Von Wilhelm Peters

Unter dem Titel "Trost der erschrockenen Gewissen" hat die "Zeit" in ihrer vorigen Ausgabe (Nr. 7 vom 19. Februar) die Frage des Lehrstoffes und der Lehrmethoden auf den Universitäten angeschnitten. Der folgende Beitrag nimmt das gleiche Thema auf und versucht, zu positiven Vorschlägen zu kommen.

Es ist wahr, daß die Entwicklung der Wissenstraft mit ihrem Fortschritt und ihrer Ausdehnung zu einer immer größer werdenden Spezialisierung und Aufspaltung in einzelne Wissensgebiete geführt hat. ohne die höchste Leistungen kaum noch denkbar sind. Es ist auch wahr, daß diese Entwicklung bei der Ausbildung des Nachwuchses die Gefahr birgt, die allgemeine Bildung konnte gegenüber der speziellen Berufsausbildung immer mehr zurückgedrängt werden. Wie dies schon in der "Zeit" (Nr. 7) nachgewiesen wurde, tritt auf den Hochschulen immer entscheidender die Ausbildung für den Beruf hervor, – während die allgemeine Bildung auf das beschränkt bleibt, – was die Mittel- und Oberschule nach dem, Elementarunterricht zu – bringen vermag. Sowohl die Universitäten als auch die technischen, und anderen Hochschulen, die sich in der Ausbildung sehr nach den spezialisierten Bedürfnissen der Industrie und Wirtschaft richten, drohen zu schematisierenden und nivellierenden Ausbildungsanstalten für bestimmte Berufe herabzusinken. Die Folge ist, daß die allgemeine Bildung immer mehr zurücktritt und daß die Berufsbildung sich weiter spezialisiert: schließlich, vermag der einzelne nicht einmal in seinem Hauptfach das Ganze mehr zu überblicken, jede kulturelle Entwicklung aber ist abhängig von der Gesamtschau und keineswegs so sehr vom speziellen Einzelwissen: Forscher wie Newton. Galilei haben aus der Weltperspektive und nicht aus dem Fachwissen ihre Resultate gefunden. Es ist daher wichtig, damit das allgemeine Bildungsniveau gehoben werde, insbesondere dem jungen Akademiker eine möglichst gründliche Allgemeinbildung zu geben auf die er dann seinen Spezialberuf in seinem Gesamtfach aufbauen kann. Dies aber ist erst erfüllbar, wenn wir über den außerordentlichen Leistungen des wissenschaftlichen Spezialistentums die Synthese finden. Wie ist dies, nun zu erreichen?

Seit erdenklichen Zeiten geht das Streben des zivilisierten Menschen, nach einem Bildungsideal, das in ihm den göttlichen Ruf zu einem letztgültigen Ausdruck bringt. Der Menschheitsgedanke im Sinne des Humanismus entstand schon im Altertum: Eine wesentliche Seite des klassischen Griechentums war das Schönheitsideal der gleichmäßig gen Ausbildung von Körper und Geist. In der Renaissance tauchte der Humanismus als Ideal des Menschlichen in neuer Form auf; er, verdichtete sich in der Humboldt-Schiller-Zeit als Neuhumanismus zu einem abstrakten Menschheitsideal mit geistig-sittlicher Aufgabe. Bei alledem standen die Geisteswissenschaften im Vordergrund. Dann aber: führte die Entwicklung der Naturwissenschaften nicht nur zu einer Abspaltung, sondern sogar zu einer Kluft zwischen naturwissenschaftlich-mathematisch und philosophisch-historisch Gebildeten. einer Kluft, die heute so groß ist, daß.sich beide Kreise in ihrem Denken und Streben kaum noch verstehen. Dieser Gegensatz wurde schließlich durch die aus den, Naturwissenschaften als angewandte Wissenschaft entstandene Technik weiterhin verschärft: während nämlich die Naturwissenschaft von ihrem Ursprung aus die Erkenntnis der Natur im einzelnen wie in ihrem Aufbau und ihren Gesetzen erstrebt, und damit einen rein idealen Zweck verfolgt, bedient sich die Technik dieser Einsichten und Erfahrungen, um die Naturstoffe und -kräfte den Menschen praktisch nutz- und dienstbar zu machen. Die spontane Entwicklung der Technik und ihre hemmungslose Ausnutzung in der Wirtschaft hat zweifellos die Herrschaft jenes Materialismus begünstigt, der unsere Kultur heut? mit dem Untergang bedroht. Deshalb sehen die Vertreter; der sprachlich-literarischen Bildung in der Technik den Feind aller Bildung überhaupt und vermögen ihr keine gute Seite ab- – Zugewinnen: sie übersehen dabei aber, daß zunächst einmal ihr geisteswissenschaftlicher Humanismus versagte: er besaß nicht das Rüstzeug, die geschichtlich-literarischen und naturwissenschaftlichen Werte des gegenwärtigen Lebens zum Nutzen der gedeihlichen Entwicklung der Menschheit zur Einheit zu bringen. Inzwischen ist die Technik mächtig; wie ein Riese weiter vorgeschritten und hat die Entwicklung der Naturwissenschaften immer mehr vorangetrieben; Physik, Chemie und Mathematik wurden gefördert und wieder wurden technische Fortschritte errungen, Und jetzt, beruht auf der Technik letzthin unsere gesamte Zivilisation. Zwei Drittel der Menschheit stehen irgendwie in ihrem Dienst: wir können ohne die Technik nicht mehr leben.

Es geht daher nicht an, dem Zeitrad in die Speichen zu fallen und es gar zurückdrehen zu wollen, etwa dadurch, daß man wieder einen all-, philologischen Humanismus zu predigen; anfängt. Auch der im wesentlichen auf; geisteswissenschaftlicher und philosophischer Grundlage aufgebaute Neuhumanismus ist für unsere heutige – Zeit nicht mehr, tragbar. Es ist also müßig. aus diesen älteren Formen für uns noch bindende Sätze auszuziehen. Die Lösung liegt vielmehr in der wissenschaftlichen Entwicklung selbst; Die neuesten Entdeckungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaft ten, insbesondere der Atomphysik, lassen immer mehr Bereiche hervortreten, die nicht mehr mit verstandesmäßigen und materiellen Mitteln angreifbar sind und dem Menschen notwendig die Allmacht des Schöpfers wieder vor Augen führen, die sich auch in der Sinnhaftigkeit und Planmäßige keit der Naturgesetze offenbart. Die physikalische Theorie ermöglicht so in ihrer, worteigenen Bedeutung das "Gott schauen". Eine neue Verbindung ist also zwischen Religion und Naturwissenschaft hergestellt. Ja, man darf sagen, daß dem Materialismus durch die naturwissenschaftliche Forschung selbst. der Boden entzogen wurde. Die Situation hat sich daher geändert: Von der Technik zur Kunst führt ein stetiger Weg über die exakten Naturwissenschaften, Biologie und die Geisteswissenschaften. Je weiter die Wissenschaften sich fortentwickeln, um so größer werden ihre gegenseitigen Berührungsgebiete und ihre innere organische Verflechtung: schon sind Physik und Chemie im Begriff, in der Atomtheorie zu einer höheren Einheit zu verschmelzen. Technik und Physik sind sowohl mit der Mathematik als auch untereinander eng verbunden. Biophysik und Medizin nähern und ergänzen sich immer mehr. Naturwissenschaft und Philosophie stehen, wieder im engen Zusammenhang. Kurz, die Universität der Wissenschaften kommt immer mehr zum Ausdruck. Mit der Verbindung von Religion und Naturwissenschaften ist aber auch der Ring über die Geisteswissenschaften, insbesondere die Philosophie, geschlossen und ihre Versöhnung mit den Naturwissenschaften erreicht. Was könnte folgen? Es folgt ein neues Bildungsideal des christlich-naturwissenschaftlichen Humanismus, der auf den modernen Theorien aufbauend zu einer Synthese der Wissenschaften und dadurch zur geistigen Haltung eines Menschen führt; der sich meiner Würde und seines Wertes neu bewußt ist. Eine Synthese der Bildung aber muß Voraussetzung sein; diese nicht im bisherigen Sinne eines möglichsten Wissens oder allseitiger Interessiertheit gemeint, die heute doch nicht mehr erreichbar ist, sondern in jenem Sinne, daß in jedem einzelnen das gesamte Universum in einer besonderen und beschränkten geistigen Form repräsentiert wird, die als eine Grundlage, auf der sich wissenschaftliches Denken und Arbeiten entfalten kann. Damit aber kommen wir in einen neuartigen Kontakt zu den Gütern der Kultur, die als Bildungsmacht neue Aufgaben erhält, indem wir weg vom bloß formalen Wissen zu jenen gesetzmäßigen Werten geführt werden, die ihrerseits wieder, nur so viel – gelten, als sie uns fähig machen, das Leben" innerhalb eines Berufes, ja das ganze Leben als Charakter zu meistern und uns jenen Idealismus, jenen Lebensschwung, geben, der uns das Leben lebenswert macht. Bildung ist so nicht mehr beschränktes Berufswissen um des eigenen Vorteiles willen, sondern universelles. Wissen zum Nutzen der Gemeinschaft und eine geistige Haltung, die zur Achtung der Mitmenschen anderer Berufe führt. Synthese der Bildung und Wissenschaft heißt, daß weder für engstirnige Spezialisten noch für universelle Dilettanten noch Raum vorhanden ist. Ein möglichst hoher Stand universeller Bildung steigert vielmehr die Leistungsfähigkeit in der speziellen Berufsarbeit und das für den Fortschritt erforderliche spezifische fachliche Können., Wie aber ist dieses Ideal einer wissenschaftlich-harmonischen Ausbildung praktisch zu erreichen?

Maß und Methode der Zusammenfügung und Verdichtung von Wissenschaft und Bildung hängen von den Anforderungen der Zeit, dem Stande der Wissenschaft, der Kapazität der Lernenden und Lehrenden ab. Wichtig ist schon die Forderung nach Einheitlichkeit der gesamten Schule, insoweit nämlich, als jede Einseitigkeit nach der geisteswissenschaftlichen wie nach der realwissenschaftlichen Seite vermieden werden und stattdessen die allgemein menschliche Bildung überall betont werden sollte, schon um ein Gegengewicht zur, vielfach nivellierenden, wirtschaftlich materiellen Seite der Ausbildung zu schaffen. Möglich erscheint zum Beispiel, mehrere Sprachen simultan zu lehren, Nicht umsonst werden übrigens sogar in den Realschulen mehr als 60 v. H. geisteswissenschaftliche Rächer gelehrt: die allgemein menschliche Geistes-, bildung ist. für die Lösung der Lebensaufgaben in der menschlichen Gesellschaft eben wichtiger als es die realistischen Disziplinen sind. Aber auch auf den Hochschulen muß die allgemein menschliche Wesensbildung durch die verschiedensten Gebiete der Geisteswissenschaften Weiter; gefördert und es muß neben der wissenschaftlichen auch die menschlich ethische Seite des Berufes hervorgehoben werden. Beim Wissenschaftlichem muß das Wesenhaft-Lehrhafte Menschheitsbildende und Lebendige in typischer Weise aufgezeigt und der Sinn für die großen Zusammenhänge und ihre Gesetze geweckt sowie die Fähigkeit, zu denken und wissenschaftlich zu arbeiten sowie die methodische Erkenntnis gefördert werden. Dies? Synthesen geben der Gesamtheit der-Menschen wie auch dem einzelnen Mittel an die Hand, die Ausnutzung oder Verpflichtung von Kulturgütern, durch unverantwortliche Elemente zu verhindern, dadurch, daß er dank seiner umfassenden Kenntnisse auch auf anderen Gebieten handelnd und beeinflussend einanderen kann, um Schäden wie zum Beispiel den asozialen Mißbrauch der-Technik zu Kriegszwecken zu verhindern. – So kann: Wissen in einem höheren. Sinne als bisher "Macht" werden, indem es sich unmittelbar in menschliche Werte umsetzt.