Im arabischen Raum herrscht seit Monaten eine fieberhafte Tätigkeit. Konferenzen in Kairo, Ministerreisen von Syrien nach Saudi-Arabien, von Saudi-Arabien nach Ägypten. Aufstand in Bagdad und Vorbereitungen zu Verhandlungen zwischen, einzelnen Staaten der Arabischen Liga und England. Von all, diesen Ereignissen wird voraussichtlich die Tagung der Arabischen Liga, die am 14. Februar stattfand, den nachhaltigsten Eindruck auf die künftige Politik dieser Gebiete ausüben. Es wurde nämlich dort ein Abkommen Aber die Vereinheitlichung der Außenpolitik der arabischen Länder getroffen. Wenn dies auch nicht. bedeutet, daß die Liga von sich aus Verträge abzuschließen, berechtigt sei; so wird doch ausdrücklich festgestellt, daß die Liga mit Großbritannien Vorverhandlungen für die arabischen Staaten führen könne.

Aus dieser Vereinbarung geht zweierlei hervor: Erstens, daß die arabischen Staaten als Antwort auf die Bevin-Rede die das englische Interesse am Mittelmeerraum sehr deutlich betonte, zu gewissen Verhandlungen ihrerseits bereit sind und zweitens, daß sie entschlossen sind, nur kollektiv zu handeln, Interessanterweise ist Sie Initiative zu diesem Beschluß von dem irakischen Außenminister ausgegangen, was die Vermutung nahelegt. daß das Verlangen nach einer gemeinsamen Außenpolitik sowohl aus der Befürchtung erwächst. die einzelnen Staaten könnten andernfalls in die verschiedenen Lager der Großmächte aufgespalten werden, wie auch aus der Sorge vor der nationalistischen Reaktion der eigenen allenthalben fanatisierten Bevölkerung. Der bisherige Ministerpräsident des Irak, der über den britischirakischen Vertrag gestürzt ist, hat in verschiedenen Äußerungen immer wieder und durchaus glaubhaft betont, daß der Boykott dieses Vertrages keineswegs auf eine sachliche Kritik an den Bedingungen zurückzuführen sei, sondern ausschließlich auf die erregte Volksmeinung in Bagdad, die im Hinblick auf Palästina immer englandfeindlicher würde.

Von hier aus gesehen erscheint die englische Palästinapolitik, wie sie dieser Tage auch wieder vom englischen Kolonialminister Creech Jones in Lake Success vertreten wurde, durchaus verständig. wenn auch ein englischer Kritiker der Bevin Politik meint, daß die überstürzte Räumung Palästinas mit dem Motto: "Nach uns das Pogrom" unverantwortlich sei. Wenn die gesamten englischen Verwaltungsorgane. und ein gut Teil der Armee am 15. Mai Palästina verlassen haben werden, wird damit voraussichtlich der unmittelbare Anlaß, an der höchst undankbaren Tätigkeit der Engländer in Palästina Anstoß zu nehmen, für die Araber entfallen. Jedenfalls besteht wohl kein Zweifel darüber, daß England sich im Vorderen Orient, wenn auch auf ganz veränderten Grundlage, allmählich wieder durchsetzen wird. Allerdings sind-zuvor vor allem in Ägypten noch zahlreiche Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen.

Die Hauptbemühungen der arabischen Staaten reiten heute dem Versuch/sich aus dem Ost-West-Konflikt der Großmächte herauszuhalten, ohne dabei im Ernstfall und der Ernstfall heißt für sie eine direkte Intervention Rußlands in ihrem Bereich – einer Unterstützung von außen verlustig zu gehen. Wenn England mit dem Abbau seiner imperialen Machtpositionen, im Vorderen Orient auch an Prestige verloren hat, so ist andererseits die Bereitschaft, auf der Basis der Gleichberechtigung zu verhandeln – und der Rückzug aus Indien ist in diesem Sinne: durchaus positiv gewertet worden – recht groß. Politische Bindungen an Amerika das im Hinblick auf Palästina keine Glanzprobe seine; Nahost-Politik abgelegt, hat und allzu unberechenbar in seiner antisowjetischen Doktrin wirkt, erscheinen den arabischen Staaten zu riskant; ein Rückhalt an England, das keine unbegrenzte Machtstellung mehr einnimmt, ist schon eher diskutabel, mindestens für die Regierungen der arabischen Staaten, wenn auch noch nicht für die Masse der Bevölkerung.

es geschieht nun allerdings leicht, daß man sich eine übertriebene Vorstellung von dem Gewicht der Arabischen Liga macht. – Man darf nicht vergessen, daß ihre Mitgliedstaaten zum Teil mit dynastischen Feindschaften belastet sind. Gerade während der letzten Wochen – und überdies ernsthafte Konflikte zwischen Libanon und Syrien ausgebrochen. obgleich diese beiden Staaten eigentlich vom Schicksal zu der Rolle siamesischer Zwillinge verurteilt sind. Liest man aber, was Sir Edward Speares, der bis 1944 Gesandter in Syrien war, und der als einer der besten: Arabien kennet Englands gilt, von der Tagung des transjordanischen Parlaments schreibt, das einschließlich – der sieben Minister nur 26 Abgeordnete umfaßt, wie dort der König und sein Sohn auf erhöhten Sesseln in diesem "fast idealen legislativen Gremium wortkarger, weiser Sind ernster Scheichs" sitzen, so Wird deutlich, daß man diese Länder nicht mit europäischen Maßstäben messen kann. Besonders ayf den entferntesten Mitgliedsstaat der Arabischen Liga, den nördlich Aden gelegenen Yemen trifft dies zu. Seit Mitte Januar kursierten Gerüchte Aber den Tod des Imam Jachia bis endlich nach mehrfachen Dementis am 19. Februar aus Kairo gemeldet wurde, daß er und drei seiner elf Söhne ermordet worden seien. Die Arabische Liga hat daraufhin soeben beschlossen, eine Kommission nach Sanäa der Hauptstadt des Yemen, zu entsenden, um sich Gewißheit über die dortige Lage zu verschaffen.

Wenn auch die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder und ihre militärische Bedeutung einstweilen noch kaum ins Gewicht fallen oder mindestens sehr unterschiedlich sind, so genügen doch: zwei Tatsachen, um den arabischen Staaten – ganz abgesehen von ihren Ölvorkommen – in der Weltpolitik der nächsten Zukunft eine sehr gewichtige Rolle zuzumessen. Einmal ihre Lage in rein, geographischer Hinsicht (Mittelmeer, Persischer Golf und Sueskanal) und zum andern in geistigpolitischer Beziehung. Die arabischen Staaten sind das Zentrum des zu immer stärkerer Bewegung erwachenden Islams und insofern reicht ihr Einflußgebiet wirklich von Gibraltar bis Pakistan. Schon heute ist die Anziehungskraft der Arabischen Liga für die Unabhängigkeitsbestrebungen "Nordafrikas von Marokko bis Tunis ein wesentliches Antriebsmoment Abd el Krim ist dabei, eine nordwestafrikanische Liga zu gründen und kämpft mit wachsendem -Erfolg gegen die französische Vorherrschaft. In Tunis wurden Nationalistenführet verhaftet, und vor einigen Tagen mußte dort der Ausnahmezustand verhängt werden, Auch im Osten, in Persien, breitet sich der orthodoxe Islam immer weiter aus; die säkularisierenden Reformen des Schah Rhesa Khan, auf die man noch vor wenigen Jahren stolz war. werden als Irrtum und Grund aller Übel verabscheut, die Frauen gehen wieder verschleiert und die religiöse Unduldsamkeit ist derart angewachsen, daß verschiedene Siedlungsgruppen Andersgläubiger mit allen Mitteln versuchen, auszuwandern. Das geistige Zentrum des Islam ist heute Kairo und die Universität. El Azhar die älteste theologische Bildungsstätte, die über annähernd 300 Professoren verfügt und an der die jungen mohammedanischen Intellektuellen Nordafrikas. Arabiens und des islamischen Asiens ausgebildet, werden. Von dieser Brutstätte eines ferventen religiös-politischen Nationalismus gehen tausend Fäden in die entferntesten Länder des mohammedanischen Glaubensbereichs. In diesen geistig-religiös-politischen Energien liegt die Stärke und zugleich auch die Gefahr der arabischen Staaten.

Marion Gräfin Dönhoff.