Es ist verdienstvoll, daß Zeitungen und Zeitschriften nach den nationalsozialistischen Jahren des auch in kultureller Hinsicht Ausgesperrtseins einen Blick auf Proben der modernen Literatur des Auslandes vermitteln. Aber es scheint uns allgemach nicht minder wichtig, auch auf die Bemühungen der deutschen Autoren zu verweisen, die – sei es vom Stoff; sei es von der Form her – die Gegenwart zur Kunst gestalten. Dies wollen wir – den Möglichkeiten unserer Wochenzeitung entsprechend – vor allem Rahmen der Kurzgeschichte und unter dem Motto Gegenwärtige Erzählungen" tun. – Ernst Kreuder, geboren in Zeitz, ist bisher durch Erzählungen und Lyrik hervorgetreten. Seine Bücher "Schwebender Weg", "Die Geschichte durchs Fenster", und "Die Geschichte vom Dachboden" (Rowohlt-Verlag) haben durch sprachliche Schönheit/und das Wagnis, das Unsagbare auszusagen, Aufsehen erregt, Leichter Regen fiel in der Dunkelheit. Ich schritt durch die spärlich beleuchteten, verlassenen Altstadtgassen dem Fluß zu. In der Nähe der alten Brücke hoffte ich eine Schenke zu finden, in der es leer war, in der vielleicht der Wirt hinterm Ofen schlief und nur das Ticken der Wanduhr und das leise Rauschen des Gaslichtes zu hören waren. Dort würde ich in einer dunklen Ecke an einem alten Holztisch sitzen und schweigend mein Bier trinken und langsam in jene Stimmung geraten, in der die Bilder der Erinnerung wieder. Macht über uns gewinnen. Da wurde ich plötzlich aus einem dunklen Torbogen angerufen.

"Gehen Sie nicht vorbei", sagte jemand. Unwillkürlich blieb ich stehen. "Ich weiß, was Sie in dieser Nacht suchen", fuhr die Stimme fort, "wenn Sie keine Angst haben, dann folgen Sie mir."

"Ich habe keine’Angst", sagte ich. "Können Sie mir nicht sagen. worum es sich handelt?"

"Sie sind auf der Suche nach verlorenen Dingen", sagtedie. Stimme zögernd. "Sie könnten sie bei uns finden. – Wenn Sie nicht wollen, dann gehen Sie jetzt bitte weiter."

"Gut", sagte ich, "ich will es mit Ihnen versuchen. Können Sie wenigstens etwas Licht machen?"

"Licht ist unnötig", sagte die Stimme. "Es genügt, daß Sie mir Ihre Hand reichen." –

Ich zauderte, dann trat ich in den dunklen Torweg und streckte meine Hand aus. Sie wurde von der kräftigen, großen Hand eines Mannes ergriffen und fortgezogen. Ich ging hinterher. Das Torgewölbe war ziemlich lang. Tiefe Stille umgab uns. Jetzt schloß der Mann der in der Finsternis zu Jetzt schien, eine schwarze Tür auf und hinter uns wieder zu. Wir schritten breite Steinstufen hin- – unter! es dauerte lange, bis wir unten waren. Geradeaus-ging es dann wieder weiter, noch immer war alles völlig dunkel. "Wird es noch lange dauern? Wie war doch Ihr Name?"