Nach Ausbruch des letzten Krieges wurde icheines Tages gebeten, mich zu der Frage "Welches Buch würden Sie mit an die Front nehmen?" zu äußern. Kurz darauf wurde ich eingezogen. Als ich fünf Jahre später, den Todesmaschinen entgangen, "äußerlich" unversehrt, wieder vor meinen Büchern zu Hause stand, hätte ich mir die Frage "Welche Bücher können nun danach noch bestehen?" nicht gleich beantworten können.

Da stand ich also wieder vor meinen Büchern. Wie war das nun mit der Begeisterung, welche sie einst in mir erregt hatten? Albrecht Schaeffer, Hermann Hessem Kafka, Emil Belzner, Proust, Julien Green, Thomas Wolfe, Joyce und Faulkner, Bernanos und G. K. Chesterton? Als erstes las ich ein Buch über Rimbaud wieder. Danach einen fröhlichen weisen Roman von Chesterton. Das sagte mir zu. Dieser junge Rimbaud, der abends durch die Gassen von Paris hungrig wandert und aus Mülleimern sich sein Abendbrot herausfischt und diese enormen Dinge schreibt! Und dieser große Ire, der das schönste Buch über Dickens geschrieben hat!

Aber was hatte sich ereignet, daß mir die "Spitzen" unter meinen Büchern plötzlich stumpf vorkamen? Weshalb erschien mir der drastische Realismus moderner westlicher Autoren jetzt künstlich und undichterisch? Warum ließ mich die alles und jedes zerfasernde und entblößende Tiefenpsychologie gewisser europäischer Romane gleichgültig? Die phantomische Kahlheit der "ausweglosen" Depressionisten ebenso wie die Selbstherrlichkeit der schizoiden Phantasten? Was war geschehen?

Lag es an meinen "fünf Jahren"? Ich hatte sie mit dem verdreckten verklebten Zeug, das ich getragen nicht abgelegt. Kein heißes Bad brachte sie von der Haut ab, sie saßen darunter. Sie saßen beim Lesen in mir, sie waren zugegen. Und mehr als einmal war es nicht nur verschwitztes, verkrumpeltes "Zeug" gewesen, das mir um den Leib schlotterte, sondern eine Art von Totenkittel. Und diesen Kittel hatte ich auch nur äußerlich ausgezogen. Er hatte abgefärbt, auf die Knochen, ins Blut. Man wird hier einwenden, dies sei keine "normale" Situation, um Literatur zu beurteilen. Ich konnte erwidern, daß unsere heutige Situation in anderer Weise ebensoweit von einer normalen entfernt sei. – Aber wie war es nun eigentlich diesen unglückseligen Dichtern ergangen? Wie waren sie zu ihrem Weltschmerz, zu ihren Verwünschungen des Daseins gekommen? Wie stand es mit ihren Klagen? Wie konnte mir das jetzt nur so unverständlich, vorkommen? Warum könnte ich das gar nicht mehr begreifen, der ich im letzten Augenblick noch "einmal davongekommen" war?

Als Ausnahmen ließ ich die ,,Besessenen" gelten, und jene, die durch Selbstmord oder in Umnachtung geendet hätten. Alle anderen hatten aber auch zweifellos "gelitten". Unter den "Verhältnissen"? Nicht immer. Unter Schicksalsschlägen? Mitunter – am meisten eben wohl an ihrem höchst persönlichen, ganz privaten Selbst. Vielen war es verhältnismäßig nicht schlecht gegangen. Aber wie hatten sie gejammert!

Und wie war es mit den krampfigen Schreien unserer einstigen Expressionisten? Einige wenige von ihnen waren dem Wehrbezirkskommando damals nicht entkommen. Welchen von ihnen konnte man nach diesem zweiten motorisierten Kriege wirklich noch ertragen? In der Lyrik keinen außer Heym, Trakl und Benn. Und in der Prosa auch nur die die im Grunde keine Expressionisten waren.

Von den Ausnahmen, die den vorigen Krieg, mitgemacht hatten, abgesehen – unter einigen ganz bestimmten Einwirkungen hatten all diese empfindsamen Dichter nicht gelitten, Nämlich unter dem Äußersten – Grenzhaften: Grauen; grausiger Todes-, angst. Ich habe den drastischsten Fall herausgegriffen. Aber schon acht Wochen "Grundausbildung": es hat sich mehr als einer dabei auf der Latrine erhängt, und es waren nicht immer die Schmächtigsten. Sind wir berechtigt zu sagen, daß es den Dichtern unserer Bücherregale schlechthin nicht möglich war, von gewissen "grenzhaften" Erlebnissen, die wir nun hinter uns hatten, getroffen, heimgesucht zu werden? Und doch wie haben sie oft ein Leben lang geklagt!