Die Ro-Ro-Ro-Serie des Rowohlt-Verlages kann vorläufig nicht fortgesetzt werden, da wegen der Papierknappheit die Papierzuteilung hierfür zurückgezogen worden ist.

Angesichts der mit der Kapitulation gegebenen Situation des deutschen Büchermarktes inaugurierte der Verleger Ernst Rowohlt seinen originellen Plan von einer "Diktatur des guten Buches", der bereits Nacheiferer fand. Um wirksam die geistige Quarantäne einer der totalitären Zensur entronnenen Leserschaft zu beheben, verbreitete er bislang unzugängliche Romane zumeist zeitgenössischer deutscher und ausländischer Autoren in einfachster Druckform, jedoch um so höherer Auflage: In zeitungsmäßiger Aufmachung und jeweils hunderttausend Exemplaren, nach dem Druckverfahren als "Rotations-Romane" firmiert, kamen zunächst Alain-Fourniers "Großer Kamerad", Tucholskys "Schloß Gripsholm", Hemingways "In einem anderen Land" heraus: – als Veröffentlichungen, wohlgemerkt; denen eine gute Chance geschenkt war, der Hortung unter dem Ladentisch zu entrinnen und über die Stammkundschaft der Sortimenter hinauszudringen Joseph Conrads "Taifun" und Thyde Monniers "Kurze Straße" folgten. Sodann ward mit der "Ro-Ro-Ro"-Ausgabe Von Pliviers "Stalingrad" ein Werk, dessen Original-Buch-Edition praktisch Berlin und der Ostzone vorbehalten geblieben war, als für die Kenntnis der Zeitliteratur unentbehrliches Opus auch der Leserschaft des deutschen Westens erschlossen, womit ein für das ganze Unternehmen aufschlußreicher Durchbruch ins Programmatische geschah. Weitere. Neuerscheinungen, standen auf dem Arbeitsplan, der nun vorläufig ruhen muß, darunter Werke von Ernst Kreuder ("Die Unauffindbaren"). Faulkner ("Licht im August"), Sinclair Lewis ("Sam Dodsworth"), Jules Romains, Wolfgang Weyrauch und Sophie Kramstijk und über solche von Hermann Hesse, Franz Kafka, Erik Reger, Jaroslav Hasek wurde verhandelt. Die Frage, welche Aufnahme das Unterfangen an sich seitens der Leser erfahren hat, beantwortet ein besonderer Rechenschaftsbericht des Verlages, darin eine statistische Auswertung des ersten Tausend der jenem in reicher Fülle zuströmenden Leserbriefe unternommen ist.

Von jenen tausend Briefschreibern lassen 540 einen Beruf, nicht erkennen. Von den übrigen sind 243 Akademiker und Lehrers 65 Buchhändler, Verleger, Journalisten, Schriftsteller; 58 Kaufleute, Arbeiter, Angestellte; 87 Studenten und Jugendliche; Kriegsgefangene und Internierte. Nur 22 v. H. der Briefe stammen von Frauen, Abgesehen nun von 2 v. H., die eine grundsätzliche Ablehnung bekennen, bejahen die Briefschreiber in ihrer Gesamtheit die neue Publikationsform mit Nachdruck. Nicht wenige gar empfehlen die Methode "Ro-Ro-Ro" als "Dauerlösung". Das Niveau der in den vom Verlag unterbreiteten Zuschriften geführten, Diskussion über die Werke von Hemingway, Tucholsky, Alain-Fournier, Conrad, Thyde Monnier, Plivier ist keineswegs gering. oder flach. Fast darf von einem interessanten Korrektiv, der verbreiteten Skepsis gegenüber der Urteilsfähigkeit heutiger Leser gesprochen werden.

Dies erhellt auch daraus, daß, was die geäußerten Lesewünsche betrifft, unter den sogenannten "alten" Autoren ausgerechnet Homer und Platon, Aristoteles und Marc Aurel Augustin, Dante und Grimmelshausen an der Spitze liegen. Von den tausend Einsendern machen nicht weniger als 515 genaue Vorschläge, was sie wieder frisch aufgelegt sehen möchten. Unter diesen 515 Lesern wünschen 140 Thomas Mann, 65 Hermann Hesse, 49 Franz Werfel und 47 Sinclair Lewis. Je 41 Stimmen, gelten, und man mag daraus die Spannweite des an. solchem Fazit der Wünsche beteiligten Leserkreises erschließen, Hemingway, Ernst Wiechert, Erich Kästner Je 40 fordern Balzac und Romain Rolland. Mit nur einem Punkt Abstand hiervon beendet Jakob. Wassermann die Liste der zehn meistgewünschten Autoren.

Daß sich außer auf deutsche Literatur das Interesse vornehmlich auf diejenige Amerikas, Englands, Irlands, Frankreichs und des alten Rußland richtet, während Norwegen, Belgien und Schweden im Hintergrund rangieren und Italien beispielsweise überhaupt nicht gefragt ist, ergibt sich aus der weiteren Aufschlüsselung der Einsendungen. Von jenen 515 Teilnehmern an der Abstimmung geben 11 ihr Votum an Goethe; ebensoviel an Emil Ludwig, Chesterton, John Knittel, Kipling, Anatole France, Proust, Antoine de Saint Exupéry. Rilke wie Jean-Paul Sartre werden von je zehn der Einsender postuliert. Hingegen verlangen 33 Remarque, Traven, Tucholsky; 31 Frank Thieß, Thomas Wolfe und Galsworthy; 29 Heinrich Mann; 28 Fallada, Gottfried Keller und Upton Sinclair; 26 Alfred Döblin und Dostojewskij und 25 André Gide. Dickens und Joseph Conrad hinwiederum stehen mit je 35 Punkten weit über Faulkner (mit 21) und Thornton Wilder (mit 17), Insgesamt werden mehr als sechshundert Verfasser namentlich präsentiert; darunter nur viel Kriminalschriftsteller (wie Conan Doyle und Wallace). Ein einziger Leser bloß heischt unentwegt seine Courths-Mahler. Demgegenüber werden Wilhelm Raabe und Margaret Mitchell, je 22mal, Fontane, John Steinbeck, Aldous Huxley Shaw, Flaubert und Tolstoi je 19mal in Ansatz, gebracht. –

Aus dem regen und überwiegend bejahenden Widerhall seiner Arbeit zieht der Rowohlt-Verlag mit Fug den Schluß, daß seine Rotationsdruck-Publikationen noch mancherlei weitreichende Möglichkeiten in sich bergen Seine Planungen zielten daher auf eine Vervielfältigung des Unternehmens auf die Herausgabe einer politischen, wirtschaftlichen und philosophischen Reihe, einer Folge von Biographien und Tatsachenromanen, einer Jugendbuch-Reihe und einer illustrierten Kunstbuchreihe "Rb-Ro-Ku". Zuletzt ist mit André Gides "ironischem" Roman "Die Verließe des Vatikans", Ignazio Silones "Fontamara" und Eric! Kästners "Drei Männer; im Schnee" ein nicht unwesentlicher Schritt der Annäherung an die dem Unternehmen zugrunde liegende Idee getan worden. Sonderlich Gides Romandichtung, die zu den kurzweiligsten und elegantesten ihrer Gattung gehört und zugleich den Leser geradezu abrupt hineinreißt in die Auseinandersetzung mit den konsequentesten Immoralismus, / zählt hierbe schwerwiegend mit. Und Silones Dorfroman am den Abruzzen ist jenen bleibenden Selbstdarstelhingen im erzählerischen Kunstwerk beizurechnen, deren Dichter sich als legitime Sprecher eines ganzen, Leades ausweisen.

Hansgeorg Maier