Von Jan Molitor

Von 210 Studenten der ’Hamburger Universität,die im Herbst des vergangenen Jahres zur Erntehilfe’ In England waren, hat inzwischen eine größere Ahzahl in internen Berichten die Erfahrungen niedergelegt,die die deutschen Gäste im Umgang mit den Engländern auf der britischen leid machten. Diese Erfahrungsberichte, niedergeschrieben aus persönlichem Temperament des einzelnen, ergeben insgesamt ein.objektives Bild der Gefühle, die der Engländer in seinem Heimatlande den Deutschen entgegenbringt.

Der eine, ein stud. rer. pol. hat auf; grünen Blättern, die Ähnlichkeit mit Aktenbogen haben, eine Art Gutachten abgegeben.Ein gründlicher junger Mann – das kann man wohl sagen – der, bevor er über seine englischen Kommilitonen schrieb, ersteinmal über die deutschen ein paar Worte verlor: "Es gibtkeinen Typ des deutschen Studenten." Nicht umsonst fanden also auch die Studenten von Cambridge daß die Deutschen "sehr verschieden seien". Ob es dennoch wohl ein Gemeinsames dessen gab, was sie in England wollten? – "Spätestens bei der Rückfahrt fühlten wir, daß wir so etwas wie eine Mission gehabt hätten: nämlich einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen." Der andere, der Tinte und Feder lebend führte, als hätte er einen Brief zu schreiben, hat sich – ein Einzelgänger von Natur nach eigenem Geständnis – mit den deutschen Kriegsgefangenen in England mehr beschäfigt als mit den Engländern selbst und schreibt von einer gewissen Popularität, – deren sich die PeWs erfreuen, von der Achtung, die sie sich erworben haben als tüchtige Facharbeiter, als Menschen von geistiger Beweglichkeit und durch ihre oft ganz erheblichen englischen Sprachkenntnisse". Und er schreibt: "Das schiefe Bild, das die Kriegspropaganda vom deutschen Menschen notwendigerweise vermitteln wüßte ist jedenfalls durch die Anwesenheit der PoWs in Eng- – land längst korrigiert worden." So daß wir – klänge es nicht verwegen – hinzufügen cönnten: Kriegsgefangene sind bessere Diplomaten.

Nun gut, tun unserer Gefangenen wilen laßt uns bei diesen Zeilen noch ein wenig; verweilen:Interessieren sich die atmen Teufel, die, obwohl sie sich heimwärts sehnen; immer noch in den englischen Lagern sitzen, für deutsche Politik.? Der Student schreibt;Jedem Gast aus Deitschland wird zunächst ein gewisses Mißtrauen entgegengebracht. In Trumpington zum Beispiel einem großen Lager in der Nähe von Cambridge. kam sofort die mißtraulsche Frage:‚... und vor welcher Partei sind Sie?Aber die Antwort, daß wir keiner besonderen Partei zugehörten ode wenigstens nicht im Auftrag einer solchen herübergekommen wären, schuf gleich eine ganz ändert Atmosphäre (und es wurde auch nicht mehr ‚Sie‘ gesagt). Die Erfahrungen mit deutschen Besuchern waren, den Berichten der PoWs zufolge, alerdings teilweise recht unerfreulich. Der Höhepunkt war in Trumpington, als ein Vertreter der SPD und einer der SED sich vor. versammelter Mannschaft; so erzürnten, daß die PoWs selbst verhindern mußten, daß die politische Disputation in einen Boxkampf ausartete." So apart und sicherlich richtig diese Beobachtung ist, so bemerkenswert scheint auch folgende Feststellung, die der gleiche Student aus Hamburg bei dem Besuch im Lager der PoWs bei Cambridge machte: "Man kennt da nochnicht die Rücksichtslosigkeit dem Nächsten gegenüber, wie sie für unser Leben in Deutschland bezeichnete geworden ist. Im Lager lebt noch ein Rest jenes Gemeinschaftsgeistes, der nicht etwa eine bewußte Schöpfung des militärischen Zwangssystens war, sondern eine Reaktion der von ihm betroffenen Individuen auf eben dies System."

Der Student, der dieses schrieb, hatte, keine englischen Bekannten; bei denen er seine Freizeit verbringen konnte; da ist er halt zu den deutschen Kriegsgefangenen gegangen, hat ihnen von denZuständen in Deutschland erzählt und erhielt mit eindrucksvoller Regelmäßigkeit die Frage: .... und was tut ihr, um dies zu ändern...?"

Aus solchen Fragen klingt immer der Wunsch, bald nach Hause gehen zu dürfen. Denn trotz guter Behandlung ist ihnen "das deprimierende Gefühl des Gefangenseins" geblieben. – Gute Behaidlung? In Laindon (Essex). sitzen die Kriegsgefangenen hochgeehrt sogarim Stadtorchester das sich durch ihre Mitwirkung um die Hälfte verstärkt hat. Einst haben sie die Flinte gegeneinander gefühlt, jetzt führen sie miteinander den Fiedelbogen und spüren gemeinsam die alte Weisheit, daß ein Trommelwirbel besser klingt als ein Maschinengewehr. Und es mögen nicht nur die Studenten sein, die finden, daß so ein britisch-deutsches Konzert in England weitaus harmonischer tönt als eine gleichfalls deutsch-britische Diskussion politischen Inhalts im Lande der vier Zonen.

Wer eigentlich blieb steif und reserviert, wer eigentlich hielt sich, in England zurück,als die deutschen Studenten zu Besuch, nein, zur Arbeit dort waren? Einige aus dem Kreise der deutschen Emigranten hielten sich betont zurück. Doch sonst?