Wir leben in einer Zeit, in der das alttestamentarische Empfinden und Urteilen sich immer stärker durchsetzt. Das Gesetz Auge um Auge, Zahn um Zahn regiert die Stunde, und der Gott des Alten Testamente, der von sich selber sagte, er sei ein eifriger, oder wie wir sagen würden, effernder Gott, bestimmt das Bild der Autorität, und zwar der staatlichen Autorität; denn für echte Götter ist kein Raum mehr in unserer Zeit. Statt ihrer haben wir nun die Weltanschauung, die mit der ganzen Unduldsamkeit und dem herrischen Heilsanspruch des alttestamentarischen Gottes von dem einzelnen Menschen fordert, er möge sich entscheiden zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Und wieder gilt wie im Mittelalter der Satz cujus regio ejus religio oder in modernes Deutsch übersetzt: Wer die Herrschaft ausübt, der bestimmt die Weltanschauung.

Ein staatlicher Herrschaftsbereich hat eine geographische Begrenzung. Nicht so unbedingt ist dies der Fall im Hinblick auf die Weltanschauung, und eben aus dieser Tatsache erwachsen alle jene Konflikte, die eine Konsolidierung der Welt so schwierig, ja man möchte fast sagen hoffnungslos, erscheinen lassen. Der Nationalsozialismus hatte mit jenem ihm eigenen Machtinstinkt die Gefahr der sogenannten- überstaatlichen Mächte für den eigenen Totalitätsanspruch seiner Weltanschauung erkannt und sie mit äußerster Brutalität bekämpft. Gleichzeitig hatte er die eigene staatlicheJslacht dadurch zu stärken versucht, daß in einem riesigen Umsiedlungsprozeß alles, was je deutsch war, "heim ins Reich" geholt wurde und in den eroberten Gebieten alles, was sich nicht zu der neuen Weltanschauung des "Deutschtums" bekennen wollte, vertrieben wurde. Auf diese Weise sollte die geographische Grenze des Herrschaftsbereiches mit der weltanschaulichen in Übereinstimmung gebracht werden. Dieser ganze Spuk ist. über Nacht in sich zusammengestürzt, aber leider ohne die ihm eigenen Ideen und Methoden unter sich zu beraben. Geblieben ist die Unduldsamkeit, der Zwang, sich alternativ zu entscheiden und der Wunsch, im eigenen Herrschaftsbereich die eigene totale Weltanschauung, durchzusetzen und sie zur Maxime zu erheben. Geblieben sind die Methoden einer millionenweisen Aussiedelung von Staatsbürgern, deren Staatsbereich durch Grenzverschiebungen verändert worden ist. Und wieder hat Deutschland die ganze Last der Auseinandersetzung zu tragen. Denn. diesmal geht, die geographische Grenze zwischen den widerstreitenden Weltanschauungen mitten durch unser Land. Ja, nicht genug mit dieser Tatsache, im Grunde geht sie durch jedes einzelne, Kabinett und jedes Parlament der Westzonen, wie wir an den Ereignissen, in Nordrhein-Westfalen gesehen haben. Wenn in der Ostzone diese Problematik nicht in dem Maße akut ist, so deshalb, weil dort, wo Irrtum, als Sabotage und abweichende Meinung ab Landesverrat gewertet werden, natürlich die Gleichschaltung und Anpassung an die östlichen Begriffe schon sehr viel weiter gediehen sind, als der gleiche Vorgang im Bereich der westlichen Demokratien.

Als der kommunistische Abgeordnete Ledwohn im nordrhein-westfälischen Landtag alle diejenigen, die an den Frankfurter Beschlüssen mitgewirkt oder sie gebilligt haben, als Landesverräter bezeichnete, und die beiden kommunistischen Minister Paul und Renner sich mit dieser Auslegung identifizierten, wurde sehr deutlich, daß diese Exponenten der östlichen Weltanschauung ihre von Molotow in London formulierte Parteidoktrin für wichtiger erachten, als die Interessen der Westlichen Bevölkerung, die ohne den Marshall-Plan zum Hungertode verdammt wäre. Die Parole "Die Partei befiehlt dem Staat" ist also wieder zu neuem – leben erwacht.

Von hier aus gesehen ist der Vorwurf des Landesverrats, der in der Regierung in Düsseldorf die Kabinettskrise ausgelöst hat, eigentlich nur ein Mißverständnis, das durch die kommunistische Identifizierung von Partei und Staat herbeigeführt wurde. Man könnte dabei auf den Gedanken kommen, daß derartige Mißverständnisse in Zukunft am ehesten dadurch vermieden werden, daß die Vertreter der kommunistischen Weltanschauung in den geographischen Herrschaftsbereich ihrer Doktrin, also nach Rußland, gehen, vielleicht im freiwilligen Austauschverfahren mit denjenigen; die lieber in einer westlichen Demokratie leben, dann würde endlich das moderne Problem, den geographischen Herrschaftsbereich mit dem weltanschaulichen in Übereinstimmung zu bringen, gelöst sein. Dff.