Lokalpatriotismus und Kult heimischer Eigenart werden von den meisten Hamburgern als "einfach gottvoll" bezeichnet, was den äußersten Grad von Absonderlichkeit bedeutet; ausgenommen ist natürlich Hamburg, wo man doch ganz andere Gründe hat! So wundert sich auch niemand, bis auf die Hellhörigen, daß die telephonische Zeitansage kürzlich ihre hochdeutschen Platten ausgewechselt hat, und daß es jetzt traulich heißt: "Viäh Uah achtunßwanßich".

Wesentlich anders jedoch klingt es aus dem ersten Band einer Heftfolge "Neues Hamburg, Zeugnisse vom Wiederaufbau der Hansestadt" (bei Hammerich und Lesser in Hamburg), die der Senatsdirektor Erich Lüth herausgibt. Die Absicht ist, Dokumentarisches der Gegenwart zu sammeln, um künftigen Geschlechtern, wie Lüthim Vorwort sagt, die Frage zu beantworten: "Wie seid ihr mit dem Grauen der Verzweiflung, den Sorgen der Verwüstung und den lähmenden Hemmungen eures bitteren neuen Anfangs fertig geworden?" Vor allem nimmt man in Bürgermeister Brauers Rede bei der Senatsverteidigung und in Wilhelm Spliedts Bericht überdie Hamburger Gewerkschaften den Sinn für größere Zusammenhänge wahr, den Blick über Alster und Elbe hinaus. Im übrigen wird auf den verschiedensten Gebieten die erschreckende Bilanz für Deutschlands zweitgrößte Stadt aufgemacht, die wie alles andere dem Hintersassen aus Braunau zum Opfer fiel. Lebendiges Material für uns Heutige, das in Jahrhunderten vielleicht mit behaglichem Gruseln gelesen wird.

Eine Hamburgensie vonfragwürdigem Wert ist "Das letzte Kapitel" von Kurt Detlef Möller (Hoffmann und Campe Verlag Hamburg), obwohl das Buch, nachdem öffentlich Lärm darüber geschlagen, auf dem Schwarzen Mark mit drei- bis fünfhundert Mark bezahlt wird. Die vom Verfasser als streng wissenschaftlich bezeichnete Arbeit will die Geschichteder Kapitulation Hamburgs darstellen, wurde jedoch von der Kritik der Glorifizierung des ehemaligen Gauleiters Kaufmann bezichtigt. Tatsächlich ist Möller von dem Ereignis, daß Kaufmann den Hamburgern jenes "allerletzte Kapitel" erspart hat, das mancher andern Stadt den völligen Untergang bereitete, ziemlich geblendet und neigt dazu, die vorangegangenen zwölf Jahre des gleichen Mannes zu vergessen. Naziprominenz bleibt Naziprominenz, auch wenn sie im letzten Kapitel Vernunft annimmt. Die Historische Einseitigkeit wurde für Möller besonders peinlich, seitdem seine früheren Huldigungen an Hitler und antisemitische Äußerungen bekannt geworden sind, und haben zu seiner Beurlaubung aus seinem Amt als Direktor des Staatsarchivs geführt.

Ob man den nachfolgenden Schnörkel als Hamburgensie oder als allgemein-deutsches Dokument betrachten will, mag jedem selbst überlassen bleiben. Ein Hamburger Museumsleiter schrieb in derersten Aufwallung Herrn Möller einen anerkennenden Brief für sein "Letztes Kapitel". Kaum war der öffentliche Sturm losgebrochen, als der Bruder des Briefschreibers von Herrn Möller den kompromittierenden Brief zurückerbat und sicherheitshalber auch gleich den Durchschlag aus der Museumsregistratur entfernte. O, dieses leidige Briefeschreiben! Dieses gefährliche, verführerische Schwarz auf Weiß! Lz.