Es seine großen Künstler geliebt hat; denn die Gegenliebe bleibt ihm treu über das Grab hinaus. Der kleine Joseph schützte seine lieben Künstler, indem er die Kritik verbot. Er erfand den Kunstbetrachtet – Dieser durfte aber nicht einmal die Kunst, betrachten, sondern nur das Publikum, und dann mußte er schlicht erzählen, was es dazu gesagt hatte. Und schließlich nicht einmal das; nein, natürlich brauchte er auch das Publikum nicht zu betrachten, sondern am besten war es, er blieb ganz zu Hause, schrieb eine leichtverständliche Inhaltsangabe und traf die Erfolgsfeststellung: "einmaliges Erlebnis", "tiefe Ergriffenheit", ,,spontaner Jube" und so weiter, Besonders "Jubel" war immer richtig.

Jürgen Fehling, der neue Chef des Hebbel-Theaters. erklärte auf einem Empfang in Berlin, die Presse habe kein Recht zur Kritik sie hahe lediglich die Publikumsreaktion zu untersuchen. Februar 1948. Die Berliner Kunstbelauschersollen es wieder gut haben. Sie brauchen das Hebbel-Theater nicht mehr zu besuchen, denn die Reaktion können sie auch telefonisch erfahren. Wir vermuten, daß auch Fehling nur aufs Jubilieren aus. ist; denn warum sonst Kritikverbot? Also: zurück, zur Josephslegende!

– Dieser Fall ist nicht die einzige Fehlirgsgeburt der neuen Demokratie. Allenthalben gellt durch das deutsche Kunstleben der Protest gegen die Kritik und damit der Schrei nach dem "Proni". Wer heute kritisiert wird! irrt aufgeregt durch die Trümmerstraßen und sucht nach einem, der verbieten kannte. Ist er ein Mann von Temperament, so versucht er es vielleicht zunächst, seinen bösen Feind in offener Feldschlacht zu stellen und wie der junge Maler Klecksel im Redaktionsbüro den Dr. Hinterstich mit Bleistift Nr. 5 von Faber tätlich anzugreifen: Verläuft diese Aktion ergebnislos, winken andere Hoffnungen, den Kritiker zu stürzen oder mindestens seine Kompetenz bei einer geeignet erscheinenden Behörde, einem Berufsverband; oder in der "Gesellschaft" in Frage zu stellen. Geht dies fehl, so bleibt noch die politische Verdächtigung, das bewährte Universalmittel aus der Apotheke des verblichenen Propagandaministers. Meist werden solche Hoffnungen betrogen. Denn ach, er ist nicht mehr, der gute, liebe Joseph, und sein wohltätiges Werk will noch immer nicht wieder so recht auferstehen.

Aber wir wollen zum Ernst übergehen. Die Rufer nach Josephs Geist gleichen den Mondsüchtigen, die nichts von der Gefahr ahnen in der sie sich befinden. Die Erfahrung zeigt, daß annullierte Rechte des einzelnen leicht vom Staat adoptiert und von diesem in verschärfter Form ausgeübt werden. Schon Joseph kommandierte gern die Poesie und ernannte, diejenigen, die sich am besten kommandieren ließen, zu großen Männern die er, wie gesagt, seinerseits vor der Kommandierung" durch die Presse schützte. Im Osten sehen wir, wohin dies System, bei weiterer Entwicklung geführt hätte. Zwei sowjetische Komponisten sind, von Amts wegen gerügt worden, daß ihre Kunst den Massen zu wenig Anlaß zum Jubeln gebe. Sie haben sich entschuldigt und gelobt, sich zu bessern. Der eine ist weltberühmt; er heißt Prokofieff. Er dankte der Partei, daß sie ihmgeholfen habe, seine Fehler zu entdecken und auszumerzen"... Wir erschauern in Ehrfurcht vor der Sachkenntnis einer politischen Instanz. die einem Meister von diesem Rang Kompositionsfehler nachzuweisen vermochte? W. Abendroth