mit ihnen auseinandersetzen müssen, weil alle bisher sonst bekanntgewordenen ("milden") Reformpläne berechtigten Einwänden interliegen, die bisher noch unwiderlegt sind. Wir lassen deshalb Schönwandt in dem folgenden Artikel sellst zu Worte kommen, mit dem Hinweis darauf, daß soeben (im Verlag Otto Schwartz & Co., Göttingen) die ersten Vorabdrucke seiner neuen Schrift (unter dem Titel: Geldreform – "milde" oder "radikal"?) herauskommen, in der interessierte Leser die ausführliche Fundierung der hier kurz skizzierten Ideen finden,

Es gibt heute wohl niemand mehr in Dettschland, der nicht genau wüßte, daß das Geld in absehbarer Zeit 80, 90 oder mehr Prozent seines Wertes verlieren wird." So schreibt Dr. Günter Keiser, der Mitverfasser des sogenannten Mindener Gutachtens und Chef der Hauptabteilung "Planung und Statistik" beim Verwaltungsamt für Wirtschaft, 10. Dezember 1947 in der "Neuen Zürcher Zeitung". Es ist kaum möglich, das Wesen der Geldreform (und der deutschen Wirtschaftslage überhaupt) mehr zu verkennen und die notwendigen Bemühungen, die Dinge in Ordnung zu bringen, stärker herabzusetzen. Wenn die deutsche Geldreform tatsächlich dazu führen sollte oder auch nur könnte, daß das Geld seinen Wert verliert, dann wäre sie ein Verbrechen und müßte mit allen Mitteln verhindert werden. Ihre einzige Rechtfertigung ist: die deutsche Wirtschaftsleistung zu steigern durch ein funktionsfähiges also wertvolles Geld. Das Reichsmarkgeld hat gar keinen Wert mehr zu verlieren. Seinen früheren sehr unterschiedlichen Wert haben Nationalsozialismus und Krieg (dazu die Versäumnisse und Fehler der Nachkriegszeit) vernichtet. Man lasse sich nicht dadurch täuschen, daß immer noch in Reichsmark gerechnet wird und daß die offiziellen Statistiken erstaunlich niedrige Preise, vor allem stabile Löhne und Gehälter, zeigen. Das hat gar nichts mit Geld zu tun, ist vielmehr der Gegensatz dazu: die Bewirtschaftung. Soweit sie funktioniert (was nach unabänderlichen Gesetzen immer weniger der Fall ist), ist das Geld praktisch außer Kraft gesetzt. Es wäre viel einfacher und wirkungsvoller, wenn dem Arbeiter und Bedürftigen statt zweier Papiere (Geld und Lebensmittelmarken oder Wohnungszuweisung und dgl.) einheitliche Gutscheine gegeben würden. Geblieben ist am Reichsmarkgeld. was es seit der Finanzierung von Aufrüstung und Krieg war: direkte oder mittelbare Forderung an das Dritte Reich. Dies durch Umtausch in Kriegsanleihe zum Ausdruck zu bringen, hat gerade Günter Keiser schon während des Krieges vorgeschlagen, Kriegsanleihe ist die Substanz der Reichsmark, die ihren Wert bestimmt. Wenn die heutige Wirtschaftsleistung sich nicht bessern würde, wäre der Wert Null. Auf die Reichsmarkforderung hin könnte auch kein Nachfolger des Dritten Reichs zahlen, sondern allenfalls auf die Bedürftigkeit. Mit steigender Wirtschaftsleistung ist ein höherer Wert der Reichsmark zu erwarten – aber nur in der Form der Forderung. Es gibt schlechterdings kein Mittel. die Reichsmark wieder wirksam und damit wertvoll zu machen.

Die richtige Grundlage

Das wird verdeckt einmal durch die Absicht, die Bezeichnung "Reichsmark" als Geldbezeichnung beizubehalten (wogegen sehr viele, aber nicht eigentlich wesentliche Gründe sprechen), dann aber vor allem durch die Vorschläge: Reichsmark in neues Geld umzutauschen. Die ernst zu nehmenden Vertreter dieser "milden" Geldreform sind sich klar darüber (obwohl sie es bisher noch nicht öffentlich ausgesprochen haben), daß es sich dabei ebenfalls um eine Geldschöpfung handelt. Freilich ist es völlig unzutreffend, wenn Dr. Victor Wrede – ein Mitverfasser des Mindener Gutachtens – in einem Vortrag zum Standpunkt der "radikalen". Richtung (deren Gegner er ist) feststellt, daß sie mehr Spielraum für die neue Geldschöpfung haben wolle und deshalb den Umtausch der Reichsmark begrenze. Es handelt sich überhaupt nicht um ein Mengenproblem, sondern um die Sicherung der Funktionsfähigkeit des Geldes, die ihrerseits von der Verwendung der Geldbestände abhängig tat. Die Verwendung hängt aber aufs engste mit Grundlage und Verteilung des Geldes zusammen. Die Schwierigkeit der Geldreform liegt eben darin, das neue Geld zur richtigen Verwendung in die richtige Hand zu bringen.

Richtige Verwendung des Geldes ist nur die zur Arbeitsteilung. Weil der unmittelbare Tausch des jeweils Erzeugten mit dem Gebrauchten eine geringe Wirtschaftsleistung ermöglicht, muß der "Tauschmittler" Geld eingeschaltet werden (vergleichbar dem Katalysator bei chemischen Prozessen). Die ernsthaften Geldreformer aller Richtungen sind sich deshalb darüber einig, daß die Geldschöpfung dort erfolgen muß, wo Güter umgesetzt werden. Die Schöpfung des Geldes zum Güterumsatz erfolgt seit langem durch Kredit, selbstverständlich durch kurzfristigen Wirtschaftskredit (im Gegensatz zur Geldschöpfung zum Verbrauch oder Krieg durch Staatsanleihe). Mit Ausnahme der Inflationszeiten waren die kurzfristigen Wirtschaftskredite immer höher als der gesamte Geldumlauf.

Die "radikalen" Geldreformer behaupten nun, daß die Schöpfung des neuen Geldes sich auf diesen Zweck des Güterumlaufs und die Form des kurzfristigen Wirtschaftskredits beschränken müsse. Sie stützen sich dabei auf die Erfahrung und auf die Erkenntnis und machen geltend, daß das neue Geld ja "goldwert" sei (wenn es überhaupt seine Funktion erfüllt) und infolgedessen nur für volle und neue Leistungen ausgegeben werden dürfe. Wenn Gold als Geld zur Verfügung gestellt würde, käme niemand auf den Gedanken, es anders als gegen neue Leistungen (in der Form kurzfristiger Wirtschaftskredite) in den Verkehr zu bringen. Es brauche und dürfe nicht anders bei jedem neu ausgegebenen Geld sein (das übrigens bei solcher Behandlung auch ohne Golddeckung goldwert sei).

"Goldwerte" für Kriegsanleihe?